«Auf einen Kaffee mit …»
Professorin und SRG-Verwaltungsrätin: «Wissenschaft und Forschung erfordern auch Kreativität»

«Auf einen Kaffee mit …» Sabine Süsstrunk, gebürtige Solothurnerin, Universitätsprofessorin und neue SRG-Verwaltungsrätin.

Fränzi Zwahlen-Saner
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Die Solothurnerin Sabine Süsstrunk (55) ist Professorin an der EPFL in Lausanne.

Die Solothurnerin Sabine Süsstrunk (55) ist Professorin an der EPFL in Lausanne.

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Der Frühling scheint in Lausanne schon fast Einzug gehalten zu haben. Kaffee-Treffpunkt ist ein von Studenten gern frequentiertes Café in der Nähe des Bahnhofs. Sabine Süsstrunk sitzt schon da und winkt. Wir bestellen Kaffee und gleich beantwortet sie Fragen. Ja, aufgewachsen ist sie in Solothurn als jüngstes von vier Kindern. Die Mutter war eine der ersten Solothurner Gemeinderätinnen und später Kantonsrätin. Gleich nach der Frauenstimmrechtsabstimmung, 1973, war das. Für sie als Kind nichts Ungewöhnliches. Die kleine Sabine erlebte eine fröhliche und unbeschwerte Kinder- und Jugendzeit. Und schon während der Kanti zog es sie ins Ausland, in die USA, «wie meine Schwestern», lacht sie.

Was aber werden, was studieren? «Ja, das habe ich lange nicht gewusst. Ich fotografierte als Jugendliche gerne. Hatte mir eine Nikon-Kamera gekauft und das Taschengeld immer für die Filme verbraucht. Doch einen Berufswunsch in dieser Hinsicht hatte ich eigentlich nicht.» Pilotin wäre noch interessant gewesen, doch die Swissair bildete damals noch keine Frauen aus. Dann halt ab zum Berufsberater, doch: «Wahrscheinlich kam ich ihm so desinteressiert vor, dass er mir auch nichts raten konnte.»

Die junge Sabine las dann, dass man an der ETH Zürich ein Studium als wissenschaftliche Fotografin absolvieren konnte. «Das gefiel mir, weil es so aussergewöhnlich war.» Aussergewöhnlich und selten, sodass es jährlich nur einen einzigen Studienplatz gab. Sie kam auf die Warteliste und musste vier Jahre überbrücken. In der Zwischenzeit ging sie arbeiten und entschloss sich dann, ein paar Semester Chemie in Lausanne zu studieren. In Lausanne – diesmal machte sie es dem Bruder gleich und der Sprache wegen. «Ich habe erfahren, dass ich eine Sprache am besten beim Leben in der Sprachregion lerne.»

An der Uni Englisch

Als Dozentin an der EPFL Lausanne macht sie heute die Erfahrung, dass deutschsprachige Studenten im Welschland die Besseren sind, genauso wie die Romands die Besseren sind in der Deutschschweiz. «Sie wollen und meistern diese zusätzliche Herausforderung einer Fremdsprache, obwohl im Studium je länger, je mehr Englisch gesprochen wird.» Die Fachliteratur und viele Kurse gibt es vielfach nur in Englisch. «Zudem stammen heute auch nur noch etwa 25 Prozent der Dozenten aus der Schweiz.»

Ein Student muss sich also in Englisch verständigen können. Und gleich setzt Süsstrunk beim Sprachenthema hinzu: «Ich bin aber auf keinen Fall eine Gegnerin des Frühfranzösisch. Einerseits ist Französisch eine schweizerische Landessprache, andererseits meine ich, wer Deutsch und Französisch kann, lernt auch schneller Englisch.» Süsstrunk selbst studierte dann wie geplant drei Jahre an der ETH Zürich wissenschaftliche Fotografin und arbeitete dann noch drei Jahre als wissenschaftliche Assistentin dort.

«Diese Grundausbildung bringt mir auch heute noch viel», sagt sie, «denn ich habe gelernt, zu schauen.» Danach studierte und arbeitete sie in den USA und spezialisierte sich immer mehr auf dem Gebiet der elektronischen Bildverarbeitung und Informatik. 1999 wurde sie an die EPFL nach Lausanne berufen und heute ist sie Professorin und Direktorin des Labors für Bild und visuelle Darstellung an der Fakultät für Computer- und Kommunikationswissenschaften. Sie erklärt: «Ich beschäftige mich momentan mit meinen Studenten mit der Ästhetik der digitalen Bildgestaltung. Es gilt, Algorithmen zu finden, welche unserem ästhetischen Empfinden am nächsten kommen. Wir entwickeln sogenannte künstliche neuronale Netzwerke, also Computerprogramme, die das menschliche Sehvermögen imitieren.»

Im SRG-Verwaltungsrat

Anfang dieses Jahres wurde Süsstrunk zum Mitglied des Verwaltungsrates der SRG gewählt. «Ich wurde über einen Headhunter angefragt», verrät sie. «Man suchte wohl jemanden, der vor allem auch die technische Seite der Digitalisierung in den Medien kennt», glaubt sie. Im Verwaltungsrat gehe es um strategische Belange der SRG, «Programm machen wir nicht.» Selbst schaue sie natürlich die SRG-Programme, vor allem die Französischsprachigen; meist zeitversetzt im Internet.

Natürlich gebe die «No Billag»-Initiative auch im Verwaltungsrat jetzt viel zu reden, doch auch ohne diese Abstimmung müsse sich die SRG Gedanken zur digitalen Zukunft machen, meint Süsstrunk. «Es geht beispielsweise um die Frage, wie Ressourcen eingeteilt werden, wenn das Programm mehrheitlich nicht mehr linear geschaut wird.»

Vermisst sie, die vor Jahren einmal einen Werkpreis des Kantons Solothurn für ihre fotografische Arbeit erhielt, nicht auch ihr künstlerisches Schaffen? «Wissenschaft und Forschung erfordern auch Kreativität», sagt sie. «Dieses Feld ist vielleicht gar noch spannender auch herausfordernder, denn als Wissenschafterin kann und muss ich eine Arbeit objektiv messen und beurteilen. Wissenschaftliches Arbeiten verlangt einen langen Schnauf, ein dickes Fell – genauso wie dies ein freischaffender Künstler braucht.

Wie bleibt man als Forscherin aktiv und kann sich immer wieder begeistern für Neues? Gerade in einem so dynamischen Forschungsfeld wie der Digitalisierung? «Ich bin ja nicht ganz allein, arbeite mit meinem Forschungsteam. Mit jungen Leuten, die in ihrer speziellen Disziplin oft besser Bescheid wissen als ich. Ich behalte die Fäden in den Händen. Lehren macht mir nach wie vor Spass und ganz besonders in einer solchen Stadt wie Lausanne.»