Eurokurs
Regionale Firmen lagern ihre Produktion teilweise an andere Firmen aus

Trotz fester Kursuntergrenze seit drei Jahren leiden Exporteure in der Region unter dem Wechselkursnachteil. Die momentane Lage ist unbefriedigend und die Sorge über eine bevorstehende Krise wird immer grösser.

Franz Schaible
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Der Lotzwiler Firmenchef Marc Jorns kämpft beim Export seiner Abkantanlagen weiterhin mit Margendruck.

Der Lotzwiler Firmenchef Marc Jorns kämpft beim Export seiner Abkantanlagen weiterhin mit Margendruck.

Hans Ulrich Mülchi

Nach der dramatischen Abwertung des Euro gegenüber dem Franken musste die Schweizerische Nationalbank eingreifen – und führte vor genau drei Jahren den Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken ein, um der Frankenstärke entgegenzuwirken.

Denn die Schweizer Exportwirtschaft litt unter dem starken Franken, ihre Produkte hatten sich in kurzer Zeit massiv verteuert. Inzwischen ist es eher ruhig geworden um die Frankenstärke. Aktuelle Ausnahme ist der Entscheid der Europäischen Zentralbank diese Woche, die Leitzinsen auf ein Rekordtief zu senken.

Damit wertet sich der Franken tendenziell wieder auf. Unabhängig davon aber ist die Ruhe trügerisch, wie eine Umfrage unter Verbänden und Firmen in der Region zeigt.

«Der Wechselkurs ist für unsere Mitgliedsfirmen definitiv weiterhin ein Problem», beobachtet Josef Maushart, Präsident des Industrieverbandes Solothurn und Umgebung (Inveso).

Die Firmen hätten sich zwar mittlerweile an den Wechselkurs von 1.20 Franken «gewöhnt», aber befriedigend sei die Lage keinesfalls. Die Sorge darüber, ob der Kurs bei einer nächsten Krise – finanziell oder politisch – wirklich gehalten werden könne, wachse sogar.

Direkt an der Front tönt es ähnlich. Von einer weiterhin grossen Herausforderung spricht beispielsweise Hans-Rudolf Häfeli, Verwaltungsratspräsident und Inhaber der Stanzteileherstellerin Etampa AG in Grenchen. «Wir haben gegenüber unseren ausländischen Konkurrenten eine zusätzliche Last aufgetragen erhalten, die wir zusätzlich abtragen müssen.»

Auf den Mindestkurs habe man sich eingestellt, aber eine weitere Stärkung des Frankens wäre «fatal». Etampa versorgt als Zulieferer weltweit Firmen mit Stanzteilen. Der Exportanteil liegt bei rund 90 Prozent.

Seit der Einführung der Untergrenze habe sich die Situation etwas entschärft, meldet seinerseits Marc Jorns, Chef der Jorns AG in Lotzwil.Die Oberaargauer Maschinenbauerin fertigt Schwenkbiegemaschinen zum Abkanten von Blechen und liefert diese zu 90 Prozent ins Ausland.

Zwar mildere die etwas höhere Teuerung den Währungsnachteil. Aber die Situation sei gerade in Ländern mit direkten lokalen Mitbewerbern sehr schwierig. Sein Fazit: «Für unsere Produkte liegt der Franken immer noch auf einem viel zu hohen Niveau.»

Insbesondere drückt der Wechselkursnachteil auf die Margen. «Da wir schon früher auf unseren Produkten eher kleine Margen generieren konnten, ist es uns nicht möglich, den Währungszerfall mit einer Minderung der Marge auszugleichen», sagt Marc Jorns.

Das führe dazu, dass man einige Investitionen kurz- oder langfristig zurückstellen müsse. «Die Situation wird sich auch negativ auf die Lohnentwicklung der Mitarbeitenden auswirken, weil wir praktisch keinen Spielraum mehr haben.»

Oliver Müller, Direktor des Branchenverbandes Swissmechanic mit vielen Solothurner und Oberaargauer Mitgliedsfirmen, weiss um den Teufelskreis zwischen Marge und Investitionen. «Wenn ertragsmässig immer ein wenig zu wenig hereinkommt, fehlt zuletzt Geld für Investitionen.» Wer nicht mehr in neue Produkte und Fertigungsmethoden investieren könne, dem drohe, die nächsten Technologieschritte zu verpassen.

Gegensteuer gibt die Etampa AG einerseits auf der Beschaffungsseite. Rohmaterialien, Maschinen und Anlagen würden wann immer möglich in Euro eingekauft, erläutert Firmen-Inhaber Häfeli. Die übrigen Kosten, insbesondere die Personalkosten, verblieben allerdings in Franken.

Andererseits setzt Etampa auf Produktivitätsverbesserungen. «Dies zwingt uns vermehrt zu hohen Investitionen in produktivere Maschinen und Anlagen.» So investierte Etampa erst im Winter über zwei Millionen Franken in eine Presse der neusten Generation.

Trotzdem bleibt eine Auslagerung ein Thema. «Die Verlagerung von personalintensiven Prozessen ins Ausland ist und bleibt offen», hält Häfeli fest. Diesen Schritt hat die Jorns AG bereits gemacht, allerdings nicht ins Ausland.«Wir haben die Fertigung von Kleinteilen teilweise an spezialisierte Metallbearbeiter in der Region ausgelagert», sagt Marc Jorns.

Drehautomaten sind keine mehr im Betrieb. Zudem seien sämtliche gefertigten Anlagen «redesigned» worden, um neu einen modulartigen Aufbau zu ermöglichen. So könnten die gefertigten Teile für die unterschiedlichsten Anlagetypen verwendet werden.

Produktivitätsfortschritte attestiert Inveso-Präsident Maushart den meisten Firmen. Das Wechselkursproblem sei dadurch nur teilweise entschäft worden. «Wir sind zwar effizienter geworden, aber unsere Nachbarn auch. Der Preisdruck bleibt damit unverändert hoch.»

Die Firmen Etampa wie Jorns spüren das. Obwohl beide für 2014 gegenüber dem Vorjahr einen gleichbleibenden oder gar höheren Umsatz erwarten, wird das Ergebnis tiefer ausfallen. Marc Jorns: «Der Gewinn wird nicht höher sein, weil wir nach wie vor grosse Rabatte vergeben müssen, um die Produktion kontinuierlich auslasten zu können.»

Wie beeinflusst der Eurokurs das Exportgeschäft?

Am 1. Januar 2002 wurde der Euro als Bargeldwährung eingeführt. Inzwischen ist die Einheitswährung in 18 europäischen Ländern offiziell eingeführt. Während Jahren pendelte der Kurs gegenüber dem Franken zwischen 1.55 und 1.65 Franken. Ab Mitte 2009 wurde der Euro wegen der Schuldenkrise immer schwächer. Die Abwertung der Einheitswährung hatte für die Schweizer Wirtschaft dramatische Folgen, ist doch Europa der mit Abstand wichtigste Exportmarkt. Der Giftcocktail aus Wechselkurs und Rezession in Europa liessen die Ausfuhren der Schweizer Industrie einbrechen. Ende 2009 kostete der Euro 1,51 Franken, um bis Mitte 2011 auf gegen 1 Franken abzurutschen. Die Schweizerische Nationalbank musste intervenieren und legte am 6. September 2011 den Euro-Mindestkurs auf 1.20 Franken fest. Gegenüber 2009 haben sich die Schweizer Exporte in den Euroraum entsprechend verteuert. Und zwar unabhängig, ob die Rechnungsstellung in Franken oder in Euro erfolgt. Ein Rechenbeispiel: Die Firma Schweiz AG verrechnet einem deutschen Kunden für eine Warenlieferung 100 Franken. Das kostete den Deutschen 2009 rund 66 Euro. Heute sind es beim Kurs von 1.20 Franken 83 Euro oder 26 Prozent mehr. Die Konkurrenzfähigkeit der Schweiz AG nimmt ab. Wenn der Schweizer dem deutschen Kunden 100 Euro in Rechnung stellt, erhielt er 2009 rund 151 Franken, heute dagegen nur noch 120 Franken. Das sind 21 Prozent weniger. Die Schweiz AG muss also eine deutlich tiefere Marge in Kauf nehmen oder eben die Preise in Euro anheben, was in den meisten Fällen aber ein Ding der Unmöglichkeit ist. (FS)