Am 13. November 2014 stürzte Kalila P.* vom Balkon ihrer Wohnung in einem Grenchner Wohnblock. Beim 6-Meter-Sturz aus dem ersten Stock auf einen asphaltierten Vorplatz erlitt sie ein Schädel-Hirn-Trauma, eine offene Kopfwunde sowie mehrere Knochenbrüche in den Beinen.

Das Amtsgericht Solothurn-Lebern hatte in dieser Woche während zweier Tage zu klären, ob es sich bei der zerrütteten Ehe des syrischen Paares um einen besonders grausamen Fall häuslicher Gewalt handelt oder ob eine  ihren Mann für die Trennung und ihre ungewollte Kinderlosigkeit bestrafen will.

Mittlerweile lebt das Paar getrennt, sie an einem geheimen Ort, er an neuer Adresse in Grenchen. Er lebt in Beziehung mit der Nichte von Kalila P., mit der er eine anderthalbjährige Tochter hat. Aus Gründen des Ausländerrechts sei ihm ein Zusammenleben mit Mutter und Tochter derzeit nicht möglich.

Regelmässige Vergewaltigung praktisch seit der Eheschliessung 2010, Körperverletzung, Tätlichkeiten, Nötigungen, Todesdrohungen, unter anderem mit einem Steakmesser sowie mit einem Samuraischwert am Hals der Frau, und wüste Beschimpfungen: Die Liste der Anklagen gegen den 37-jährigen Ehegatten Ramzi P.* liest sich wie ein Gruselroman. Schliesslich kulminierten die Beziehungsprobleme des Paares im Balkonsturz.

Im Streit war Kalila P. (33) auf den Balkon gelaufen, auf die Brüstung gestiegen und abgestürzt, wobei sie sich noch kurz mit einer Hand an der Brüstung festklammerte. So weit war der Sachverhalt unbestritten. Das Gericht hatte zu klären, ob Ramzi P. ihre Finger gewaltsam löste, um sie abstürzen zu lassen, wie Kalila P. geltend machte, oder ob er sie festhalten und den Sturz so verhindern wollte.

Ein Tyrann, der in seiner Ehre gekränkt ist?

Staatsanwalt Raphael Stüdi plädierte auf versuchte vorsätzliche Tötung und forderte eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren und 9 Monaten. Er sehe in der Geschichte der Frau, die sich vor Gericht ausführlich zur Anklage äusserte, keinen Anhaltspunkt für Suggestion. Beim Mann jedoch handle es sich um einen Tyrannen, der aus dem nichtigen Anlass gekränkter Ehre heraus seine Frau mit Drohungen, Vergewaltigungen und Schlägen gefügig machen und von anderen Leuten isolieren wollte.

Kalila P.s Anwalt Guido Fischer ist überzeugt, dass Ramzi P. die Ehegattin «als Frau und als Mensch nie respektiert hat und dass er nicht in der Lage ist, sein eigenes Lügengebäude aufrechtzuerhalten». Dazu argumentierte Fischer unter anderem mit der Zeugenaussage von Ramzi P.s Bruder, der beim Balkonsturz Augenzeuge war und vor Gericht eine Menge Erinnerungslücken geltend machte. Fischer forderte eine Genugtuung von 40'000 Franken für die Geschädigte.

Oder eine verzweifelte Ehefrau mit Verlustangst?

Die amtliche Verteidigerin des Angeklagten, Clivia Wullimann, zeichnete ein völlig anderes Bild von der Situation. Sie sah in der Anklage den Racheakt einer frustrierten und verzweifelten Ehefrau, die ungewollt kinderlos geblieben war. Kalila P. habe ihren Mann oft zu mehr Sex gedrängt und ihm ständig heftige Szenen gemacht, wenn er müde von der Arbeit heimkam. Dabei berief Wullimann sich auf Arztbescheinigungen des Paares über Kinderwunschbehandlungen in Solothurn und Wien.

Bevor die dreiwöchige Untersuchungshaft im Juni 2015 Ramzi P. seine Stelle bei einem Tankstellenshop kostete und ihn zum Sozialhilfeempfänger machte, habe Kalila P. ihrem Mann das Leben zur Hölle gemacht. Zur Polizei gegangen sei sie nicht etwa anlässlich des Balkonsturzes, sondern ein halbes Jahr später, als Ramzi P. sich endgültig von ihr trennen wollte, argumentierte Wullimann. Als geschiedene Frau und dazu noch kinderlos, sei Kalila P. in ihrem Kulturkreis mit einem schweren Makel behaftet. Deshalb forderte die Verteidigerin den Freispruch in allen Anklagepunkten sowie eine Genugtuung von 15'000 Franken.

Das Gericht sprach den Angeklagten in allen Anklagepunkten vom Vorwurf der Gewaltanwendung frei. «Es erscheint als wahrscheinlich, dass Kalila P. über Jahre hinweg Opfer von häuslicher Gewalt wurde, doch das genügt nicht, um den Angeklagten in den konkreten Anklagepunkten schuldig zu sprechen», erklärte Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten. «Dazu sind die Widersprüche in den Aussagen der Ehefrau zu gross.» Eine Genugtuung erhält Ramzi P. nicht. Die Genugtuungsforderung der Frau verwies das Gericht ans Zivilverfahren.

* Namen von der Redaktion geändert.