Prozess
«Richter-Beisser» Kuno W. vor Gericht: «Ich brauche einen Coach»

Kuno W. schlug auch in der Untersuchungshaft zu. Nun zeigt er Bereitschaft, sich helfen zu lassen.

Lara Enggist
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Der als «Richterbeisser» bekannte Kuno W. muss sich seit letzten Freitag vor dem Amtsgericht Solothurn-Lebern verantworten. Es geht unter anderem um versuchte schwere Körperverletzung, Drohungen, Verleumdung, mehrfach versuchte Gewalt gegen Beamte und Behörden und sexuelle Belästigung; aus Sicht von Kuno W. Taten, welche durch die Opfer vermeidbar gewesen wären. Er muss sich auch für gewalttätige Handlungen während seiner Zeit im Untersuchungsgefängnis verantworten. Am Montag wurden weitere Zeugen angehört und die einzelnen Anklagepunkte durchgegangen.

Vor dem Amtsgericht warteten bereits einige Unterstützer von Kuno W. – unter anderem der St.-Ursen-Brandstifter Andres Z. – darauf, den Gerichtssaal betreten zu können. Der Angeklagte selbst wirkte zwar angespannt, aber selbstbewusst. Dass er für Aussenstehende schwer einzuschätzen ist, scheint er gerne zu zelebrieren.

In Opferhaltung gefangen

Während der Anhörung sprach er von Notwehr, davon, dass er keine andere Wahl gehabt hätte. «Warum haben Sie nicht versucht, die Konflikte gewaltfrei zu lösen?», fragte der Amtsgerichtspräsident von Dorneck-Thierstein, Markus Christ, bei einigen der 15 Anklagepunkte. Die Antwort des sprachgewandten Angeklagten: «Herr Christ, ich bin nicht so gesund wie Sie.» Mehr als einmal betonte er, dass ihn die Umstände zu dem gemacht haben, was er heute sei. Dass er bei dem Leid, welches er in den letzten Jahren erfahren habe, in gewissen Situationen einfach die Kontrolle verliere. In diesen Momenten, welche, wie er selbst sagt, durch bestimmte Vorkommnisse ausgelöst werden, spüre er sich selbst nicht mehr.

«Es ist, als würde jemand den Schalter umlegen», versucht es Kuno W. in Worte zu fassen. Kurz gesagt: Er brauche Hilfe. Er kämpfe für die Gerechtigkeit und wenn er sich ungerecht behandelt fühle, sehe er rot. «Aber bereuen tue ich trotzdem nichts», stellte der 55-Jährige mit kindlichem Trotz in der Stimme klar. W. kennt seine Rechte, die der Kläger und die Aufgabengebiete von verschiedensten Ämtern. Während der Anhörung begegnete er den Richtern schlagfertig und wortgewandt, das Waffengesetz kennt er in- und auswendig. Wie ein Dogma wiederholte er immer wieder den gleichen Satz: «Ich greife niemanden grundlos an, es kommt immer auf die Situation an.»

Drohungen und Lügen

Den durch das Gericht angehörten Privatklägern warf er gegen ihn gerichtete Drohungen und Lügen vor. Kuno W. bemängelte, dass die Kläger den Sachverhalt der Taten sehr ungenau schilderten und sich in einigen Punkten sogar widersprachen. Viele seiner Aussagen konnte er mit stichhaltigen Argumenten begründen. Oft verlor er sich aber in ausgedehnten Vorgeschichten und verlor teilweise sogar den Faden.

Auf die Frage des Anwalts einer der Geschädigten, ob W. die Gesetze und die Verfassung achte, musste er erstmals etwas länger überlegen. Er achte die Verfassung. Sie gebe ihm das Recht, sich zu verteidigen; so, wie er es für richtig empfinde. Der Anwalt hakte nach, wollte wissen, wo für Kuno W. die Rechte der Mitmenschen anfingen und wo sie seiner Meinung nach aufhörten. Doch dazu wollte sich der Angeklagte nicht äussern, warf dem Rechtsanwalt sogar vor, ihn aufs Glatteis führen zu wollen.

Festgefahrenes Programm

Kuno W. betonte immer wieder, dass er gar nicht anders handeln konnte, als würde ein festgefahrenes Programm seine Handlungen kontrollieren. Als ihn Amtsrichter Rolf Hofer darauf hinwies, dass man solche Muster auch «umprogrammieren» könne, stimmte ihm Kuno W. erstaunlicherweise sofort zu. Dieser zeigte sich während der Anhörung auffallend kooperativ, was wohl in erster Linie dem Amtsgerichtspräsidenten, Markus Christ, zu verdanken war, welcher mit einer bestimmten, aber einfühlsamen Art dafür sorgte, dass sich der Angeklagte ernst genommen fühlte. Mehrmals schüttelte er bedauernd den Kopf und machte Bemerkungen wie: «Ich halte Sie für hochintelligent. Mich erstaunen Ihre trotzigen Reaktionen und ich kann sie nicht nachvollziehen.»

Worauf der Angeklagte schlagfertig erwiderte, dass man ihn gleichzeitig für geisteskrank und hochintelligent halte, in seinen Augen ein Widerspruch. Christ appellierte immer wieder an die Vernunft von Kuno W., dass er sich mit seinem Verhalten nur selber Steine in den Weg lege. Am Ende der Gerichtsverhandlung versuchte Christ, ihn dazu anzuspornen, in seinem Leben in Zukunft mehr Kompromisse einzugehen. «Es wird Ihnen weiterhelfen im Leben», fügte Christ hinzu.

Am Dienstag werden von Kuno W.s Verteidiger, Rechtsanwalt Daniel Walder, und von Staatsanwältin Kerstin von Arx die Plädoyers gehalten. Auch Kuno W. wird das Wort ergreifen. Das – in erster Instanz – letzte Wort haben dann die Richter mit ihrem Urteil am 28. Februar.