«SO-Talk»
Rentenalter 70 - bloss Utopie oder doch bald schon Realität?

Die Altersvorsorge ist zum Dauerthema geworden. Die Aussicht darauf, dass der AHV einmal das Geld ausgehen könnte, schürt die Angst vor einem Rentenabbau. Grund genug für «SO-Talks», das Rentenalter an einem Podium zu thematisieren.

Franz Schaible
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Trotz ernsthaftem Thema herrschte gute Stimmung auf dem Podium: Andreas Münger, Christoph Schaltegger, Moderator Filippo Leutenegger, Pirmin Bischof, Peter Hiltebrand und François Höpflinger (v.l.). Manuel Stettler

Trotz ernsthaftem Thema herrschte gute Stimmung auf dem Podium: Andreas Münger, Christoph Schaltegger, Moderator Filippo Leutenegger, Pirmin Bischof, Peter Hiltebrand und François Höpflinger (v.l.). Manuel Stettler

Hansjoerg Sahli

Müssen wir länger arbeiten? Sind wir bereit dazu? Sind wir gesundheitlich fit genug? Hat es genügend Arbeitsplätze? Mit diesen vier Fragen lancierte Kilian Bärtschi das Thema Rentenalter an der Podiums-Veranstaltung «Solothurn Talks» im gut gefüllten Konzertsaal in Solothurn. Der Leiter der Mitorganisatorin, die Suva-Agentur Solothurn, begründete das gesetzte Thema «Rentenalter 70» mit der Aktualität. Die steigende Lebenserwartung sei zwar für den Einzelnen schön, die Altersvorsorge werde aber vor harte Proben gestellt.

Der Moderator des Podiums, Filippo Leutenegger, nahm den Ball auf. «Die Schweizer Bevölkerung wird im Durchschnitt jedes Jahr einen Monat älter. Ohne Anpassungen bei der AHV geht das irgendwann nicht mehr auf.» Diese Ausgangslage war unumstritten, denn allein aus demografischen Gründen wird die AHV ab 2020 grosse Defizite schreiben (siehe Kasten). Nur, welche Schrauben in der AHV-Mechanik müssen neu justiert werden? Drei Eingriffsfelder machte Christoph Schaltegger, Wirtschaftsprofessor an der Universität Luzern, aus. «Auf der Finanzierungsseite können wir die Beiträge mittels Lohn- und Mehrwertsteuerprozenten erhöhen, auf der Leistungsseite können wir das Renteneintrittsalter anheben oder die Rentenhöhe senken.»

Für einen Mix der beiden ersten Ansätze plädierte Pirmin Bischof, Solothurner CVP-Ständerat. «Denn eine Senkung der Rentenleistung wäre unmöglich zu realisieren.» Als ersten Schritt bezeichnete er die Anhebung des Rentenalters für Frauen von heute 64 auf 65 Jahre. Es gebe keinen Grund für das unterschiedliche Pensionierungsalter. Das Rentenalter für beide Geschlechter müsse angesichts der geschilderten Entwicklung weiter nach oben angepasst werden. «Allerdings nicht heute und morgen, aber wir müssen uns jetzt darauf vorbereiten.» Wichtig sei, so Bischof weiter, das Renteneintrittsalter möglichst flexibel zu gestalten. «Viele Menschen gehen vorzeitig in Pension, aber viele arbeiten auch übers AHV-Alter hinaus.»

Exemplarisch dafür steht Rentner Peter Hiltebrand auf dem Podium. «Im Hinblick auf die Pensionierung habe ich mein Elektrofachgeschäft verkauft und eine neue Firma gegründet», erzählte der 68-jährige Zürcher dem staunenden Publikum. Auf seiner Plattform «Rent a Rentner» können sich Interessierte – «sie müssen mindestens 60-jährig sein», sagte Hiltebrand schmunzelnd – eintragen und ihre Dienste anbieten. Das Angebot reiche von Chauffeurdiensten über Gartenarbeiten bis hin zu juristischen Beratungen. Inzwischen hätten sich über 800 arbeitswillige Senioren angeschlossen. Flexibilität im umgekehrten Fall sei die grössere Herausforderung, ergänzte Soziologe François Höpflinger. «Viele Arbeitnehmende wollen sich aus den unterschiedlichsten Gründen frühzeitig pensionieren lassen, aber finanziell liegt das nicht drin.» Als Ausweg skizzierte er Teilzeit-Arbeitsmodelle, die zwar mit weniger Lohn, aber ohne Abstriche bei der späteren Pensionskassenrente verbunden seien. Da seien die Arbeitgeber gefordert. Andererseits sollten 65-Jährige, die mangels Beitragsjahre keine AHV-Maximalrente erhalten, so lange weiterarbeiten dürfen, bis ihnen die Maximalrente zustehe. Für Unternehmer Hiltebrand ist das Teilzeit-Arbeitsmodell aber keine echte Alternative. Denn die kleinen und mittleren Unternehmen könnten sich solche Lösungen nie leisten. Eine weitere Form der Flexibilisierung brachte Andreas Münger, technischer Kaufmann und gelernter Baufachmann, mit ins Spiel. «Beim Rentenalter braucht es angesichts der unterschiedlichen körperlichen Belastungen Branchenlösungen.»

Flexibles Rentenalter ja, aber die auf drei Säulen stehende Altersvorsorge mit langfristigem Horizont soll für alle Menschen stetig und verlässlich sein. Da herrschte Konsens. Für den 44-jährigen Andreas Münger ist die Pensionierung zwar noch weit weg, trotzdem ist für ihn klar: «Es wäre eine schlimme Vorstellung, wenn die Bevölkerung, insbesondere jener Teil mit tieferen Einkommen, nicht mehr mit einer lebenslangen Rente rechnen könnte.»

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