Sie soll bei einem Vortrag der Solothurner Ärztegesellschaft gefallen sein: die Aussage, dass eine sexuelle Beziehung zwischen Patient und Therapeut nicht ausgeschlossen werden solle. Laut der «Neuen Zürcher Zeitung» hat diese Aussage ein Mitglied der Lüsslinger Kirschblütengemeinschaft vergangenen Sommer gemacht.

Die Kirschblütengemeinschaft, gegen welche genau deswegen über die vergangenen Jahre hinweg immer wieder Vorwürfe erhoben wurden: bei den Therapiesitzungen der Gemeinschaft, welche laut eigenen Angaben «echte Psychotherapie» betreibt, soll es zu illegalen Drogenabgaben und zu sexuellen Übergriffen kommen. Diese Vorwürfe konnten aber nie erhärtet werden. Dazu zählen aber auch Berichte von Aussteigern der auch als sektenähnlichen Organisation bezeichneten Gemeinschaft. Oder ein Seminar in Deutschland, das von einem Schüler der Gemeinschaft durchgeführt werden soll, bei welchem es zu zwei Todesfällen kam.

Jetzt haben zwei Psychiater aus dem Kanton eine weitere Anzeige eingereicht – aufgrund der Aussage während des Vortrags vor der Ärztegesellschaft. Der Vortrag habe das Fass zum Überlaufen gebracht, wie Thomas Ackermann, Präsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie des Kantons Solothurn, auf Anfrage berichtet. Gemeinsam mit der Psychiaterin Alexandra Horsch reichte er eine aufsichtsrechtliche Anzeige beim kantonalen Gesundheitsamt ein. In der Rückmeldung vom Kanton hiess es aber, die Anzeige habe zu wenig Substanz. Ackermann hingegen findet: Mehr Substanz geht nicht. «Wenn ein Therapeut öffentlich aussagt, er wolle sexuelle Kontakte mit Patienten nicht ausschliessen, betrachte ich das als massive Grenz-Überschreitung.» Für ihn ist der Fall klar: Der Kanton schaue nicht hin; «der Kanton tut nichts.»

Fehlende Beweislage

Das Gesundheitsamt ist die kantonale Aufsichtsbehörde über Gesundheitsfachpersonen. Diese kontrolliert, ob Ärzte und Psychiater die Pflichten einhalten, die mit der Berufsausübungsbewilligung einhergehen. Bei Missständen kann sie Bewilligungen entziehen; Praxen schliessen. Amtsleiter Heinrich Schwarz teilt auf Anfrage mit: «Falls konkrete und nachprüfbare Vorwürfe von Patientinnen oder Patienten erhoben werden, wird das Gesundheitsamt selbstverständlich auch in Zukunft umgehend diesen Vorwürfen nachgehen.»

Als Verwaltungsabteilung schliesst sich das Gesundheitsamt den Aussagen des Regierungsrates an. Dieser hat sich am Dienstag mit dem Thema beschäftigt. Dies aufgrund einer Kleinen Anfrage von Rémy Wyssmann (Kriegstetten). Der SVP-Kantonsrat wollte wissen, welche Massnahmen bisher «im Fall Kirschblütengemeinschaft» ergriffen worden seien. Die Antworten der Regierung wurden am Dienstag veröffentlicht und zeigen verschiedene, bisher unbekannte, Vorfälle auf, welche bisher keine Konsequenzen hatten.

So heisst es, die Razzia, die bei den Kirschblütlern im Jahr 2015 durchgeführt worden war, habe keine belastenden Beweise hervorgebracht. Ausgelöst worden sei die Razzia durch eine verwirrte Person, welche sich auf der Strasse herumtrieb und behauptete, sie sei an einem Seminar der Kirschblütler gewesen. Eine Speichelprobe deutete auf Ectasy hin. Nur: Der mittlerweile verstorbene Anführer der Kirschblütler, Samuel Widmer, hatte bereits früher erklärt, er verwende in seinen Therapiesitzungen keine verbotenen Substanzen, sondern andere sinneserweiternde, legale Stoffe. Und diese Substanzen können bei einem Drogentest fälschlicherweise Ectasy angeben. Somit konnte der Test nicht verwertet werden; brachte ebenso wenig wie die Razzia Ergebnisse.

Weiter fasst die Regierung zusammen: «Es gingen bislang keine Meldungen an das Gesundheitsamt, welche zureichende Indizien für Pflichtwidrigkeiten von Medizinalpersonen im Umfeld der Kirschblütengemeinschaft beinhalteten.» Nicht die Meldungen zwischen 2006 und 2015 zu sexuellen Kontakten und Betäubungsmitteln während der Seminare; nicht die Anschuldigungen einer ehemaligen Patientin, welche dann aber doch keine Beweise einreichen wollte. Auch eine Praxisdurchsuchung bei Widmer führte zu keinem Ergebnis. Betroffene Patientinnen und Patienten hätten sich bisher nicht bereit erklärt, gegen die Kirschblütengemeinschaft als Zeugen auszusagen, so die Regierung. Auch wurde nie jemand von der Gemeinschaft verurteilt.

Strafuntersuchung dauert an

Derzeit läuft ein Strafverfahren gegen drei Mitglieder der Kirschblütler wegen Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Die Solothurner Staatsanwaltschaft bestätigt dies auf Anfrage und teilt mit, man rechne mit einem baldigen Verfahrensabschluss. Im Zusammenhang mit dem mittlerweile fast vierjährigen Verfahren schreibt Mediensprecher Jan Lindenpütz: «In diesem Zusammenhang haben Umstände rund um Zeugenbefragungen, Aussageverhalten und Beweislage zu einer längeren Verfahrensdauer geführt.»

Die beiden Solothurner Psychiater, welche beim Gesundheitsamt Anzeige wegen des eingangs erwähnten Vortrags eingereicht hatten, könnten nun noch Beweise nachreichen. Psychiaterin Horsch steht in Kontakt mit mehreren ehemaligen Patienten. Um Beweise nachreichen zu können, wurde sie auch von der Schweigepflicht entbunden. Bisher hat sie aber keine Beweise nachgereicht. Laut «Neuer Zürcher Zeitung» plant die Psychiaterin aber, dies noch zu tun.