Die Arbeitslosigkeit im Kanton Solothurn liegt deutlich unter dem Schweizer Durchschnitt. Sind die Solothurner RAV besonders erfolgreich oder ist das Zufall?

René Knipp: Zufall ist es nicht. Unsere Arbeit trägt mit dazu bei, aber ich behaupte nicht, wir könnten den Arbeitsmarkt steuern. Hauptgrund ist, dass sich die hiesige Wirtschaft schneller erholt hat als gesamtschweizerisch. Allerdings hat die Krise vor zwei Jahren die solothurnische Industrie auch überdurchschnittlich stark und rasch getroffen.

Gerade die stark verankerte Exportindustrie leidet unter dem Wechselkurs. Ist die relativ tiefe Arbeitslosenquote nicht erstaunlich?

Das ist tatsächlich erstaunlich und ist eine positive Überraschung. Wir beobachten, dass viele Firmen offenbar ihre Hausaufgaben gemacht haben und trotz Frankenstärke auf den Weltmärkten bestehen können.

Wie stark wirkt sich die vor Jahresfrist in Kraft gesetzte Revision der Arbeitslosenversicherung auf die Zahlen aus?

Die Revision führt dazu, dass Menschen ohne Arbeit früher die Anspruchsberechtigung verlieren. Letztlich ist es eine Verschiebung von einer Sozialversicherung zur anderen. Ich beobachte aber, dass nicht im grossen Stil Menschen von der Arbeitslosenversicherung zur Sozialhilfe wechseln.

Landet also nicht jeder Ausgesteuerte bei der Sozialhilfe?

Ja. Studien belegen, dass rund die Hälfte aller Ausgesteuerten innerhalb eines halben Jahres wieder eine Stelle finden.

Geben sich die Betroffenen nach einer Aussteuerung plötzlich mehr Mühe bei der Arbeitssuche?

Die Betroffenen sind in dieser schwierigen Situation kompromissbereiter. Sie akzeptieren tiefere Löhne und längere Arbeitswege oder sind bereit, auch in ganz fremden Branchen Arbeit zu suchen.

Wie wirkt sich die Revision konkret auf die Arbeit im RAV aus?

Die Neuregelung brachte unseren Vermittlungsstellen eine Entlastung. Allerdings nur quantitäts- und nicht qualitätsmässig. Denn je tiefer die Arbeitslosenzahlen sind, desto mehr steigt prozentual die Zahl der schwierigen Fälle. Wir nähern uns momentan der Sockelarbeitslosigkeit an. Hier geht es um Menschen mit Mehrfachproblematiken wie Ausbildung, Sprache oder Alter, die auch in Boomphasen Probleme haben, einen Job zu finden.

Wer hat die grössten Probleme, eine neue Stelle zu finden?

Dazu gibt es keine Pauschalaussage. In der Theorie sind es jene Menschen mit den erwähnten Mehrfachproblematiken. In der Praxis ist es aber nicht immer so. Es kann sein, dass auch durchaus gut qualifizierte Berufsleute Mühe haben. Entscheidend sind nämlich auch weiche Faktoren, die mit dem Arbeitsmarkt direkt nichts zu tun haben. Ich denke beispielsweise an die Motivation. Zudem kann das persönliche Beziehungsnetz als Auffangfunktion eine wichtige Rolle spielen. So gibt es Ausländergruppen, die untereinander sehr gut organisiert sind und einander helfen. Diese werden in der Folge kaum arbeitslos, obwohl sie alle Risikofaktoren auf sich vereinen.

Haben Langzeitarbeitslose die schlechteren Karten?

Wer einmal langzeitarbeitslos wird, für den steigt die Gefahr, auch ausgesteuert zu werden. Das ist die Realität.

Ein Teufelskreis?

Ja. Wir beobachten, dass Personalabteilungen in den Firmen eine kurze Arbeitslosigkeit akzeptieren. Bei einer längeren Phase ohne Arbeit wird befürchtet, dass der Bewerber die Tagesstruktur verloren hat und nicht mehr in der Lage ist, eine Topleistung zu erbringen.

Im August kommen die Schulabgänger auf den Arbeitsmarkt. Werden alle eine Lehrstelle oder eine andere Lösung haben?

Davon gehen wir aus, umso mehr, die Zeiten der geburtenstarken Jahrgänge vorerst vorbei sind. Der Aufbau zusätzlicher spezieller Strukturen wird nicht nötig sein, selbst, wenn einige Schulabgänger keine Anschlusslösung finden.

Ist es nicht widersprüchlich, wenn trotz offener Lehrstellen nicht alle eine Lehre antreten können?

Bedürfnisse und Ansprüche passen nicht in jedem Fall zusammen. Nicht jeder will Metzger oder Maurer lernen. Andererseits sind begehrte Lehrstellen wie für Informatiker rar. Wir machen aber alle Jugendlichen darauf aufmerksam, dass eine Berufslehre besser ist als gar keine Lehre.

Sie waren 2011 gefordert durch die Sappi-Schliessung. Wie beurteilen Sie die Arbeit des RAV rückblickend?

Grundsätzlich konnte dieser Schock gut bewältigt werden. Von den rund 500 entlassenen Arbeitnehmenden sind, Stand heute, bei den RAV im Kanton Solothurn noch rund 100 und im Kanton Bern etwa 20 als arbeitslos angemeldet. Also rund 75 Prozent haben einen neuen Job gefunden.

Sie und ihr Team sind direkt an der Front mit dabei. Geht Ihnen das nicht unter die Haut?

Ich arbeite nun seit 17 Jahren beim RAV. Es ist aber kein Routinejob. Immer wieder tauchen Einzelschicksale auf, die sehr nahe gehen. Damit muss man leben können. Unsere Personalberater arbeiten lösungsorientiert und versuchen nicht, Lebensberater zu spielen. Das wäre nicht unsere Aufgabe. Wer auf dem Helfertrip ist, der wird bei uns nicht lange bleiben. Andererseits sind wir nicht das letzte Auffangnetz. Nach uns schalten sich die Sozialämter ein.

Wiederholt beklagen sich Arbeitslose, die sich vom RAV-Personal nicht Ernst genommen, sondern als Nummer behandelt fühlen. Führen Sie Qualitätskontrollen durch?

Unserer Personalberater sind professionell ausgebildet; sie behandeln und beurteilen die Fälle individuell. Die Vorgesetzten machen regelmässig Dossierkontrolle und führen Fall-Besprechungen durch. Zudem filmen wir als einziger Kanton der Schweiz Gespräche regelmässig. Diese werden ausgewertet und besprochen. Ziel ist, dass die Menschen wertschätzend beraten werden und der Einzelne soll sich nicht als Nummer fühlen.

Können Sie dafür die Hand ins Feuer legen?

Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Bei wöchentlich 50 bis 100 neuen Anmeldungen und nach der tausendsten Beratung ist die Gefahr real, dass sich ab und zu auch Routine einschleicht. Es gilt aber, dies möglichst zu verhindern. Wichtig zu wissen ist, dass wir eine Doppelrolle innehaben. Einerseits bieten wir Unterstützung an, andererseits müssen wir auch die Gesetze umsetzen. Gerade dort haben wir keinen Spielraum. Und da ist der Weg kurz, bis eine Person mit uns nicht zufrieden ist, etwa bei von der Arbeitslosenkasse verfügten Einstelltagen. Solche Entscheide sind denn auch meistens der Ursprung von Reklamationen.