Die Geschichte jener Frau, einer Bäuerin, Mutter von drei Kindern, beschäftigt Beat Nick, den stv. Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie der Solothurner Spitäler AG. Die junge Frau leidet an Schizophrenie, einer relativ häufigen psychischen Erkrankung, die heute gut behandelt werden kann. «Einem Teil der betroffenen Patienten aber fehlt die Einsicht in ihre Krankheit», beobachtet der Psychiater. Und das heisst: «Sie nehmen ihre Tabletten nicht mehr ein, das aber führt häufig zu einem Rückfall und je häufiger solche Rückfälle eintreten, desto schlechter wird der Verlauf der Krankheit.»

Fatale Folgen

Das musste Beat Nick auch bei der jungen Mutter aus dem Jura feststellen. «Sie wurde in einem psychotischen Schub einige Mal bei uns in die Klinik eingewiesen, hier hat sie gut auf die Medikamente angesprochen. Sobald sie aber zu Hause war, setzte sie die Tabletten ab, weil sie sich wieder gesund fühlte.» Bei einem erneuten Spitalaufenthalt willigte die Frau ein, dass ihr mit einer Spritze ein Medikamenten-Depot verabreicht wurde, dessen Wirkung zwei bis vier Wochen anhält. «Wir haben zudem verfügt, dass sie sich alle zwei Wochen bei ihrem Hausarzt eine neue Dosis spritzen lässt». Und: «Sollte sie sich nicht mehr bei ihrem Arzt melden, müssten wir sie in die Klinik holen.»

Rund ein Jahr lang funktionierte das gut. Das Familienleben normalisierte sich. Dann aber hörte sie auf eine Freundin, die ihre sagte, niemand können sie dazu zwingen, sich diese Medikamente spritzen zu lassen – und alles begann wieder von vorn. «Die Familie ist schliesslich an den Belastungen der Krankheit zerbrochen, es kam zur Scheidung, die Frau ist heute ein Sozialfall.»

Die Geschichte der jungen Bäuerin ist kein Einzelfall. «Auch wenn sich ein Grossteil der an Schizophrenie erkrankten Patienten helfen lässt, so haben wir Patienten, die schon zehn- oder zwanzigmal nach einem Schub bei uns eingeliefert wurden, weil sie ihre Medikamente nicht genommen haben. Und die Folgen sind fatal: «Neben Defiziten im sozialen und beruflichen Bereich führen solche Schübe auch zu einem fortschreitenden Hirnabbau».

Zwang zwecks Prävention

Aufgrund solcher Erfahrungen plädiert der stv. Chefarzt der Erwachsenenpsychiatrie dafür, dass sich Patienten in bestimmten Fällen gegen ihren Willen einer ambulanten Therapie unterziehen müssen. Derzeit ist es nur möglich, dass Betroffene in einer akuten Krankheitssituation mittels einer «fürsorgerischen Unterbringung» zwangsweise in eine Klinik eingeliefert werden und dort auch gegen ihren Willen behandelt werden können.

Zudem kann das Departement des Inneren verfügen, dass jemand nach einem Klinikaufenthalt eine ambulante Therapie zu machen hat. «Was aber, wenn er oder sie sich dieser Therapie verweigert?» Obwohl das neue Erwachsenenschutzrecht (siehe Text oben) die Möglichkeit der ambulanten Zwangsbehandlung explizit enthält, bleibe diese Frage, so Beat Nick, weiterhin offen. «Wir haben also auch künftig keine klare rechtliche Handhabe, um jemanden zwecks Prävention, also zur Vermeidung eines psychotischen Schubes, zu einer ambulanten Therapie zu zwingen.» Anlässlich der kantonalen Aktionstage psychische Gesundheit (siehe Kasten unten) wird Beat Nick am 29.Oktober ein Podiumsgespräch zu den Vor- und Nachteilen der ambulanten Zwangsbehandlung leiten.

Mit Nebenwirkungen umgehen

«Ich will nicht als Arzt verstanden werden, der Psychiatrie mit Zwangsmassnahmen gleichsetzt», unterstreicht der stv. Chefarzt in Anspielung auf so manches dunkle Kapitel in der Geschichte seiner Disziplin. «Es gibt aber nicht nur ein Anrecht auf Selbstbestimmung, sondern auch ein Anrecht auf Zwang», ist er überzeugt. Denn: «Auch Zwang kann zur Heilung beitragen.» Das Ziel allerdings, auch einer ambulanten Zwangsbehandlung, müsse darin bestehen, den Patienten zu einer Kooperation zu bewegen. «Die Chancen aber, dass jemand bereit ist zu kooperieren, steigen, wenn er sich längerfristig in einer stabilen gesundheitlichen Situation befindet.» Und dazu brauche es bei Schizophrenie-Patienten, ist Beat Nick überzeugt, die richtige medikamentöse Therapie, auch wenn natürlich das soziale Umfeld sowie die Arbeitssituation eine wichtige Rolle spielen. Zur Vorbeugung eines Rückfalls empfiehlt er dabei – und zwar nicht nur bei Patienten, denen die Krankheitseinsicht fehlt – ein Medikamenten-Depot, das über eine Spritze verabreicht wird. «Das Medikament wird in angepassten, kontinuierlichen Dosen dem Körper zugeführt.» Und zudem laufe man nicht Gefahr, die Tabletten zu vergessen. Auch ein Depot freilich könne die Nebenwirkungen der Medikamente, Gewichtszunahme und sexuelle Unlustgefühle, nicht verhindern. Nick: «Es gibt heute aber effektive Strategien, um mit solchen Nebenwirkungen umgehen zu können.»