Unter dem Hochaltar postiert sich die Camerata Schweiz, vor dem rechten Franz-Xaver-Altar malt Mario Cavaradossi die Heilige Maddalena, während der Sakristan den Mittelgang entlang eilt, um ihm die Pinsel zu bringen. Flüchtling Angelotti schleicht sich heran, wird in der Sakristei versteckt. Noch bevor ihm Cavaradossi zu fliehen helfen kann, stürmt Tosca in die Jesuiten, bereitet dem Geliebten eine Eifersuchtsszene. Polizeichef Scarpias Einzug macht klar, wer das Sagen hat. Der Despot kündet ein Te Deum an.

In den Kirchenbänken sind die Besucher inmitten des Geschehens, reagieren begeistert auf das Novum, Musiktheater in einen realen Handlungsraum zu verlegen. Auch wenn im Vorfeld kritische Stimmen laut wurden, «blasphemische Aufführungen in einer Kirche» zu erlauben – der Sakralraum sei rein zufälliger Fluchtort eines Revolutionärs und nicht Ort des Gebetes, zudem strotze die Oper vor Gewaltszenen – der organisierenden Boxopera gelang ein fulminantes Debüt.

Gewaltszenen: nicht in der Kirche

Wie oft hat man Oper als üppige Kostümorgie erlebt, auch als Kulisse für umjubelte Primadonnen oder Tenöre. Nicht so bei der Tosca in der Jesuitenkirche. Das Drama um Liebe, Verrat und Tod wird von Ulrich Peters mit atemberaubender Thriller-Dramaturgie und Realitätssinn erzählt. Folter-, Exekutions- und Suizid-Szenen sind in die Sakristei und nach draussen verlegt. So sehr das Sakralraum-Konzept punktet: Die Stimmen bleiben das Herz der Oper. Allen voran «Tosca» Rosa Maria Hernández. Sie verkörpert nicht nur die Diva par excellence, sondern auch die liebende und verzweifelte Frau. Mit lyrischem Spinto, verschwenderisch aufblühender Höhe und sinnlichem Piano gelingen ihre Phrasen berückend schön, wird das «Vissi d’arte» zum inneren Beten, gefeiert mit Szenenapplaus. Eine Tosca, die fasziniert und erschüttert.

Peter Bernhard ist der innovative Spiritus Rector im Hintergrund und als Sänger im Scheinwerferlicht. Das Potenzial als Mario Cavaradossi zeigt er vor allem im dritten Akt. Nachdem er seinen Part zunächst souverän abliefert, überrascht er mit einem expressiven und bewegenden «E lucevan le Stelle». Leonardo Galeazzi bewies mit seinem Rollen-Debüt als Scarpia, dass er mit den Grössten seines Fachs mithalten kann. Mit mächtiger Baritonfülle und analytischem Nuancieren verführt, kost, droht und hasst Leonardo Galeazzi mit Worten und mit Klängen. Musikalisch fest eingebunden ins dramatische Geschehen waren Graziano D’Urso (Angelotti), Flurin Caduff (Sagrestano), Sergey Aksenov (Sciarrone), Antonio Planelles (Spoletta) und Nicole Wacker (Mädchen in der Kirche).

Am Pult der glänzend disponierten Camerata Schweiz entfesselte Massimo Morelli im ersten Akt geballtes Fortissimo – Klangwogen, welche die Sänger gnadenlos zudeckten. Im zweiten Akt schienen Dirigent und Orchester an die Jesuiten-Akustik gewöhnt, überraschten mit durchsichtig klaren Lyrismen und feinen Pianissimo-Übergängen.

Nicht nur Galeazzi feierte ein Debüt, auch der von Tobias von Arb akkurat vorbereitete Kammerchor Buchsgau, der erstmals in einer Opernaufführung mitwirkte. Von «Hut ab, einmal etwas anderes» bis «Habe vor lauter Spannung und mitfiebern nicht einmal die harten Bänke gespürt», bis zu «was für eine fantastische Art, Oper erlebbar zu machen» lauteten die Kommentare beim Verlassen der Kirche.