Die Reform auf der Sekundarstufe I gibt zu reden. Bei der Volksschullehrerschaft, wie eine Anfang Oktober publizierte Umfrage des Lehrerverbands offenlegte (wir berichteten). Und auch in den Reihen der Politik. Dies machen zwei zeitgleich eingereichte Interpellationen der FDP und der SVP deutlich. In beiden politischen Vorstössen steht die Beobachtung im Zentrum, dass von 2011 bis 2014 die Übertrittsquote von der Primarschule in die zweijährige Sek P (Progymnasium) das bildungspolitische Plansoll von 15 bis 20 Prozent übertroffen hat. Und verbunden damit gibt den Interpellanten zu denken, dass relativ viele Schüler, die nach der Sek P ins Gymnasium eintreten, dieses nach dem ersten Jahr wiederum verlassen.

Anders als von den Bildungsstrategen angedacht, besuchen also auch Schülerinnen und Schüler die Sek P, die keine gymnasiale Maturität anpeilen – sondern später in anspruchsvolle Berufslehren wechseln. Diese sollten aber eigentlich, so ist es vom System her vorgesehen, die Sek E (Erweiterte Anforderungen) absolvieren. Widerspricht also das reale Schüler-Verhalten den Vorstellungen der Bildungspolitik?

Machbar: von der Sek E ins Gymi

SVP-Interpellant Beat Künzli (Laupersdorf) bringt das Kernproblem mit folgender Frage auf den Punkt: «Wie soll ein Schüler, der den Schritt in die Sek P problemlos meistern würde, davon abgehalten werden, wo er doch Mitte der sechsten Klasse kaum eine Ahnung hat, welchen Beruf er einmal erlernen will?» In ihrer Stellungnahme erinnert die Regierung daran, dass der Entscheid für das Gymnasium vor der Reform auf der Sekundarstufe I bereits in der fünften Klasse mit dem Eintritt ins damalige Untergymnasium gefallen sei. Und: «Die progymnasiale Sek mit der Dauer von nur zwei Jahren nimmt genau diesen Gedanken auf.»

Im Klartext heisst das: Die Sek P richtet sich an das Schülersegment der früheren Untergymnasien an den beiden Kantonsschulen und der progymnasialen Züge an den Bezirksschulen. Wer sich indes erst später für eine Maturität entscheiden möchte, der habe die Möglichkeit, so die Regierung, nach der dritten Sek E ins Gymnasium zu wechseln oder die Fachmittelschule zu besuchen. Die Prüfung von der Sek E ins Gymnasium im Schuljahr 2013/2014 habe denn auch gezeigt, dass dies gut machbar ist. So seien 37,4 Prozent der zur Prüfung Angetretenen auch tatsächlich aufgenommen worden. Die zweijährige Sek P sei als Begabtenprogramm konzipiert, unterstreicht die Regierung. Die dreijährige Sek E gewährleiste einen fundierten Berufswahlunterricht, «der gerade auch leistungsfähigen Schülern diverse Möglichkeiten» aufzeigt.

Warum keine dreijährige Sek P?

Kein hörendes Ohr hat die Regierung vor diesem Hintergrund für die (fragende) Anregung der FDP, die
Sek P auf drei Jahre auszubauen. «Eine Änderung der Dauer der Sek P würde eine neue Gliederung erfordern», heisst es in der Stellungnahme. So müsste sich die Sek P neben der Vorbereitung auf die gymnasiale Ausbildung auch auf die anspruchsvolle Berufsbildung ausrichten. Damit aber müssten die Richtwerte angepasst und auf 30 bis 33 Prozent angehoben werden.

Dies würde zwar eine strukturelle Anpassung an die anderen drei Kantone des Bildungsraums (Baselland, Baselstadt und Aargau) bedeuten, gleichzeitig aber auch eine Schwächung der heutigen Sek P und Sek E. Und zudem: Sollte das Gymnasium erst nach der dritten Klasse der Sekundarstufe I beginnen, würde dies die Laufbahn der Jugendlichen bis zur Matura um ein Jahr verlängern, da Gymnasien vier Jahre dauern. Eine solche Verlängerung der Sek P hätte zudem zusätzliche Kosten von zehn bis zwölf Millionen Franken pro Jahr zur Folge.

Statt auf Systemkorrekturen setzt die Regierung auf Information und Kommunikation. «Es braucht bei den Schulen, den Eltern und den Berufsverbänden das Wissen, dass der Weg im Kanton Solothurn in die Berufsbildung über die Sek E verläuft.» Zusätzlich sei eine Arbeitsgruppe «Laufbahn» im Volksschulamt (VSA) an der Arbeit, Wege zu suchen, damit die Diskrepanz zwischen der Vergleichsarbeit in der 6. Klasse und der Langzeitbeurteilung durch die Schule, nicht zu hoch ausfällt.