Am Lehrplan 21 scheiden sich die Geister. Die Bildungsverwaltungen in praktisch allen deutsch- oder zweisprachigen Kantonen haben die Einführung des harmonisierten Deutschschweizer Lehrplans beschlossen. In Solothurn soll er ab August 2018 eingeführt werden.

Gegen diese Einführungsbeschlüsse sind in einer Reihe von Kantonen Volksinitiativen lanciert worden, die nach und nach dem Volk zu Abstimmung vorgelegt werden. In Solothurn werden die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger aller Wahrscheinlichkeit nach am 21. Mai 2017 über die Initiative «Ja zu einer guten Volksschule ohne Lehrplan 21» befinden.

Der Regierungsrat hat am Dienstag zum Anliegen der Intianten Stellung genommen – und empfiehlt eine Ablehnung des Volksbegehrens, was nicht anders zu erwarten war. Bevor das Stimmvolk im Frühling das letzte Wort haben wird, wird sich der Kantonsrat in einer der nächsten Sessionen damit befassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Parlamentsmehrheit hinter die Initiative stellt, ist eher klein. Geschlossen dafür kämpfen die SVP, die GLP und die EVP. Zu den – bislang bekannten – Befürwortern zählen zudem einzelne CVP-Kantonsräte.

Harmos-Konkordat wird verletzt

In ihrer Stellungnahme erinnert die Regierung daran, dass sich die Solothurnerinnen und Solothurner bereits zweimal für eine schweizweite Harmonisierung der Strukturen und Bildungsziele im Bereich der Volksschule ausgesprochen haben. Im Jahr 2006 mit der Zustimmung zum Bildungsrahmenartikel in der Bundesverfassung und 2010 mit dem Beitritt zum Harmos-Konkordat. «Harmos» fordere explizit die Erarbeitung sprachregional harmonisierter Lehrpläne, hält die Regierung fest – und fügt bei: «Der sprachregionale Lehrplan der Deutschschweizer Kantone ist ohne Zweifel der Lehrplan 21».

Andere harmonisierte Lehrpläne auf der Volksschulstufe gebe es nicht. Wenn also der Lehrplan 21 im Kanton Solothurn nicht umgesetzt werden sollte, dann bedeute dies eine Verletzung des Harmos-Konkordats.

Vor allem aber würde sich Solothurn bei einer Annahme der Volksinitiative «in eine besondere Situation gegenüber den anderen Deutschschweizer Kantonen versetzen». Der Kanton müsste nämlich einen eigenen neuen Lehrplan gemäss den Vorgaben der Volksinitiative erarbeiten, oder zumindest den jetzt gültigen Lehrplan überarbeiten. Dies aber würde eine Harmonisierung mit den anderen Deutschschweizer Kantonen, wie das gerade auch von der Solothurner Bevölkerung gewünscht werde, verunmöglichen. 

Neben der fehlenden Harmonisierung bedeute die Erarbeitung eines neuen Lehrplans oder auch nur die Überarbeitung des bestehenden einen «grossen Aufwand», hält die Regierung weiter fest. Sie veranschlagt für einen neuen Solothurner Lehrplan Kosten in der Höhe von 630 000 bis 800 000 Franken, hinzu kämen noch die Aufwendungen für die Weiterbildungen.

Anschluss an Berufswelt

Eine Erneuerung des aktuellen Solothurner Lehrplans sei neben den Vorgaben der Initianten auch deshalb nötig, weil der aktuelle Lehrplan in den 80er-Jahren entstanden ist. Teile davon seien mehrfach ergänzt, ersetzt oder überarbeitet worden. Der heutige Solothurner Lehrplan sei ein «Flickwerk», der mit seinen knapp 600 Seiten noch umfangreicher ausfalle als der Lehrplan 21.

In seiner rund 17-seitigen Stellungnahme erörtert der Regierungsrat zudem die einzelnen Forderungen der Initianten und benennt eine Reihe von «Problemfeldern». Ein zentrales Anliegen der Initianten besteht darin, dass der Lehrplan der Volksschule auf Inhalten respektive Wissen aufbauen muss – und nicht auf Kompetenzen. «Diese Forderung widerspricht der Aufbaulogik des Lehrplans 21 total», stellt die Regierung fest. Der Lehrplan orientiere sich an Kompetenzen. «Wissen, Können und Anwenden» bilden in den Kompetenzbeschreibungen des harmonisierten Lehrplans dabei eine Einheit.

Indem die Volksinitiative die Vermittlung von Wissen in den Vordergrund stelle, folge sie einem anderen Ansatz. «Dass dies nicht ausreichend sein kann, erkennen die Initianten ebenfalls, daher sollten ergänzend gleichwohl Kompetenzen definiert werden», schreibt die Regierung. Der geforderte Aufbau auf Inhalten aber erschwere den Anschluss an die Berufswelt, die gesamtschweizerisch organisiert ist. «Alle anderen Kantone richten sie mit dem Lehrplan 21 am Ende der Volksschule auf die gleichen Kompetenzen aus.» Solothurn müsste die Anschlüsse mit dem eigenen Lehrplan neu klären.

Ein weiteres Problemfeld ortet die Regierung insbesondere in der geforderten Aufteilung des Bereichs Natur und Technik in die Fächer Biologie, Chemie und Physik. Der Unterricht auf der Sekundarstufe I würde so «in kleinste Einheiten zersplittert». Zudem widerspreche diese Forderung dem Schulalltag. Das heutige Fach Naturlehre vereine die erwähnten Fachwissenschaften – eine Einheit, die sich bewährt habe. Und was Geschichte und Geografie betrifft: Diese beiden Fächer werden auch in der Lektionentafel zum Lehrplan 21 getrennt aufgeführt.