Zuchwil

«Regiomech» rüstet mit Asysuchenden auf: Flüchtlingen eine Chance geben

In Zuchwil rüstet die «Regiomech» Asylsuchende für den Arbeitsmarkt. Mit Erfolg: Im letzten Jahr haben alle 40 Kursteilnehmer eine Lehrstelle gefunden. Für diesen Sommer sind aber noch einige auf der Suche.

Von Null auf Lehrstelle in einem Jahr»: Der Name des Jugendprojekts der «Regiomech» ist Programm. Flüchtlinge zwischen 16 und 30 Jahren sollen in nur zwölf Monaten das Rüstzeug bekommen, um eine Lehre antreten zu können. Sie stammen aus Afghanistan oder Syrien, aus dem Irak oder Guinea. Sie sind Asylsuchende (N-Ausweis) oder vorläufig Aufgenommene (F-Ausweis) oder haben bereits eine Aufenthaltsbewilligung (B-Ausweis).

Esmail Tahmasebi ist 24 und stammt aus Afghanistan. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in der Schweiz. Mittlerweile in Bettlach, zu viert, alle geflohen.Aufgestellt. Motiviert. Ansteckender Optimismus. Ist, wie er selber sagt, zum Ersten mal überhaupt in einer richtigen Schule. «Besonders Deutsch war schwierig.» Kann sich mühelos verständigen. Sucht eine Lehrstelle in der Montage, Logistik oder als Sanitärinstallateur. «Hauptsache Strom und Gebäude.» Hat bereits bei einigen Betrieben geschnuppert, aber auch schon viele Absagen erhalten. Besorgt? Keineswegs. «All die vielen Nein sind egal. Ich brauche nur ein Ja. Ein Ja ist genug.»

Esmail Tahmasebi

Esmail Tahmasebi ist 24 und stammt aus Afghanistan. Seit zweieinhalb Jahren lebt er in der Schweiz. Mittlerweile in Bettlach, zu viert, alle geflohen.Aufgestellt. Motiviert. Ansteckender Optimismus. Ist, wie er selber sagt, zum Ersten mal überhaupt in einer richtigen Schule. «Besonders Deutsch war schwierig.» Kann sich mühelos verständigen. Sucht eine Lehrstelle in der Montage, Logistik oder als Sanitärinstallateur. «Hauptsache Strom und Gebäude.» Hat bereits bei einigen Betrieben geschnuppert, aber auch schon viele Absagen erhalten. Besorgt? Keineswegs. «All die vielen Nein sind egal. Ich brauche nur ein Ja. Ein Ja ist genug.»

Manche sind das Erste Mal überhaupt in einer Schule, andere waren in der Heimat über Jahre hinweg berufstätig und wieder andere haben einen Universitätsabschluss. Zuerst werden alle Teilnehmer in der Allgemeinbildung auf ein ähnliches Niveau gebracht. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der deutschen Sprache. Sie ist die grösste Schwierigkeit bei der Integration. Aber auch das schweizerische Berufssystem muss erst einmal vorgestellt werden. Was ist eine Lehrstelle? Wie bewerbe ich mich? Und auch die Berufe selber: «Es gibt über 250 Berufe in der Schweiz. In diesem Dschungel muss man sich erst einmal zurechtfinden. Ein Bäcker in der Schweiz ist nicht dasselbe wie ein Bäcker in Guinea», erklärt Oliver Brander, der Kursleiter des Jugendprogramms.

Waseem Al-Rifaie ist 30 und stammt aus dem Irak. Seit drei Jahren ist er in der Schweiz. Lebt in Recherswil in einer WG. Sechs Personen, allesamt Flüchtlinge. Mütze tief im Gesicht, zurückhaltend, schüchtern. Hat einen Universitätsabschluss als Elektroingenieur. «Da kann ich nicht weitermachen.» Besonders die Sprache sei schwer. «Der, die, das. Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt.» Englisch sei viel einfacher, Arabisch auch. Mathe und Physik sind sogar noch leichter. «Manchmal ist es etwas langweilig.» Er hat bereits eine Lehrstelle als Logistiker. Irgendwann will er vielleicht doch wieder an die Uni. «Zuerst aber die Lehre. Schritt für Schritt.»

Waseem Al-Rifaie

Waseem Al-Rifaie ist 30 und stammt aus dem Irak. Seit drei Jahren ist er in der Schweiz. Lebt in Recherswil in einer WG. Sechs Personen, allesamt Flüchtlinge. Mütze tief im Gesicht, zurückhaltend, schüchtern. Hat einen Universitätsabschluss als Elektroingenieur. «Da kann ich nicht weitermachen.» Besonders die Sprache sei schwer. «Der, die, das. Ich wusste gar nicht, dass es so was gibt.» Englisch sei viel einfacher, Arabisch auch. Mathe und Physik sind sogar noch leichter. «Manchmal ist es etwas langweilig.» Er hat bereits eine Lehrstelle als Logistiker. Irgendwann will er vielleicht doch wieder an die Uni. «Zuerst aber die Lehre. Schritt für Schritt.»

Die Lehre ist im Schweizer System nur die Grundausbildung. «Darauf baut man dann auf. Wichtig ist, den Einstieg zu schaffen.» Brander weiss, wovon er spricht. Der 52 jährige ist gelernter Motorradmechaniker. Seit fast 30 Jahren ist er in der Lehrlingsausbildung auf verschiedenen Stufen tätig. In den letzten zehn Jahren bildete er in Lehrwerkstätten Polymechaniker aus. Und seit zwei Jahren ist er bei der «Regiomech».

Abobakr Temory ist 21 und stammt aus Afghanistan. Seit fast drei Jahren ist er in der Schweiz. Lebt in Gerlafingen bei einer Gastfamilie.Ruhig. Überlegt. Verhalten optimistisch. Ist erst seit drei Monaten im Programm der «Regiomech». Ging in Afghanistan zur Schule. «Die ist nicht gut. Viele Halbtage. Viele Ferien. Das halbe Jahr frei.» Hat selber einen kleinen Laden betrieben. Und verletzte Personen betreut. Sucht eine Stelle im Detailhandel oder der Pflege. Hat schon ein paar Absagen bekommen, einige Rückmeldungen stehen noch aus. Schaut leicht zuversichtlich nach vorne. «Es ist schwierig. Meine Familie ist nicht da. Sie fehlt mir. Aber die Schweiz ist ein gutes Land zum Leben.»

Abobakr Temory

Abobakr Temory ist 21 und stammt aus Afghanistan. Seit fast drei Jahren ist er in der Schweiz. Lebt in Gerlafingen bei einer Gastfamilie.Ruhig. Überlegt. Verhalten optimistisch. Ist erst seit drei Monaten im Programm der «Regiomech». Ging in Afghanistan zur Schule. «Die ist nicht gut. Viele Halbtage. Viele Ferien. Das halbe Jahr frei.» Hat selber einen kleinen Laden betrieben. Und verletzte Personen betreut. Sucht eine Stelle im Detailhandel oder der Pflege. Hat schon ein paar Absagen bekommen, einige Rückmeldungen stehen noch aus. Schaut leicht zuversichtlich nach vorne. «Es ist schwierig. Meine Familie ist nicht da. Sie fehlt mir. Aber die Schweiz ist ein gutes Land zum Leben.»

Er hat die Seiten gewechselt. War er zuvor hinter dem Schreibtisch, derjenige, der Lehrlinge einstellte, ist er jetzt davor. Derjenige, der bei den Bewerbungen hilft und nach dem Einreichen mit bangt. «Deshalb weiss ich ganz genau, worauf ein Arbeitgeber achtet. Und nach welchen Kriterien Bewerbungen beurteilt werden.» Um die erste Hürde zu überspringen – die Angst vor dem Neuen, Unbekannten zu nehmen – hat das Team der mit allen Schülern ein kurzes Vorstellungsvideo gedreht. So bekommen die Ausbilder schon einen ersten Eindruck. Und wissen, dass sie es nicht einfach mit einem «Flüchtling», sondern mit einer Persönlichkeit zu tun haben.

42 Plätze

42 Plätze hat die «Regiomech» für junge Migranten. «Wir bekommen jeweils um die 100 Anmeldungen von Sozialdiensten», so Brander. Mit Einstufungstests wird entschieden, wen man aufnimmt und wen nicht. Nicht nur weil es zu viele Bewerbungen gibt: «Ein Jahr ist eine extrem kurze Zeit. Wer nicht schon Vorkenntnisse in Deutsch hat, hat gar keine Chance, in diesem Zeitraum eine Lehrstelle zu finden.

Die Nachfrage nach unserem Jugendprogramm ist hoch, wir suchen Lösungen, um dieser gerecht zu werden. Es gibt viele Ideen, konkrete Ausbaupläne liegen jedoch zurzeit noch nicht vor.» Nebst finanziellen Hürden stellt Brander die Frage in den Raum, ob der Arbeitsmarkt noch mehr Lehrstellensuchende überhaupt verkraften würde. «Das Bewusstsein bei Lehrbetrieben ist noch nicht entsprechend geschärft.» Dafür soll der Weg der ehemaligen Schützlinge in Zukunft bis zur Lehrabschlussprüfung (LAP) mitverfolgt werden.

Was bisher über den persönlichen Kontakt mit Arbeitgebern und Berufsschulen lief, geschieht neu in einem «360 Grad Feedback Programm». Ziehen sie die Lehre durch? Bestehen sie die LAP? Finden sie danach einen Job? Oder kurz: Wie nachhaltig ist das Programm? «Die persönlichen Eindrücke sind bisher durchweg positiv», so Brander. «Eine junge Frau aus Guinea, die bei uns im Programm war, hat letztes Jahr eine Lehrstelle in einer Bäckerei in Solothurn gefunden. Neulich hat sie mir stolz ihr Zeugnis unter die Nase gehalten: Klassenbeste in Deutsch.»

15 Schützlinge

15 Schützlinge suchen für diesen Sommer noch eine Lehrstelle. In verschiedensten Bereichen: Vom Logistiker/in über den Detailhandelsassistenten/in bis hin zum Polymechaniker/in. «Wir haben mit zwei Hauptproblemen bei der Lehrstellenvermittlung zu kämpfen», so Brander. Das Erste sei ganz klar die Sprache. Gerade vonseiten der Berufsbildner in Bezug auf die Berufsschule kämen Bedenken. Geht das? Kommen diese Leute im Unterricht mit? Brander gibt Entwarnung. Klar sei, dass man beim Sprechen Unterschiede merke. «Das ist schwierig, es braucht lange Zeit Übung.» Doch beim Schreiben und Lesen seien viele Regiomech-Abgänger mindestens ebenso gut wie Schweizer Lehrlinge. Wenn nicht sogar besser. «Sie lernen die Sprache von der Pike auf. Deshalb werden weniger Fehler gemacht.»

Das zweite Hauptproblem sei fehlende Aufklärung bei Lehrbetrieben. «Der Schritt von der Bewerbung zur persönlichen Vorstellung ist der schwerste. Viele wissen gar nicht, dass das Einstellen von Flüchtlingen legal ist.» Die Angst gehe um, dass ein Lehrling mit dem Status «vorläufig aufgenommen» plötzlich das Land verlassen müsse. Dabei habe sich gezeigt, dass dies bei integrierten Personen mit einer Arbeit praktisch nie vorkomme. Dazu komme die Angst vor dem bürokratischen Mehraufwand. Oft werde Brander von Arbeitgebern gefragt: «Was bedeutet dies für uns? Was müssen wir alles tun?» Seine Antwort: «Gar nichts. Ihr macht einen ganz normalen Lehrvertrag.» Den Rest, beispielsweise das Arbeitsgesuch beim Kanton, beantragt die «Regiomech».

Um diesen Ängsten entgegenzuwirken, brauche es Öffentlichkeitsarbeit. Die Vorstellungsvideos sind dabei nur der erste Schritt. Jeder Bewerbung werden Begleitschreiben beigelegt, die die Angst vor der Bürokratie nehmen sollen. Und schliesslich läuft viel über den persönlichen Kontakt. Im Industrieverband sei man bereits vertreten. Nun möchte man auch beim Gewerbeverband und den einzelne Berufsverbänden für die Klientel weibeln. «Denn diese ist eine Chance. Dauernd reden wir von Fachkräftemangel. Mehr Jugendliche denn je gehen ans Gymi. 400 Lehrstellen im Kanton sind fürs kommende Jahr noch unbesetzt.» Da könne die «Regiomech» mithelfen zu entschärfen. Mit teilweise gut ausgebildeten, top motivierten Persönlichkeiten. «Wir haben das Bild von am Bahnhöfen herumlungernden Flüchtlingen in unseren Köpfen. Dies jedoch nur, weil diese Personen gar keine Chance bekommen.» Brander kommt bei diesem Thema so richtig in Fahrt.

Er spricht von der Motivation der Flüchtlinge und der Chance, die sie für den Arbeitsmarkt darstellen. Und ist selber mit ganzem Herzen dabei. Da liegt auch der Grund, wieso er von der Berufsbildung zur «Regiomech» gewechselt ist. «Es ist mir verleidet. Ich hatte mit vielen jungen, top ausgebildeten Leuten zu tun. Die aber einfach nicht motiviert waren. Jetzt arbeite ich mit Leuten, die unbedingt wollen und alles dafür tun, einen Job zu finden. Sie müssen nur eine Chance bekommen.

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