Sie hatten sich sehr gerne. Er machte ihr Komplimente. Sie schrieben sich Briefe und haben gemeinsam Ausflüge unternommen. Eine innige Freundschaft. Das Problem: Hans F.* war 57 Jahre alt und Lisa* 14 Jahre jung. Die Freundschaft wurde dem Landwirt beinahe zum Verhängnis.

Hans F. vor dem Obergericht

Wie sehr sich denn das Strafverfahren auf sein Leben ausgewirkt hat, wollte Oberrichter Daniel Kiefer von Hans F. wissen. «Innerlicher Druck», begann er und grübelte. Kiefer wartete ab, fügte an: «Sie müssen nicht mehr sagen.» Hans F. karg und leise: «Es ist schwierig.» Wie könne er sich denn die Vorwürfe erklären, wollte Kiefer weiter wissen.

«Ich denke, das sollten sie eher Lisa fragen», sagte Hans F. Kurze Sätze, geknickte Körperhaltung, Hans F. schien von den Richtern eingeschüchtert. Schwer zu glauben, dass dieser gutväterliche Herr ein junges Mädchen mehrfach sexuell genötigt haben soll.

Rückblende und erste Verurteilung

Im Frühjahr 2009 veranlassen schwierige Familienverhältnisse, Lisa immer öfters den Bauernbetrieb ihrer Grossmutter und ihres Lebenspartners Hans F. zu besuchen. Sie fühlt sich auf dem Hof im Schwarzbubenland geborgen. Ab April 2009 ist sie fast jedes Wochenende dort. Bis zu einem Sonntagvormittag im Juli 2009. Das Grosi von Lisa geht in die Kirche. Lisa und Hans F. sind alleine zu Hause. Sie sei aufgewacht, ihr Bett war vollgekotzt. Am Abend zuvor habe sie wieder mit Hans gesoffen. Er habe ihr gesagt, sie soll duschen gehen.

Als sie zurückkam, habe er sie am ganzen Körper gestreichelt. Er soll ihr das T-Shirt und den Slip ausgezogen, ihre Vagina mit seinem Penis und seiner Zunge berührt haben. Und er soll mehrere Finger in ihre Vagina eingeführt haben. In den folgenden vier Monaten soll es zu mehreren solchen Vorfällen gekommen sein. Lisa zog sich zurück, ging im Juli 2010 zur Polizei. Darauf kam es zur Anklage. Diese führte am 17. Oktober 2012 zur Verurteilung von Hans F. durch das Amtsgericht Dorneck-Thierstein.

Wegen mehrfacher sexueller Nötigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit einem Kind und mehrfachem Verabreichen gesundheitsgefährdender Stoffe (Alkohol) an Kinder wurde er zu einer Gefängnisstrafe von 33 Monaten verurteilt (21 bedingt, Probezeit von 2 Jahren). Lisa wurde zudem als Privatklägerin eine Genugtuung von 10 000 Franken zugesprochen. Hans F. akzeptierte das Urteil nicht. Darum kam der Fall diese Woche vors Solothurner Obergericht.

Plädoyers der Parteien

Wieder einmal hiess es vor Gericht: Aussage gegen Aussage. Also galt die Beweiswürdigung. Aber: «Es gibt keine objektiven Beweise», erklärte Staatsanwältin Kerstin von Arx. In den vorliegenden Briefen und im Tagebuch des Mädchens seien nämlich die Missbräuche nicht erwähnt. Das erstinstanzliche Urteil sei also zu Recht auf die Aussagen der Beteiligten gestützt. Und: «In der Videobefragung hat das Mädchen sehr lebensnah geschildert, was passiert ist», sagte von Arx. Dass Lisa trotz des ersten Übergriffs weiter den Hof besuchte, darin sah die Staatsanwältin eine «innere Zerrissenheit».

Dagegen argumentierte die amtliche Verteidigerin Eveline Roos. «Noch während der angeblichen Übergriffe hat sie weiter Briefe geschrieben.» Bei der Videobefragung habe sie aber gesagt, sie habe keine Nähe gesucht. «Ist das wirklich innere Zerrissenheit?», stellte Roos eine rhetorische Frage. Sie sprach auch von sogenannten Pseudoerinnerungen des Mädchens, hervorgerufen durch ihre schwierige Lebenssituation (Alkohol- und Familienprobleme). «Es kann gut sein, das sie glaubt die Übergriffe seien geschehen», sagte Roos. Sie forderte einen Freispruch und eine Genugtuung von 3000 Franken für ihren Mandanten.

Das Gericht sprach Hans F. in allen Punkten frei und sprach ihm eine Genugtuung von 1000 Franken zu. Die Briefe und das Tagebuch würden nicht mit der erwähnten Distanzierung des Mädchens übereinstimmen, hiess es beim Obergericht. Der Anwalt von Lisa liess auf Anfrage offen, ob er das Urteil ans Bundesgericht weiterziehen wird.

*Namen von der Redaktion geändert