Solothurn: Die Velo-Hauptstadt

Velostadt Solothurn: Das sind die Tops und Flops

Velostadt Solothurn: Das sind die Tops und Flops

Andrea Lenggenhager fährt Velo. Jeden Tag kommt die Leiterin des Solothurner Stadtbauamtes mit dem Zweirad zur Arbeit. Aber auch in den Ferien, in Kuba und in
Vietnam, sei sie schon mit dem Velo unterwegs gewesen. In Solothurn sei das Velo ein besonders geeignetes Fortbewegungsmittel – so wie die Infrastruktur an vielen Orten sehr velofreundlich sei. Etwa die Nord-Süd-Verbindungen über die Aare. Da wäre die Rote Brücke: Nur Langsamverkehr. Die Kreuzackerbrücke: Nur Langsamverkehr. Die Brücke bei der Westumfahrung: Nur Langsamverkehr.

Heikel: Postplatz

Einzig auf der Wengibrücke teilen sich die Velofahrer den Platz mit Bussen, die Richtung Vorstadt oder Postplatz fahren. Genau dort sieht Lenggenhager eine noch «nicht optimale» Situation für Velofahrer in Solothurn. Am Postplatz brettern nämlich nicht nur Busse – zu Stosszeiten im Minutentakt – die Strasse rauf und runter. Hier sind auch Autos wieder erlaubt. Sowie Motorräder, Mofas und Velofahrer. Darunter auch etwa Schüler, die sich teils in ganzen Grüppchen auf der Strasse breitmachen. Einen durchgehenden Velostreifen gibt es nicht. Velofahrer, die von der Brücke her links der Aare entlang weiter wollen, müssen derzeit zudem noch über den Parkplatz vor dem Jysk Gebäude kurven.

Schweizweit auf Platz 5

Der Postplatz soll aber velofreundlicher werden – so wie viele andere Orte in der Stadt, die Lenggenhager aufzählt. Die Begegnungszone in der Altstadt, die Velosäcke vor Solothurner Ampeln – wo Velos vor den Autos warten und dann wieder losfahren können. Oder die Zufahrtsstrassen in die Innenstadt: Von allen Richtungen her – Zuchwil, Bellach und Oberdorf – gebe es geteerte und grösstenteils beleuchtete Alternativrouten für Velos. Velofahrer aus den umliegenden Dörfer müssen sich also nicht die Hauptstrasse mit Autofahrern teilen.

Eine Velostadt sei Solothurn denn auch, wenn man sich die Ergebnisse von «Prix Velostädte» anschaue, so Lenggenhager. In der Umfrage nahmen die Einwohner aus 34 Städten teil, und gaben Auskunft zu den Themen Sicherheit oder Komfort als Velofahrer in ihrer Stadt. In der Kategorie Kleinstädte schaffte es Solothurn auf Platz 3 – vor Olten und Grenchen. Schweizweit liegt die Stadt auf Rang 5.

Was macht Solothurn «besser»? Es gebe hier zum einen eine lange Tradition, dem Velo besondere Beachtung zu schenken, erklärt Lenggenhager. Seit 40 Jahren gibt es die rote Brücke für Velofahrer, seit 1990 eine eigene «Arbeitsgruppe Velo», seit 2005 an allen grossen Kreuzungen Velosäcke vor den Ampeln. Zum anderen sei Solothurn aber auch relativ «kompakt» gebaut, an keinem wirklichen Hang gelegen, weshalb Velofahrer gut von A nach B kommen. «Aufgrund ihrer Grösse können wir Anliegen aus der städtischen Bevölkerung relativ pragmatisch umsetzen», fügt Lenggenhager an. Und Anliegen gibt es auch in Solothurn noch.

«Chancengleichheit» schaffen

Zu den aktuellen Brennpunkten zählt etwa das «Ypsilon» im Herzstück der Altstadt. Derzeit dürfen Velos von 11.30 bis 19 Uhr nicht in die Gurzelngasse biegen. Das soll sich aber ändern. Ebenfalls aufgehoben werde die Mehrheit der Einbahnstrassen ab Oktober. So etwa im Bereich Bertha- und Niklaus-Konrad-Strasse, wo die derzeitige Regelung noch dazu führt, dass Velofahrer einen Umweg über den Bahnhofplatz machen müssen. «Wir sind also gut unterwegs», zieht Lenggenhager das Fazit zur Stadt Solothurn – die ja schon Velostadt sei, aber noch attraktiver werden könne.

Andrea Lenggenhager, Leiterin Stadtbauamt Solothurn: «Solothurn ist grundsätzlich attraktiv für Velofahrer.»

Andrea Lenggenhager, Leiterin Stadtbauamt Solothurn: «Solothurn ist grundsätzlich attraktiv für Velofahrer.»

Das will die Kantonshauptstadt – auch hier sollen die Leute umsteigen, damit die Anzahl Autos auf den Strassen nicht zunimmt. Dafür brauche es «Chancengleichheit», erklärt die Leiterin des Stadtbauamtes. Velofahrer, Fussgänger, Autofahrer sollen den gleichen Stellenwert und gleich viel Platz haben. Genau das ist Thema in der Ortsplanungsrevision, die sich derzeit in Vernehmlassung befindet. Dass die Nachfrage nach genügend Platz für Velos in Solothurn da ist, zeigt sich am Bahnhof: Die Velostation ist jeweils rappelvoll. Bis 2019 soll es noch mehr Abstellplätze geben, nach einer Aufstockung um 120 auf 810 Plätze.

Nebst einer ausreichenden Infrastruktur muss in einer Velostadt aber auch die «Kommunikation» stimmen, die laut Lenggenhager in Solothurn noch besser werden kann. Damit meint sie etwa die Signalisation an einigen Kreuzungen, wo Velos zwar ihre eigenen Wege haben, diese aber nicht klar markiert sind. Ähnlich stehe es um die Beschilderung der Velorouten von den umliegenden Gemeinden in die Innenstadt: Velofahrer sollen künftig nicht nur besser erkennen, wo sie lang dürfen. Sondern in erster Linie überhaupt bemerken, dass es hier viel Platz gibt – nur für Velofahrer.

Olten: Die Entwicklungsstadt

Velostadt Olten: Das sind die Tops und Flops

Velostadt Olten: Das sind die Tops und Flops

Lorenz Schmid tritt in die Pedale. Ganz gemächlich. Der Stadtplaner fährt ein schwarzes E-Bike. Der Motor ist aber aus – den braucht Schmid auch gar nicht. Hier auf der Kirchgasse. Hier tummeln sich Schüler, Restaurants haben Stühle und Tische nach draussen gestellt, Fussgänger blicken in Schaufenster. Hier herrscht Begegnungszone, so wie in der ganzen Innenstadt. Velos haben Platz. Ebenso in allen Wohnquartieren, die in der Tempo-30-Zone liegen.

Das sei vorbildlich an Olten, so Schmid. Mit dieser Planung, der Entlastung der Wohnquartiere, habe die Stadt im Vergleich schon früh angefangen. «Olten hat eigentlich zwei Velostädte», fügt er an; die Wohnquartiere beidseits der Aare seien sehr velofreundlich.

Heikel: City-Kreuzung

Weniger velofreundlich: Die Verbindung zwischen diesen beiden Velostädten. Als Beispiel dient die City-Kreuzung auf der West-Seite der Aare. Wer von hier aus über die Brücke bis zum Bahnhof will, muss an der Kreuzung vorbei. Und warten. Die Ampeln stehen lange auf rot, wechseln auf grün und stellen gleich wieder zurück auf rot. Velofahrer stehen lange an der Kreuzung – und erst noch auf der Auto- oder Busspur. Eine separate Fahrbahn für Zweiräder gibt es nicht. Können sie fahren, dann vor oder gar neben Autos und Lastwagen. Das ist nicht nur unangenehm, sondern kann auch gefährlich sein.

«Oltens Hauptnetz ist einfach überlastet», erklärt Stadtplaner Schmid. Oft gibt es Stau, die Velos gehen darin unter, suchen andere Wege, weil sie auf dem direktesten, entlang der Kreuzungen lange warten müssen oder zu wenig Platz haben. Für den Ausbau, sodass Velos mehr Platz haben, fehle auf Oltens Kantonsstrassen oft der Platz, sagt Schmid. Man könne halt nicht einfach so aus Autospuren Velowege machen.

Schon im Jahr 2009 hiess es im Velokonzept der Stadt Olten dass es sich bei der Citykreuzung um eine «gefährliche Kreuzung» handelt. Man wolle die Verkehrssicherheit erhöhen, die Abbiegebeziehungen für Velos verbessern. Bisher ist das aber noch nicht passiert. Die Stadt plant einen Kreisel anstelle der Kreuzung. Das kostet aber Geld, und ist laut Schmid nicht «das dringendste Projekt».

Oltner Stadtplaner Lorenz Schmid: «Im Bereich der Gleise haben wir Schwachstellen. Diese schwächen die Attraktivität im Oltner Velonetz.»

Oltner Stadtplaner Lorenz Schmid: «Im Bereich der Gleise haben wir Schwachstellen. Diese schwächen die Attraktivität im Oltner Velonetz.»

Schweizweit auf Platz 19

Oltnerinnen und Oltner geben der Stadt denn auch die Note 3, wenn es um den Stellenwert des Velos geht. Zumindest die gut 150 Interessierten, die bei der Umfrage im Rahmen von «Prix Velostädte» teilgenommen haben und dabei verschiedene Kategorien vom Verkehrsklima bis zum Sicherheitsgefühl abgegeben haben.

Über alle Kategorien trägt Olten die Note 3,8. Damit liegt die Stadt auf Rang 13 von 17 in der Kategorie Kleinstädte. Hinter Grenchen und Solothurn. «Die ganze Schweiz ist ein Entwicklungsland, was das Velo angeht», meint der Stadtplaner dazu. Und Olten eine Entwicklungsstadt? Autos hätten hier schon noch Vorrang, gesteht Schmid. Velos dafür zu wenig Platz – im übertragenen Sinne und im Strassennetz. Dort stellten sie eher noch Konkurrenz zum Autoverkehr dar. Das müsse aber nicht so bleiben.

Visionen hat der Stadtplaner: Velobahnen – Schnellverbindungen von den Regionen ins Zentrum – also Autobahnen fürs Velo. Eine Unterführungsebene im Bahnhof nur für Velos. Im Projekt Neuer Bahnhofsplatz ist zudem eine Velostation mit 1000 bis 1300 Abstellplätzen geplant. Realistisch? Schmid hebt die Augenbrauen und reibt Daumen und Zeigefinger aneinander – wieder eine Geldfrage. Und damit eine Sache der Politik.

Umsteigen bewirken

So wie der Mobilitätsplan. In diesem ist auch ein neues Velokonzept enthalten, der Langsamverkehr soll gefördert werden. Weil aber keine ordentliche Vernehmlassung stattgefunden hat – wies das Parlament das Ganze im März zurück an die Regierung. Im September wird der Rat erneut darüber befinden. Nun auch über die Stellungnahmen von Vereinen und Parteien, die eben genau auch von der unvorteilhaften Verbindung über die Aare zum Bahnhof reden.

Auch der Oltner Mobilitätsplan will, dass mehr Leute vom Auto auf das Velo umsteigen. Etwa mit attraktiveren Wegen, mehr Abstellplätzen, der Prüfung von Velobahnen. Oder aber das Parkierungsreglement, dass künftig die Anzahl Autoparkplätze bei Neubauten verringern will. Das sei halt eine etwas unangenehme Ebene, so Schmid.

So sollen Velo und Auto am Schluss aber den gleichen Stellenwert erhalten. Und dazu müsse man das ganze System überdenken. «Es geht nicht nur darum, was der Oltner heute will. Es geht darum, was wir tun können, damit er morgen vermehrt auf das Velo umsteigt».

Grenchen: Autostadt mit Potenzial

Velostadt Grenchen: Das sind die Tops und Flops

Velostadt Grenchen: Das sind die Tops und Flops

Blick über die Schulter, linker Arm rausstrecken, letzter Kontrollblick, abbiegen. Linksabbiegen mit dem Velo – zumindest in der Theorie. In der Realität muss man den Kopf oft irgendwie verrenken, um nach hinten zu sehen, zwischen vorbeibrausenden Autos den Arm irgendwie raushalten, während dem Rüberfahren auch noch irgendwie darauf achten, nicht von einem entgegen kommenden Auto überfahren zu werden. Nicht aber in Grenchen, verkündet Luzia Meister.

Die Stadtschreiberin ist mit dem Velo unterwegs – wie meistens. Sie führt das Linksabbiegen auf einer Grenchner Hauptstrasse vor: Mit Verkehrsinsel und Markierungen in der Mitte der Strasse. Die gebe es bei den meisten Fussgängerstreifen, also auch meist dort, wo Velofahrer abbiegen können. Das bedeutet: Wer mit dem Velo abbiegt, kann bequem eine Strassenhälfte passieren und sich dann auf die zweite konzentrieren, wenn er bei der Insel angelangt ist. Das Velo habe Platz, man fühle sich sicher. «Und das ist wichtig», sagt Meister. Das sorge für ein gutes Klima zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern, das ist velofreundlich.

Heikel: Grenchner Kreisel

Kritisch ist die Situation im Kreisel für Velofahrer. Davon gibt es in Grenchen mehrere. In der Theorie sollten Velos in der Mitte fahren. In der Praxis sieht man kaum, was die Beratungsstelle für Unfallverhütung und die Polizei vorschreiben – nämlich, dass Velofahrende im Kreisel nicht überholt werden dürfen. Oft weichen die Velofahrer dann aber doch an den Rand aus, oder werden auch dann überholt, wenn sie in der Mitte fahren. Die Regelung hätten einige Autofahrer in Grenchen wohl nicht so ganz begriffen, sagt Meister kopfschüttelnd. Diese glaubten im Recht zu sein – und dass der Velofahrer sich daneben benehme, wenn er in der Mitte des Kreisels fährt. Auch sie sei deswegen schon angehupt worden.

Schweizweit auf Platz 12

Punkto Sicherheit und punkto Verkehrsklima schneidet die Stadt Grenchen in der Umfrage von «Prix Velostädte» gerade genügend ab. Gesamthaft liegt die Stadt auf Platz 12, in ihrer Kategorie auf Platz 7. Vor Olten, aber hinter Solothurn. Solch eine Auswertung mit 175 Grenchner Beteiligten dürfe man nicht überschätzen, kommentiert Meister. «Aber es ist ein wertvolles Echo», so die Stadtschreiberin.

Die Voraussetzungen für eine Velostadt seien in Grenchen gegeben, so Meister. Geht das, in einer Stadt, in der 2016 erstmals 10'000 Autos eingelöst waren, bei knapp 17'000 Einwohnern? «Na umso besser», findet Meister, auf die Zahlen angesprochen. «Das heisst, Grenchen hat das grösste Potenzial.» Es spreche viel dafür: In der ganzen Stadt gebe es keine einzige mehr als zweispurige Strasse, und nur noch eine Ampelsituation bei der Kapellstrasse, Kreuzung Bettlach- und Solothurnstrasse. Zudem gebe es in der Stadt viele «Quartiersträssli; Sackgassen, wo Kinder lernen könnten, Velo zu fahren. Das seien sehr «menschenfreundliche» Verhältnisse für eine Stadt.

Luzia Meister: «Grenchen ist auf dem besten Weg, eine autofreundliche Velostadt zu werden.»

Luzia Meister: «Grenchen ist auf dem besten Weg, eine autofreundliche Velostadt zu werden.»

Damit man dieses Potenzial nutzen kann, muss aber das Velo auch gebraucht werden. Laut Meister könnten das Velodrome und auch die Pump-Track Anlagen dazu beitragen, indem auch Kinder, die in Kulturen oder Familien ohne Velo grossgeworden sind, das Velo als etwas «Hippes» erleben könnten. Und nicht als «Arme-Leute-Fahrzeug». Oder auch E-Bikes, mit welchen man den «Hoger» Grenchen – der halt einfach gegeben ist, überwinden könne.

«Status-Symbol Velo» verbreiten

Hätte vor 30 Jahren zu einem Velokonzept einfach Infrastruktur gehört, denke man heute auch an Velo-Verleihstationen, oder abschliessbare Veloboxen am Bahnhof, in denen man auch die Sporttasche und den Helm verstauen kann, fährt Meister fort. Mit kleinen Dingen, könne man die Velo-Attraktivität der Stadt erhöhen. Ein grosser Schritt wäre laut Meister: Eine Velo- und Fussgängerunterführung mit Perronzugang am Bahnhof Süd, wie sie der Gemeinderat plant. Damit kämen auch gerade Jugendliche besser zur Sportstätte.

Sie werde – als ehemalige und langjährige Vizepräsidentin von Pro Velo Schweiz – teils etwas belächelt, wenn sie von der «Velostadt» Grenchen spreche. Die Stadtschreiberin ist aber überzeugt: «Wenn mehr Grenchner E-Bikes und Velos für sich entdecken, kann das schnell ansteckend sein». Die Arbeit der Stadtgärtnerei sei übrigens auch nicht zu unterschätzen: Der Blumenschmuck auf Kreiseln und entlang den Strassen. «Mit dem Velo hat man das richtige Tempo, um das wahrzunehmen und richtig zu geniessen.»