Feriensaison
Reisebüros werden immer mehr zu «Reise-Architekten»

Die Sommerferien stehen wieder vor der Tür. Grund genug, die liebsten Ferienziele der Solothurner unter die Lupe zu nehmen. Badeferien am Mittelmeer bleiben der Klassiker. Weiter geht der Trend weg von Pauschaul- hin zu Individualreisen.

Franz Schaible
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Noch sind sie leer, die Liegestühle am Mittelmeer – aber bald werden die Strände von Sonnenhungrigen bevölkert sein.

Noch sind sie leer, die Liegestühle am Mittelmeer – aber bald werden die Strände von Sonnenhungrigen bevölkert sein.

Hanspeter Bärtschi

In zwei Wochen starten im Solothurnischen die Sommerferien. Alle freuen sich auf die verdiente Auszeit. Und die Reisebüros sind mit dem Geschäftsverlauf zufrieden, wie eine Umfrage in der Region zeigt.

«Nach dem sehr guten Reisejahr 2013 mit zweistelligem Umsatzwachstum sind wir fulminant ins laufende Jahr gestartet», erklärt Heinz Schachtler, Inhaber des Reisebüro Travellino in Solothurn. Spürbar sei die Beruhigung an der Wirtschaftsfront.

«Unsere Branche reagiert stark auf konjunkturelle Schwankungen.» Die höhere Arbeitsplatz-Sicherheit steigere die Reisefreudigkeit. Auch Petra Hubler-Schäfer, Inhaberin des Reisebüro El Travel in Biberist, meldet steigende Buchungsstände. Sie erwartet ein gutes Reisejahr, weil «das wirtschaftliche Umfeld positiv gestimmt» sei. Diese Einschätzung stimmt mit den Ergebnissen einer Umfrage des Reisebüro-Branchenverbandes überein. Demnach machten die Schweizer 2013 durchschnittlich 2,8 Mal Ferien, deutlich mehr als zuvor.

Griechenland und Türkei gefragt

Weiterhin sind die Monate Juli und August die beliebteste Jahreszeit für Ferien. Insbesondere der Klassiker, Badeferien am Mittelmeer, hat noch nicht ausgedient. «Überdurchschnittlich gebucht werden Reisen nach Griechenland, Zypern und in die Türkei», berichtet Heinz Schachtler. Unverändert beliebt seien Reisen auf die Kanarischen Inseln im Atlantik, ergänzt Hubler.

Gleichzeitig verändert sich das Reiseverhalten in mehreren Bereichen. Schon seit Jahren beobachtet Petra Hubler eine Verschiebung von Sommer- hin zu Herbstferien. «Der Herbst ist eine ideale Reisesaison, um den Sommer zu verlängern.»

Travellino-Chef Schachtler spricht von einem «Frühbuchermarkt». Die grossen Reiseveranstalter würden weniger Flugsitz-Kapazitäten im Voraus einkaufen. «Damit wollen sie das Restrisiko vermindern, darauf sitzen zu bleiben oder nur noch ohne Marge als Last-Minute-Angebote verkaufen zu können.» Im letzteren Fall riskiere der Kunde, dass seine Wunschdestination nicht mehr verfügbar sei. Für die Reisenden sei es deshalb nicht nur preislich attraktiver, früh zu buchen. Sie könnten auch von der ganzen Angebotspalette profitieren.

Trend hin zu Individualreisen

Die grösste Veränderung im Reiseverhalten registriert Schachtler aber im Trend hin zu Individualreisen. «Früher erwirtschafteten wir 90 Prozent des Umsatzes mit fixfertigen klassischen Pauschalreisen.»

Fast jedes vierte Reisebüro ohne Absicherung

Spätestens seit dem Konkurs des Biberister Reisebüros Biber Travel 2012 mit Hunderten von Geschädigten ist klar: Wer im Reisebüro eine Pauschalreise bucht, tut gut daran, mindestens eine Abklärung zu treffen. Besitzt das Reisebüro eine Kundengeldabsicherung? Zwar ist im Pauschalreisegesetz festgehalten, dass «Reiseveranstalter und Reisebüros für den Fall der Zahlungsunfähigkeit oder des Konkurses die Erstattung bezahlter Beträge und die Rückreise des Konsumenten sicherstellen müssen.» Die Sicherstellung erfolgt durch die Mitgliedschaft in einem Garantiefonds. Diese heissen Reise-Garantiefonds, Swiss Travel Security oder TPA. Trotzdem kann jedermann ein Reisebüro eröffnen und führen, ohne über eine Kundengeldabsicherung zu verfügen. Laut Angaben des Schweizer Reise-Verbandes sind es aktuell rund 460 der 2070 Reisebüros oder fast jedes Vierte. Der Dachverband fordere schon seit Jahren eine Kontrolle der Einhaltung dieser Gesetzesvorschrift. Vergeblich. Jetzt hat im März FDP-Nationalrätin Christa Markwalder eine Interpellation zu dieser Sache eingereicht. Die Nicht-Kontrolle stelle eine Lücke im Kundenschutz und eine Wettbewerbsverzerrung innerhalb der Branche dar. In der Schweiz kontrolliere keine Behörde, ob der Veranstalter seiner Sicherstellungspflicht nachgekommen sei, bestätigt der Bundesrat in seiner Antwort den Sachverhalt. Der Gesetzgeber habe 1992 bewusst entschieden, die Durchsetzung des Gesetzes ausschliesslich auf zivilrechtlichem Weg in die Eigenverantwortung des Reisekunden zu legen. Mit einer Melde- und Bewilligungspflicht für Reisebüros wäre die Kontrolle der Sicherstellungspflicht zwar möglich. Das wäre aber «mit einem unverhältnismässigen bürokratischen Aufwand» verbunden. (fs)

Inzwischen sei dieser Anteil zugunsten von kundenspezifisch zusammengestellten Reisen massiv gesunken. Die Kunden liessen sich heute Reisen querbeet zusammenstellen. Gefragt seien Zusatzleistungen am Ort, die Miete spezieller Autos oder Motorräder, Übernachtung im Baumhaus, Billigflug und Übernachten in Luxushotels oder umgekehrt.

Er zieht einen Vergleich mit der Arbeit eines Architekten, welcher nach Wünschen der Bauherrschaft ein individuelles Haus baut. Rolf Probst, Chef des Reisebüro Vasellari AG in Grenchen, bestätigt «ganz klar» den Trend. «Die Kunden suchen explizit die Beratung.» Diese Entwicklung wird verstärkt durch die zunehmende Beliebtheit von Aktiv-Ferien, wie Petra Hubler ergänzt. «Kombinationen mit Wandern, Velofahren, Segeln sind sehr gefragt.»

Diese Änderung im Reiseverhalten bedeute eine Chance für die Reisebürobranche, ist sie überzeugt. «Klassische Badeferien oder Städteflüge werden heute über das Internet gebucht.» Dank dem Fachwissen könne das Reisebüro aber die individuellen Kundenbedürfnisse abdecken. Darin sieht auch Schachtler einen Vorteil gegenüber den Onlineanbietern. «Viele sind ob dem Riesenangebot im Internet überfordert. Das führt wieder vermehrt Kunden in das Fachgeschäft zurück.»

Anzahl Reisebüros halbiert

Die Reisebüros tun gut daran, sich auf qualitative Beratung zu setzen. Denn das Internet ist längst zum wichtigsten Buchungskanal arriviert (siehe Umfrage). Deshalb steckt die Branche in «einem anhaltenden und kontinuierlichen Konsolidierungsprozess», heisst es beim Schweizer Reise-Verband.

Seit dem Jahr 2000 ist die Anzahl Reisebüros von 3706 um 45 Prozent auf 2069 gesunken. Der Verband spricht von «einem dringend notwendigen Schrumpfungs- oder Genesungsmarkt». Denn die Konsolidierung habe vor den Reisebüros mit Kundengeldabsicherung haltgemacht, bei denjenigen ohne Versicherung dagegen gehe sie weiter.

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