Amtsgericht

Rentner findet sich plötzlich vor Gericht – wegen einer Biografie

Dass er es plötzlich mit der Justiz zu tun bekommt, hätte Kurt D.* nie gedacht, als er sein Buch schrieb.

Dass er es plötzlich mit der Justiz zu tun bekommt, hätte Kurt D.* nie gedacht, als er sein Buch schrieb.

Kurt D.* schrieb nach seiner Pensionierung eine Biografie über einen Auslandschweizer. Dafür musste sich der 80-jährige Autor plötzlich vor Gericht rechtfertigen Er soll Zitate geklaut haben. D. versteht die Welt nicht mehr. Eine schwierige Zeit.

«Das ist solch ein Irrsinn. Ich habe bis heute keine Erklärung, was diese Frau antreibt», rätselt der angeklagte Autor Kurt D.* vor der zweiten Gerichtsverhandlung, die gestern in seiner Sache stattfand. Er versteht nicht, warum Jane E.* ihn anklagt und auch nicht, was ihm die Staatsanwaltschaft genau vorwirft.

670 Seiten hat Kurt D. geschrieben; eine Biografie über den Auslandschweizer Felix A. Tschiffely, der mit seinem langen Ritt von Buenos Aires nach New York Berühmtheit erlangte.

D. hatte sich 2001 nach der Pensionierung nach Argentinien begeben, um die bedeutsame Rolle der Pferde bei der Eroberung des Landes zu erforschen. Dabei stiess er auf Tschiffely und realisierte, dass dieser es wert ist, ihm ein eigenes Buch zu widmen. Seine Recherchen führten D. zu umfangreichem, in einer Truhe in England lagerndem Material. D. nutzte dieses. Er habe auch Jane E. darüber informiert, die als literarische Nachlassverwalterin des 1954 verstorbenen berühmten Reiters auftritt. «Sie nahm das einfach zur Kenntnis. Nie erhob jemand Anspruch auf das Material», so Kurt D.

«Du kannst darauf zählen» – dachte er zumindest

Er hat die Quellen bei den zahlreichen Zitaten und Bildern in seinem Buch jeweils angegeben. «Es war nie meine Absicht, jemanden zu täuschen.» Er beschreibt am Anfang seines Buchs auch ganz offen die Materialbeschaffung. Ausserdem habe er stets geglaubt, das Material mit Janes Einverständnis zu benutzen. Er hielt sie schliesslich über neue Erkenntnisse und seinen Arbeitsstand stets auf dem Laufenden. «Wir wechselten Hunderte von Mails», sagt er vor einem Ordner mit ausgedruckten E-Mails sitzend. «Ich hatte volles Vertrauen in diese Frau.»

Über acht Jahre lang hatten sie Kontakt gepflegt. Jane E. habe ihn bestärkt und gelobt, nie etwas beanstandet. Sogar als sie 2011 von ihm das ganze Manuskript zum Lesen erhielt. Sie mailte 2015 kurz vor Druck: «Du kannst darauf zählen, dass unsere Organisation dein Buch unterstützen und fördern wird.»

Doch kurz vor Weihnachten 2016 stand Kurt D. dann aber doch bereits vor dem Amtsgericht Bucheggberg-Wasseramt. Jane E. hatte, als sie 2015 das gedruckte Buch erstmals in den Händen hielt, nämlich Strafanzeige gegen ihn wegen Urheberrechtsverletzung eingereicht, nachdem sie vorgängig bei etlichen Medienhäusern und bei Justizministerin Simonetta Sommaruga vorstellig geworden war und Interpol eingeschaltet hatte.

«Es ist eine eigentliche Verleumdungskampagne», meint der 80-Jährige, der aus allen Wolken gefallen war, dass ihn die Staatsanwaltschaft in einem Strafbefehl auch noch verurteilte. Er wehrte sich dagegen. Dann, im Dezember, kam es deshalb zum Prozess – und zu einem Vergleich. Demzufolge hätte der Autor sein Archiv einem Museum übergeben müssen. Doch später widerrief Jane E. diese Vereinbarung, so dass gestern nun erneut ein Prozess durchgeführt wurde.

Am gestrigen Prozess konnte Kurt D. dem Amtsgerichtspräsidenten, Ueli Koelliker, ausführlich die Entstehungsgeschichte des Buches vortragen. Verteidiger Fabian Wigger reichte Kopien des besagten E-Mail-Verkehrs ein – eine ganze Mappe. Er strich hervor, dass sein Mandant «nach wissenschaftlichen Massstäben» gearbeitet habe und nie einen finanziellen Gewinn anstrebte, obwohl er viel Zeit und Kosten investierte. Er argumentierte zudem, dass die Rechtssituation um die Nachlassverwaltung völlig unklar sei. Zudem sei Jane E.s Antrag zu spät erfolgt, denn sie habe vom Buch im Detail lange vor Veröffentlichung gewusst.
Dann der Freispruch. Aber Ende gut, alles gut?

Verteidiger Wigger zeigte weiter auf, dass nur Kunstwerke urheberrechtlich geschützt seien, nicht «gewöhnliche» Fotos, wie Portraitaufnahmen. Und das Urheberrecht liege beim Fotografen, nicht beim Abgebildeten. Anhand zahlreicher Beispiele zeigte er auf, dass Kurt D. Quellen und so weit bekannt, Urheber der von der Klägerin beanstandeten Materialien auswies. Er habe alles akribisch deklariert. Kritik äusserte er an der Staatsanwaltschaft, die habe die E-Mails nicht in Empfang nehmen wollen. Und zudem zweifelte er daran, dass sie das Buch damals in den Händen hatte. Staatsanwältin Kerstin von Arx erschien auch gestern nicht im Gericht. Auf eine frühere Anfrage der Zeitung hin äusserte sie, sie habe das Buch schon vor sich gehabt.

Koelliker sagte zwar, dass dem Gericht Dokumente vorlägen, welche die Legitimität der Klägerin als Nachlassverwalterin bezeugten. Der Richter folgte aber dem Verteidiger und sprach den Autor von jeglicher Schuld frei. Die Zitate, die er verwendet hatte, seien auch im Umfang angemessen. «Man kann ihm ganz sicher keinen Vorsatz nachweisen.» Und: «Es gibt nichts anderes, als einen Freispruch.» Die Anwaltskosten von 12'000 Franken sowie die Verfahrenskosten muss der Staat bezahlen.

Und so konnte D. als unbescholtener Bürger die Gerichtsverhandlung verlassen. Geschrieben hat er das Buch nie aus finanziellem Interesse. Er verdient damit nichts, gearbeitet hat er jahrelang ehrenamtlich. Für ihn ist das Buch zu einem Verlustgeschäft geworden, gerade auch mit Blick auf die sehr belastende und blockierende Gerichtsverhandlung.

*Namen geändert.

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