Auf dem Programm hatten noch das Plädoyer von Roland Winiger, Amtsverteidiger des Fahrers des schwarzen VW Golf, die Replik des Oberstaatsanwalts und die Dupliken der drei Verteidiger gestanden.

Roland Winiger machte von Anfang an klar, dass er sich grundsätzlich den Ausführungen von Corinne Saner und Markus Weber anschliessen könne. Dementsprechend wiederholte Winiger in seinem klar strukturierten Plädoyer vieles, was man sinngemäss schon am Vortag gehört hatte.

So etwa, dass nicht nachgewiesen sei, dass die drei beschuldigten jungen Männer «bewusst und gewollt ein Rennen mit Todesfolge veranstaltet» hätten. Der vom Amtsgericht Olten-Gösgen festgestellte Sachverhalt, so Winiger, werde von ihm weitgehend als richtig anerkannt.

Und die Vorinstanz habe die von der Staatsanwaltschaft erneut bemühten Zeugenaussagen der beiden Aarauer Stadtpolizisten, die im Stritengässli drei Autos auf dem Allmendweg vorbeirasen gehört beziehungsweise gesehen haben wollen, zu Recht als völlig unglaubwürdig bezeichnet. Auf eine solche Zeugenaussage könne kein Gericht abstellen.

«Schnelles Fahren ist noch lange kein Rennen»

Sein Mandant, der Fahrer des schwarzen VW Golf, der die Unfallstelle als Letzter der drei Beschuldigten erreichte, könne mit dem Unfall nicht in Zusammenhang gebracht werden. Mit dem Tod von Lorena Wittwer habe er nichts zu tun. «Er hat keinen Tatbeitrag geleistet oder irgendwie geholfen.»

Zuletzt, im Innerortsbereich in Schönenwerd, sei er korrekt mit 50 km/h gefahren und habe problemlos anhalten können. Er habe nicht an einem Rennen teilgenommen, erklärte Winiger. «Ein solches hätte keinen Sinn gemacht.» Mit seinem 19-jährigen Golf, besetzt mit vier Passagieren, hätte sein Mandant keine Chance gehabt.

Er sei überholt worden, habe aber selber nie einen der andern Beschuldigten zu überholen versucht. Streckenweise – zwischen der Wöschnau und Schönenwerd, wo die drei jungen Männer zwei andere Autos überholten – sei sein Mandant zu schnell gefahren, ja, «aber schnelles Fahren ist noch lange kein Rennen».

Nur Verkehrsregelverletzungen

Also bleibe dem Golf-Fahrer nichts anderes vorzuwerfen als die mehrfache grobe Verletzung von Verkehrsregeln am 8. November 2008 und die mehrfache einfache Verletzung von Verkehrsregeln in einem andern Fall am 4. Oktober 2008 in Aarau. Dort soll der junge Mann unangegurtet und unter grosser Lärmentwicklung herumgefahren sein.

Die vom Amtsgericht verhängte Strafe – 28 Monate Freiheitsentzug, davon acht Monate unbedingt – sei unverständlich, befand Winiger. «Dem Gericht ist es nicht gelungen, den Unfall aus dem Konnex der Strafzumessung wegzudenken.» Dabei handle es sich bei dem, was sein Mandant gemacht habe, um einen Fall, der von der Staatsanwaltschaft zuhauf per Strafbefehl geregelt werde.

Dass die Staatsanwaltschaft seinen Mandanten später als Beifahrer seines in Trimbach bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung erwischten Bruders für 29 Tage in Untersuchungshaft gesteckt habe, sei eine Fehlleistung gewesen, die sich als Überkompensation für das Nichterscheinen des zuständigen Staatsanwalts in Schönenwerd interpretieren lasse. – Das Trimbacher Nebenverfahren hat die Staatsanwaltschaft bereits eingestellt.

Winiger forderte Freisprüche für den Golf-Fahrer in Bezug auf die Vorhalte der vorsätzlichen, eventuell fahrlässigen Tötung, schweren Körperverletzung und einfachen Körperverletzung. Für Verkehrsregelverletzungen sei er zu einer Geldstrafe von maximal 120 Tagessätzen à 30 Franken unter Gewährung des bedingten Strafvollzugs bei einer Probezeit von zwei Jahren zu verurteilen. Dies unter Anrechnung der 29 Tage Untersuchungshaft.

«Wahnsinnsfahrt» entscheidend

Oberstaatsanwalt Felix Bänziger verwahrte sich gegen den Vorwurf, die Staatsanwaltschaft habe «absichtlich den Medienrummel geschürt». Bänziger nahm noch einmal die beiden Aarauer Stadtpolizisten in Schutz: Es gebe keinen Grund zur Annahme, dass die beiden Zeugen ein Komplott geschmiedet haben sollten.

Es möge sein, dass im Nachhinein Details dazugekommen seien, «aber das Kerngeschehen muss sich so zugetragen haben». Bänziger: «Es stinkt doch schon nach Rennen!» Zum Vorwurf des pflichtwidrigen Verhaltens des Linksabbiegers in die Stiftshaldenstrasse, den Corinne Saner am Vortag geäussert hatte, sagte der Oberstaatsanwalt: «Lorena Wittwer starb wegen der Wahnsinnsfahrt des Hauptbeschuldigten – ohne diese hätte der Unfall nicht stattgefunden.»

Was geschah im Aarauer Schachen?

Der Streckenabschnitt Allmendweg (Aarau)–Wöschnau gab gestern noch einmal viel zu reden. Bei den hier gefahrenen Tempi liegt nämlich womöglich der Schlüssel für die Entscheidung, obs ein Rennen war oder nicht. Die Stadtpolizisten bestätigen dies schon für den Abschnitt Allmendweg. Darum sind sie für den Oberstaatsanwalt so wichtig.

Dazu kommt die frühere Zeugenaussage einer Automobilistin, die dem Audi in einer Kurve entgegenkam und aussagte, wegen des hohen Tempos erschrocken zu sein. Diese Zeugin will die beiden nachfolgenden Autos erst wahrgenommen haben, als der Audi bereits vorbei war. Der Abstand soll etwa 500 Meter betragen haben.

«Audi-Fahrer wollte seine Überlegenheit beweisen»

Letztere Angabe zweifelte der Oberstaatsanwalt gestern «aufgrund der örtlichen Verhältnisse» an. Beim Überholmanöver nach der Wöschnau müssen die drei Fahrzeuge wieder beisammen gewesen sein. Bei der fraglichen Kurve muss es sich um jene im Bereich Bahnweg–Fahrenden-Durchgangsplatz gehandelt haben, zumal der Audi-Fahrer am Dienstag aussagte, im folgenden 60er-Bereich auf Wöschnauer Boden sei er wieder korrekt gefahren.

Wenn der Abstand auf den Audi 500 Meter betrug – und die Zeugin hatte erst beim Einbiegen in die Gerade freie Sicht – können der Fiat und der VW zu diesem Zeitpunkt erst auf der Stadtseite in die Gerade eingebogen sein. Sprich: Sie hätten seit dem Passieren des Stritengässlis erst rund 300 Meter, der Audi aber schon über 800 Meter zurückgelegt. Da könne etwas nicht stimmen, deutete Markus Weber, der Verteidiger des Fiat-Lenkers, an.

Weber und auch Winiger sagten, die Staatsanwaltschaft habe es versäumt, dieses Rätsel zu klären. Winiger lieferte auch einen Erklärungsversuch: Der Audi habe vielleicht bei der nicht vortrittsberechtigten Einmündung in der Wöschnau warten müssen. Oberstaatsanwalt Bänziger tippte auf etwas anderes: «Der Audi-Fahrer hängte die andern ab und liess sie wieder aufschliessen, um ihnen die Überlegenheit seiner Maschine aufs Neue beweisen zu können.»