VW-Skandal

Regionale VW-Händler: Von Vertrauen und Vogel-Strauss-Politik

Nicht oder noch nicht betroffen: Der VW-Turbodiesel des Reporters.

Nicht oder noch nicht betroffen: Der VW-Turbodiesel des Reporters.

Aktuell ist die Rede von gut 11 Millionen Fahrzeugen aus der Konzernfamilie, die mit der manipulativen Software ausgestattet worden sind.

Seit am 18. September die USA dem Autobauer VW vorgeworfen haben, gegen das Klimaschutzgesetz verstossen zu haben, und VW vorschreibt, alleine in Kalifornien 482 000 Dieselfahrzeuge zurückzurufen oder eine Busse von 18 Milliarden US-Dollar zu zahlen, steht beim VW-Konzern die Welt kopf.

Selbst VW-Fahrer – und mit einem Diesel aus dem betroffenen Zeitraum –, stelle ich mir viele Fragen. Denn Partikelfilter, Verbrauch und Schadstoffwerte waren für mich entscheidende Kaufkriterien. Und nun ist von einem Schadstoffausstoss bei NOx die Rede, der im effektiven Fahrbetrieb bis zu 40-mal höher ist als im Prüfstandlauf. Ich frage mich: Wieso betrügt VW in derart grossem Stil – im Wissen, dass diese Manipulation doch nicht weltweit und ewig unerkannt bleiben wird? Wo hat mein Auto sonst wohl noch versteckte Macken. Weiter frage ich mich, wie ein derart mächtiger Autobauer sein Vertrauen als wichtigstes Gut nebst technischem Können überhaupt so leichtfertig aufs Spiel setzen kann? Denn was macht jemand, der das Vertrauen in seine Bank, in eine Airline, in ein Spital, Politiker oder wie gerade hier in die zuständigen Behörden und seinen Autobauer – notabene den grössten weltweit – verloren hat?

Die Antworten dürften klar sein. Vom Importeur habe ich ja bis dato keinerlei Infos als Privatperson erhalten, die Homepage des Importeurs, «amag.ch», kennt das Thema anscheinend nicht ansatzweise; «volkswagen.ch» verzeichnet unter News gerade einen Eintrag vom
22. 9.: «Volkswagen duldet keinerlei Gesetzesverstösse. Oberstes Ziel des Vorstands bleibt es, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen und Schaden von unseren Kunden abzuwenden.» Weitere Meldungen finde ich erst später; seit Freitag neu auch die Möglichkeit, anhand der Fahrzeugdaten selbst prüfen zu können, ob ein Fahrzeug betroffen ist.

Als Kunde wie auch als Reporter gleichermassen interessiert, frage ich aber schon Anfang Woche bei meinem VW-Händler in Oensingen nach. Geschäftsführer Antonius Ackermann sei in den Ferien, heisst es. Erst nach zwei Telefonaten mit dem Betriebsleiter, der selbst schon gar nichts sagen will, erhalte ich die kaum anders erwartete Antwort per Mail an die Redaktion: «Nach Absprache mit Herrn Ackermann wird er keine Fragen zum Abgas-Thema beantworten.» Man bittet mich um Verständnis, dass auch noch Tage nach Bekanntwerden keine weiteren detaillierten Angaben gemacht werden könnten, welche Modelle und Baujahre genau betroffen seien. Alle betroffenen Fahrzeuge seien aber absolut sicher und fahrbereit. Betroffene Kunden würden informiert, Volkswagen werde die volle Verantwortung und die Kosten für die notwendigen Massnahmen übernehmen. Nun ja, das wären auch nicht die Fragen gewesen – das war alles schon längst klar. Und ich frage mich wieder: Was heisst hier «Verantwortung übernehmen», und ist mein Auto – sofern betroffen – nach den Massnahmen wirklich «sauber» und kraft- wie verbrauchgleich? Aber weitere Fragen muss ich mir laut Antwort derzeit gar nicht stellen, denn abschliessend schreibt der Betriebsleiter fett und unmissverständlich: «Darüber hinaus gehende Fragen können aktuell leider nicht beantwortet werden.» So gesehen fühle ich mich als Kunde weder ernst genommen noch gut betreut. Es schmeckt mir doch sehr nach «Vogel-Strauss-Politik» – Kopf in den Sand, Augen und Ohren zu und die Sache aussitzen ... Keine Antwort ist auch eine Antwort – allerdings in Krisensituationen meist die schlechteste.

Ich gebe mich nicht zufrieden und fahre «inoffiziell» zu einem anderen VW-Händler, dessen Besitzer mir umgehend erklären kann, dass mein Fahrzeug nicht betroffen ist. «Oder noch nicht betroffen», fügt er selbstkritisch an. Dass viele Kunden nachgefragt hätten, bestätigt ein kopfschüttelnder Mitarbeiter im Büro. Erst noch sei der Auditor von VW vor Ort gewesen. «Wir werden geplagt und stets neu gefordert. Dabei sollten die lieber einmal dort oben zum Rechten schauen», sagt der Garagist und zeigt nach Deutschland. Die ganze Geschichte gibt mir zu denken – und es dürfte viel Zeit, gute Argumente und VW sehr viel Geld kosten, bis nach dem Betrug mein und das Vertrauen anderer Kunden wieder da ist.

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