Berufsbildung

Problematische Praktikums-Praxis an Kitas: Kantonsrat sieht keinen weiteren Handlungsbedarf

Die Arbeitsbedingungen in Kindertagesstätten sind im Fokus der Kommission für kantonale Arbeitsmarktpolitik.

Die Arbeitsbedingungen in Kindertagesstätten sind im Fokus der Kommission für kantonale Arbeitsmarktpolitik.

Im Kantonsrat ist man sich einig, dass Praktikantinnen in Kindertagesstätten mitunter als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Das Problem sei aber erkannt, man sieht keinen weiteren Handlungsbedarf.

Für die Ausbildung zum Fachmann/Fachfrau Betreuung ist es nicht notwendig, ein vorbereitendes Praktikum zu absolvieren, man kann die Lehre direkt nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit antreten. Dennoch verlangen viele Kindertagesstätten zur Eignungsabklärung zum Teil lange und schlecht entlöhnte Praktika. Der Verdacht liegt nahe: Mit dieser Praxis versuchen die finanziell nicht auf Rosen gebetteten Kitas, die Personalkosten tief zu halten. Kantonsrätin Barbara Wyss Flück (Grüne, Solothurn) verlangte in einem Auftrag Gegenmassnahmen. Der Kanton müsse Regeln für die Anstellung von Praktikantinnen aufstellen, etwa die zulässige Dauer von Praktika beschränken.

Es mag paradox klingen, aber gerade weil für die Ausbildung zur Fachperson Betreuung gar kein vorbereitendes Praktikum nötig ist, sah der Regierungsrat «aus bildungspolitischer Sicht» auch keine Notwendigkeit, solche Praktika zu reglementieren. Barbara Wyss zeigte sich bei der Behandlung ihres Vorstosses am Mittwoch einigermassen konsterniert über diese Antwort: «Es gibt Momente, da werde ich wütend, und mit etwas Distanz bin ich nur noch enttäuscht.» Es gab keinen Trost, die deutliche Mehrheit des Parlaments sah es gleich wie die Regierung. Der Auftrag wurde mit 59 : 29 Stimmen abgelehnt.

Dabei wurde Wyss durchaus attestiert, einen wunden Punkt getroffen zu haben. In der Praktikums-Praxis sah etwa Georg Nussbaumer (CVP, Hauenstein) «erhebliches Missbrauchspotenzial». Ein vorbereitendes Praktikum sei nicht per se schlecht, aber in Kitas würden Jugendliche tatsächlich auch oft als günstige Arbeitskräfte missbraucht, sagte Barbara Leibundgut (FDP, Bettlach). Jacqueline Ehrsam (SVP, Gempen) findet Praktika «für junge Menschen grundsätzlich eine gute Sache», sieht sie aber von gewissen Kitas ebenfalls ausgenutzt.

Problem ist erkannt

Der Grund, warum man trotzdem nichts vom Auftrag der Grünen hielt: Das Problem sei erkannt, es gebe keinen weiteren Handlungsbedarf. Die tripartite Kommission der kantonalen Arbeitsmarktpolitik hatte nämlich bereits letzten Herbst beschlossen, die Arbeits- und Lohnbedingungen in Kindertagesstätten im laufenden Jahr fokussiert unter die Lupe zu nehmen. Sie hat dabei auch einen Referenzlohn für Praktika festgelegt und deren Dauer begrenzt auf sechs bis 12 Monate begrenzt.

Wie Volkswirtschaftsdirektorin Brigit Wyss am Mittwoch bekannt gab, liegt inzwischen die Auswertung für 31 Betriebe vor. Es wurde nur ein Fall festgestellt, wo ein zweijähriges Praktikum verlangt wurde. Bei sechs Fachkräften und 13 Praktikantinnen wurde Lohndumping festgestellt. Man nehme die Problematik sehr wohl sehr ernst, so Wyss.

Unterstützung für die Forderung einer gesetzlichen Regelung gab es trotzdem von einem grossen Teil der SP-Fraktion. Mit dem Verweis auf die Arbeit der Kommission für Arbeitsmarktpolitik schiebe die Regierung das Problem vor sich her, kritisierte Parteipräsidentin Franziska Roth (Solothurn). Zentrale Ursache für die zum Teil unhaltbaren Zustände sei die chronische Unterfinanzierung der Kindertagesstätten. Deshalb sei der Fokus auf eine höhere Subventionierung dieser Institutionen zu legen, unter anderem auch auf Ausbildungspauschalen.

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Autor

Urs Moser

Urs Moser

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