«Archie» und seine rund 700 Billiarden Arbeitskollegen fressen CO2 und Wasserstoff und besiegeln ihr Mahl mit einem Rülpser aus Methan, das ins Erdgasnetz eingespeist wird. Ein Trickfilm der Regio Energie Solothurn RES erklärt anlässlich einer Feier mit Behördenmitgliedern und Partnern kinderleicht, worum es bei der neusten Erweiterung im Zuchwiler Hybridwerk Aarmatt geht. Ein zwölf Meter hoher Bioreaktor-Turm dient den gasbildenden Mikroorganismen, auch Archäen genannt, hinter isoliertem Mantel bei 62 Grad Celsius in einer Salzwasserlösung als wohliges Zuhause, als Speisesaal. Biotechnologie, die alles andere als kinderleicht ist, macht es möglich.

Man verspricht sich einiges von der Methanisierungsanlage, der ein einfaches anwendungsorientiertes Prinzip zugrunde liegt: Unter dem Stichwort Power-to-Gas wird hier überschüssiger Strom aus dem Netz verwendet, um synthetisches Erdgas herzustellen.

Besteht zu einem späteren Zeitpunkt ein erhöhter Strombedarf – beispielsweise wegen einer unsteten Versorgung durch Wind- und Solarenergie –, so wird das Gas zurückgewandelt und gibt darüber hinaus auch Energie in Form von Wärme ab. Bereits 2016 konnten im Hybridwerk Aarmatt zwei so genannte Elektrolyseure für die Produktion von Wasserstoff in Betrieb genommen werden. Dieser dient einerseits zusammen mit CO2 aus der Abwasseranlage ZASE als Ausgangsstoff für die Methanproduktion. Andererseits wird Wasserstoff für die Einspeisung ins Erdgasnetz auch dem Methan beigemengt.

Dem Energiesystem verpflichtet

Doch wieso in der Region Solothurn? Rückblende: Ursprünglich als Notfall-Backup für das Fernwärmenetz gedacht, entstand in der Aarmatt nach und nach das Hybridwerk der RES, das die Umwandlung unterschiedlicher Energieformen zulässt und dadurch als Speicher- und Pufferrelais in einem konvergenten Energienetz zum Einsatz kommt. «Als mittelgrosses Stadtwerk sieht sich die Regio Energie verpflichtet, am Umbau des Energiesystems hin zu nachhaltigen Lösungen mitzuwirken», erklärte dazu RES-Direktor Felix Strässle und legte den Finger auch auf eine kommende Strommarktöffnung. In seinem Referat nahm Strässle auch die Politik in die Pflicht: «Sie setzt den Rahmen für Innovation.» Umso unverständlicher sei es, weswegen andere Speicherkraftwerke vom Stromnetzentgelt befreit seien, während Power-to-Gas, ebenfalls eine Speichertechnologie, von dieser Erleichterung nicht profitiere, so Strässle weiter.

Im Bioreaktor im Turm rechts wohnen die 700 Billiarden Archäen.

Im Bioreaktor im Turm rechts wohnen die 700 Billiarden Archäen.

Dabei steht die Forschungsanlage in einem grösseren Kontext: Nach den beiden im Vorjahr eröffneten Demonstrationsbetrieben in Falkenhagen (D) und Troia (I) ist Zuchwil der dritte Forschungsstandort von «Store&Go», dem europäischen Forschungsprojekt in Sachen Power-to-Gas mit 27 Partnern in ganz Europa. Vom Gesamtprojektbudget in der Höhe von 30,6 Mio. Franken fliessen 6,25 Mio. Franken für Forschungen in die Schweiz.

Lehrstück in Sachen Energie

«Store&Go» ist Teil des EU-Forschungs- und Innovationsprogramms «Horizon 2020». In Zuchwil arbeitet die RES mit der Hochschule für Technik Rapperswil, der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt EMPA, dem Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches, der ETH Lausanne und der Firma Electrochaea GmbH aus Deutschland zusammen. Diese hat als Technologiepartner der RES die biologische Methanisierung entwickelt.

Auf die Zukunftsträchtigkeit der Technologie machte indes auch Frank Graf vom Karlsruher Institut für Technologie deutlich: «Der CO2-Fussabdruck bei der Anwendung von Power-to-Gas ist circa 80 Prozent niedriger als jener von regulärem Erdgas.» Aus den wissenschaftlichen Ergebnissen der Forschungsanlagen erhoffe man sich Erkenntnisse, um Handlungsempfehlungen für die weitere technologische Entwicklung generieren zu können.
Als «Götti» der Anlage und damit auch der 700 Billiarden Archäen machte Nationalrat Stefan Müller-Altermatt auf die Bedeutung der Anlage aufmerksam: «Sicher, bezahlbar, möglichst inländisch und nicht fossil. Dahin zielt die Energiestrategie 2050.» Und so zeigte sich der Götti stolz, dass der Kanton Solothurn – neben seinem schlechten Ruf als «Atom- und Konzernkanton» – nun als «Energieinnovations-Kanton» in Erscheinung tritt.