Konjunktur
Rekorde an Neugründungen, tiefe Konkurse – doch die Wirtschaft fürchtet sich vor Coronazombies

Viele neue Firmen und wenige Konkurse im Kanton Solothurn – diese Zahlen deuten nicht zwangsläufig auf wirtschaftliche Gesundheit hin.

Jocelyn Daloz
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Nur 147 Unternehmer mussten im vergangenen Jahr diese Tür öffnen - 70 weniger als im Vorjahr.

Nur 147 Unternehmer mussten im vergangenen Jahr diese Tür öffnen - 70 weniger als im Vorjahr.

Bruno Kissling

In Kürze

- Neugründungen erreichten sowohl in der Schweiz als auch im Kanton Solothurn 2020 eine Rekordzahl

- Konkurse haben im selben Jahr abgenommen

- Das deutet allerdings nicht auf eine gesunde Wirtschaftslage hin

Es häufen sich in jüngster Zeit Schlagzeilen zu den Neugründungen: «Start-up-Boom in der Schweiz» schreibt die SDA. «Schweiz trotz Corona in Gründerlaune» titelt der «Blick» und diese Zeitung schrieb im September: «Die Zahl der Neugründungen nimmt zu.»

Nun hat sich der im Herbst beobachtete Trend bestätigt: Im Jahr 2020 wurden gemäss dem Wirtschaftsdatenunternehmen Bisnode 46779 Firmen in der Schweiz gegründet, eine Zu nahme um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diesen Trend beobachtete das Institut für Jungunternehmen auch im Kanton Solothurn: Die Anzahl Neueintragungen übertraf jene von 2019 um 9 Prozent.

    

   

Gleichzeitig fragen sich Wirtschaftsjournalisten seit Juni, wann die wegen der Pandemie erwartete Konkurswelle nun komme. Bislang ist sie noch nicht zu beobachten, denn obschon die NZZ im November eine Zunahme im Kanton Zürich feststellte, bleiben diese regionalen Ausschläge spärlich. Gemäss dem Schweizerischen Gläubigerverband Creditreform gingen Firmenkonkurse gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent zurück.

Die Angst vor «Corona zombies» macht sich breit

Im Kanton Solothurn meldeten sich 147 Firmen beim Konkursamt, wie der Website der Behörde zu entnehmen ist. Ein starker Rückgang, gingen 2019 doch 217 Unternehmen unter. «Firmenkonkurse haben massiv abgenommen», sagt Amtschef Martin Schmalz.

Weshalb das so ist, kann er nicht definitiv sagen. Klar sei, dass der Rechtsstillstand des ersten Lockdowns, als die Behördenschalter nicht verfügbar waren, einen Einfluss hatte. Vielmehr aber dürften die kantonalen und Bundesmassnahmen zur Abdämpfung der Pandemie die Zahl der Konkurse limitiert haben – und zwar so stark, dass Revisionsfirmen und Wirtschaftsanalysten munter den Begriff «Coronazombies» in den Raum werfen: Sowohl Bisnode als auch Creditreform vermuten, dass die Kurzarbeitsentschädigungen, Erwerbsersätze und Covid-19-Kredite viele Firmen über Wasser halten, die 2020 sonst Konkurs angemeldet hätten.

«Die staatlichen Hilfen führen womöglich zu einer gewissen Marktverzerrung», räumt Martin Schmalz ein. Dafür spricht zusätzlich, dass die Konkurse in den am härtesten getroffenen Branchen, der Gastronomie und dem Detailhandel, deutlich weniger sind als im vergangenen Jahr: Das Gastgewerbe verzeichnete schweizweit 124, der Einzelhandel 68 und der Grosshandel 66 Konkurse weniger.

Sowohl Bisnode als auch Creditreform sehen das als Zeichen, dass die Coronamassnahmen die «Untersterblichkeit» der Unternehmen fördert.

Im Oktober eine kurzzeitige Konkurswelle in Nordwest

In eine ähnliche Richtung mutmasst auch die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF), wie eine Analyse aus dem Monat November zeigt. Mit einer definitiven Einschätzung tut sich Florian Eckert von der KOF allerdings noch schwer. Die von ihm und Arbeitskollege Heiner Mikosch veröffentlichte Analyse zu den Oktoberzahlen stellt eine starke Zunahme der Konkurse vor allem im Kanton Zürich und in der Nordwestschweiz fest, in den beiden Basel und im Aargau. Dabei handelte es sich aber um kurzfris tige Ausschläge, die sowohl regional als auch sektoriell begrenzt waren: «Die Zunahme fiel vor allem in der Logistikbranche, in der Transportbranche – allen voran Taxis – und bei Dienstleistungen wie Gebäudereinigungen hoch aus – also in Branchen, die als Folge der Lockdown massnahmen sekundär getroffen wurden.»

Entsprechend war diese überdurchschnittliche Zunahme an Konkursen in städtischen Gebieten zu beobachten. Ob das der Grund ist, weshalb der Kanton Solothurn verschont blieb, kann Eckert nicht definitiv beurteilen, denn auf Kantonsebene seien die Zahlen aufgrund der kleinen Einheiten sehr volatil und schwierig zu analysieren. Eine verfeinerte Beurteilung der Lage kann die KOF erst im März/April liefern.

Keine Konkurswelle – aber noch keine Entwarnung

Fest steht allerdings, dass diese Zahlen nicht auf eine gesunde Wirtschaft hindeuten, die trotz der Coronakrise weiter voranschreitet. Die Krise dürfte Neugründungen befeuert haben, weil Finanzierungsmöglichkeiten nun günstig sind. Und Creditreform warnt: «Je länger die Krise dauert und der Staat Mittel in die Wirtschaft pumpt, desto massiver werden die Konkurse steigen, sobald diese Zuschüsse ausbleiben. Zu den überfälligen Konkursen der Zombies kommen dann die neuen Insolvenzen hinzu, die aufgrund der wirtschaftlichen Lage auftreten werden.»