Kanton Solothurn
Prozess: Nach 6 Jahren Haft soll der nette Räuber frei kommen

Nachdem er 23 Franken gestohlen hatte, landete er im Gefängnis. Dann wurden bei Luca* mehr und mehr psychiche Probleme diagnostiziert. Am Dienstag entschied das Amtsgericht nun, wie es nach 6 Jahren geschlossener Abteilung weitergehen soll.

Bastian Heiniger
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An einem Bankomat bedrohte Luca seine beiden Opfer. (Symbolbild)

An einem Bankomat bedrohte Luca seine beiden Opfer. (Symbolbild)

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Er stellte sich bei einem Bankomat in Grenchen hinter sein Opfer, hob die Fäuste wie ein Boxer und verlangte zehn Franken. Weil er diese nicht erhielt, reduzierte er seine Forderung auf zwei Franken, dann erhöhte er auf fünf. Das Opfer holte sein Portemonnaie aus dem Rucksack, öffnete es. Luca* griff zu und erbeutete 13 Franken in Münz. Er bedankte sich bei seinem Opfer, gab ihm einen Kuss auf die Wange und ging.

Eine ähnliche Straftat beging der damals 22-jährige Italiener ein paar Monate zuvor. Er verlangte ebenfalls in Grenchen an einem Bankomat 10 Franken, drohte jedoch sein Opfer umzubringen, falls er das Geld nicht erhalte. Im November 2009 verurteilte ihn das Amtsgericht Solothurn-Lebern zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe und einer ambulanten Massnahme. Luca hatte ein Alkoholproblem und bei der einen Tat 2,17 Promille intus. Überdies war er wegen kleineren Delikten vorbestraft.

Ausraster in der Psychiatrie

Hängt die Tat mit einer Suchterkrankung zusammen, kann das Gericht eine ambulante Massnahme anordnen. Im Gegensatz zu einer stationären Massnahme kann die ambulante auch in Freiheit fortgesetzt werden. Doch bei Luca kam es kaum soweit. Zwar wurde seine Sucht therapiert, doch in Gefangenschaft kamen auch mehr und mehr psychische Probleme zum Vorschein.

Deshalb befindet er sich fast sechs Jahre nach der Verurteilung noch immer in einer geschlossenen Abteilung. Wie ist das möglich? Der Straf- und Massnahmevollzug stellte nun sogar einen Antrag, die laufende ambulante Massnahme aufzuheben und allenfalls in eine stationäre zu überführen, die kleine Verwahrung. Denn: In der Psychiatrischen Klinik Solothurn bedrohte Luca während eines psychotischen Anfalls das Personal, und mit einem Messer jemand aus seiner Familie. Deshalb befindet er sich seit sieben Monaten in der Psychiatrischen Klinik Königsfelden in Sicherheitshaft.

Als die Polizei am Dienstag den 28-Jährigen in das Solothurner Amtsgericht führt, wird sofort klar: Der Mann ist gefährlich. Gross, kräftig, eine Tätowierung am Hals. Doch dann nimmt er seine Mutter in die Arme und spricht mit der sanftesten Stimme. Freundlich begrüsste er sogar die Staatsanwältin. Sein Verteidiger sagt später, Luca sei eigentlich ein liebevoller Mensch. Während der Verhandlung bleibt er ruhig, kooperativ und sagt von sich aus, dass er Betreuung brauche. Und wolle. Dann fragt der Richter, weshalb er das Klinikpersonal angegriffen habe. «Ich hörte Stimmen, die sagten, das Essen sei vergiftet», antwortete Luca.

Kleine Verwahrung gefordert

Der im März 2014 erstellte Bericht über den Therapieverlauf hält neben besagten Stimmen folgende «psychopathologische Auffälligkeiten» fest: Starke Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen, Durchschlafstörungen, «deutliche Angst» vor einer Zwangseinweisung oder Ausschaffung, falls er etwas falsch mache. Gemäss den Fachleuten werde er lebenslang eine Therapie und engmaschige Betreuung brauchen. Die Ärzte empfehlen eine stationäre Massnahme.

Dieser Meinung ist auch die Staatsanwältin. Sie fordert, dass Luca in eine stationäre Massnahme überführt wird – befristet auf ein Jahr. Danach soll er in einem betreuten Wohnheim unterkommen.

Das sei formal nicht möglich, meint der Verteidiger. «Wenn Luca in eine stationäre Massnahme überführt werden soll, müsste das Gericht erst die ambulante aufheben.» Und dann würde ein neues Gutachten angeordnet. Das Gericht gibt dem Verteidiger recht und verlängert die ambulante Massnahme für drei Jahre. Noch drei Monate bleibt Luca nun in der Klinik Königsfelden, ehe er in ein betreutes Wohnheim darf. Im Wohnheim möchte er eine Lehre als Koch beginnen.

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