Ratspräsident Christian Imark verliest die neu eingegangenen Vorstösse. Normalerweise ist dies das Signal fürs Zusammenräumen der Papiere. Endlich Mittagessen! Heute aber gibts keine Bewegung. Alle wissen, was kommt: Eine letzte Mitteilung des Präsidenten. «Für den Kantonsratssaal ist die Zeit abgelaufen», sagt Imark. «Es ist eine Ehre für mich, die Geschichte dieses Saals beenden zu dürfen.» – Die Geschichte des grössten Raums des Solothurner Rathauses – in dieser Form aus dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts stammend, 1904/05 in seine heutige Form gebracht.

Es ist aus: Ratspräsident Christian Imark geht, die Glocke in der Hand. Die Papierberge werden entsorgt.uw

Es ist aus: Ratspräsident Christian Imark geht, die Glocke in der Hand. Die Papierberge werden entsorgt.uw

An sich steht er unter Denkmalschutz. Doch jetzt wird er umgebaut, weil er auf der Seite, wo die SVP-Fraktion sitzt, einzustürzen droht. Guido Kummer+Partner Architekten haben den Planungswettbewerb für den Umbau gewonnen. Und die Architekten ergreifen Besitz vom Objekt ihrer Begierde, dem sie – so Guido Kummer – eine neue Kultur beibringen» wollen, noch ehe die Sitze erkaltet sind. «Sobald das letzte Ratsmitglied den Saal verlassen hat», warnt Präsident Imark die mit ihm ins Exil nach Grenchen und Nunningen Ziehenden, «beginnen die Umbauarbeiten. Ich hoffe, dass alle den Saal noch heil verlassen können ...»

«Schlag auf Schlag»

Imark hat eher untertrieben: Es sind noch längst nicht alle draussen, als schon, schon Leitern, Kübel und Schläuche aufgefahren werden. Ein Vorausdetachement. In der Mitte des Saals steht, in Begleitung von Brigitte Marti, der Projektleiterin vom Hochbauamt, der Mann, der die Operation «Discorso» leitet, Guido Kummer. «Jetzt gehts Schlag auf Schlag», frohlockt er – und macht damit deutlich, dass es kein Zurück mehr gibt. Um halb zwei gehts richtig los. Der Architekt lacht grimmig: «Am Abend hängt dieser Kronleuchter da oben schon nicht mehr.»

Archtiekt Guido Kummer vor dem Modell für den Kantonsratssaal

Archtiekt Guido Kummer vor dem Modell für den Kantonsratssaal

Obs den Kantonsräten nicht ein wenig geht wie jemandem, der sein altes Ross in die Metzg bringt? «Ein bisschen Wehmut ist schon dabei», ist eine Stimme im hinausdrängenden Pulk auszumachen. Bei andern fallen die Hemmungen. Nicht dass sie die Klappsitze herauszureissen beginnen würden. Remo Ankli lässt es sich aber nicht nehmen, einmal oben auf dem Präsidentensessel zu thronen. Wies wohl gewesen wäre an Christian Imarks Platz? «Probst du für die Zukunft?», ruft einer zum Bock hinauf. – Nein, eine Zukunft gibt es nicht, jedenfalls nicht für diese wunderbare Schreinerarbeit.

Kantonsrat geht auf Reisen

Ein bisschen Wehmut? – «Es gibt ein Dafür und ein Dawider», sagt Regierungsrat Peter Gomm. «Aber eigentlich wars ein schöner Saal.» Was dieses Holz, das nun zu nichts mehr nütze sein soll, nicht alles zu erzählen wüsste! Von all den Debatten, die es klaglos über sich ergehen lassen hat. Von genialen, ordentlichen, mittelprächtigen, kläglichen und peinlichen Voten. Ja, das ganze Sortiment wird zurückkehren, wenn aus dem Kantonsratssaal «Discorso» geworden ist. Es ändert nur die Form, der Inhalt bleibt – das mag als Trost dienen. Oder auch nicht.

Zuerst gehts jetzt ins Exil. Nach Grenchen, dann nach Nunningen, bevor Ende Oktober wieder im Solothurner Rathaus debattiert wird. Papierstösse werden hinaus getragen. Ratssekretär Fritz Brechbühl ist einer der letzten, die den Saal verlassen. Kantonsratspräsident Imark packt seine Sachen in einen grossen Sack und hängt sich die Tasche um. Auch der Kapitän geht von Bord. Etwas trägt er behutsam in der Hand: die Glocke. Ihr Mahnen wird auch im neuen Saal nicht fehlen. Auch dort sollen die Voten nicht zu lang werden, die Unruhe nicht überhandnehmen. Wenigstens so viel ist sicher.

Sessionen im Exil Im Juni (12./13. und 19./20. Juni) tagt der Kantonsrat im Parktheater Grenchen, im August und September (28./29. August und 4./5. September) in der Hofackerhalle in Nunningen.