Solothurn et les Welsches
Primarschüler besitzen deutlich höheres Niveau dank Frühfranzösisch

Seit vier Jahren gibt es im Kanton Solothurn Frühfranzösisch. Das erleichtert Schülerinnen und Schülern den Sprung über den Röstigraben – zeigt das Beispiel der Sechstklässler aus Dulliken. Die zweite Landessprache scheint dort überraschend beliebt.

Samuel Thomi
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Lieber Französisch als Englisch: Die Dulliker 6.-Klässler Edenis, Safi, Alessio und Christian (v.l.).

Lieber Französisch als Englisch: Die Dulliker 6.-Klässler Edenis, Safi, Alessio und Christian (v.l.).

samuel thomi

Die ersten Solothurner Schüler, die vor vier Jahren mit Frühfranzösisch begonnen haben, wechseln nach den Sommerferien in die Oberstufe. Zum Beispiel Edenis, Safi, Alessio und Christian vom Schulhaus Langmatt in Dulliken. Als deutschsprachiger Grenzkanton interessiert daher besonders die Frage: Wie haben es diese Sechstklässler mit der zweiten Landessprache?

«Ich finde Französisch einfacher als Englisch», sagt Christian. Weil er zu Hause mit seiner Mutter ohnehin Italienisch spreche, lägen ihm viele Wörter und Redewendungen näher. Auch Alessio sagt beim Interviewtermin kurz vor den Ferien: «Ich weiss bereits mehr Wörter auf Französisch.» Das habe sicher auch mit der Musik zu tun,
die er höre, mutmasst der 12-Jährige. Konsumiere man nämlich nicht nur Hitparaden-Musik, werde durchaus auch in anderen Sprachen als Englisch gesungen.

«Sprache erleben»

Schüleraustausche über Sprachgrenzen fördern

Damit Schülerinnen und Schüler Fremdsprachen nicht nur büffeln müssen, sondern auch im Alltag erleben können, bieten Behörden sowie private und öffentliche Einrichtungen verschiedenste Hilfen. Das Austauschkonzept der Dulliker Sechstklässler zum Beispiel stammt vom Verein Hauptstadtregion Schweiz und nennt sich «Deux langues – ein Ziel». Laut Geschäftsführer Georg Tobler nahmen am Pilotprogramm im letzten Halbjahr total 300 Schülerinnen und Schüler aus den Mitgliederkantonen Solothurn, Freiburg, Bern und Neuenburg teil. Der Versuch werde nun ausgewertet, solle jedoch wenn immer möglich weitergeführt und ausgebaut werden. Erklärtes Ziel der Hauptstadtregion ist es zudem, dass unter den Vereinsmitgliedern sogenannte Städte- und Gemeindepartnerschaften für Sprachaustausch entstehen. Die erste Austauschpartnerschaft ist kürzlich zwischen der Stadt Solothurn und der Neuenburger Gemeinde Le Landeron abgeschlossen worden.

Der Kanton Solothurn unterstützt Schüleraustauschprojekte zwar seit einigen Jahren nicht mehr direkt. Dennoch betreut das Thema im Departement für Bildung und Kultur in beiden Schulämtern je eine Person. Zur Unterstützung von Austauschprojekten empfiehlt der Kanton die ch Stiftung. Diese Organisation mit Sitz in Solothurn leistet – finanziert durch Spenden der Stiftung Pro Patria – Zuschüsse an Schüleraustauschprojekte. Seit Jahresfrist gibt es auch das Angebot SchulreisePLUS über die Sprachgrenzen. Als erste der 170 Klassen (respektive insgesamt 1545 Schüler) empfing die Sek Neuendorf im Juli 2014 Schüler aus Bercher (VD). Zudem organisiert die ch Stiftung jährlich im Herbst den Schweizerischen Austauschkongress für Lehrkräfte und unterstützt Lehrer-Austausche zwischen den Sprachregionen. Ebenso zahlen Gemeinden oder Firmen immer wieder Beiträge an Austauschprojekte oder Schüler sammeln Geld. (sat)

«Wer eine Fremdsprache lernen will, sollte diese auch erleben, das ist viel effektiver, als nur im Klassenzimmer zu sitzen», ist Béatrice Bonjour überzeugt. «Man kann ja auch nicht theoretisch schwimmen lernen, sondern muss dafür ins Wasser springen», ergänzt Bonjour. Die Lehrerin der Dulliker Sechstklässler hat den Austausch initiiert. «Weil es nach dem Abschluss des Übertrittverfahrens im Februar manchmal schwierig ist, die Motivation bis Ende Schuljahr hochzuhalten, sind solche Projekte ein wichtiger Ansporn für die Schüler.» Fast ein Jahr lang bereiteten sich die zwei Klassen denn auch auf den Austausch vor; stellten sich einander zuerst in Briefen vor, trafen sich dann mit den Eltern zu einem Vorbereitungstag in der Mitte im zweisprachigen Biel. Und so haben die meisten Schüler bis heute regen Kontakt untereinander.

Whatsapp hält Kontakt aufrecht

«Wir schreiben uns noch immer regelmässig auf Whatsapp», erzählt Safi. «Meistens auf Französisch», ergänzt Edenis. In der Familie in Colombier sei zwar Französisch, Deutsch und Englisch durcheinander gesprochen worden. Zu Hause in Dulliken dann habe aber leider Französisch dominiert. Und für den Notfall hatten alle Schüler von den Lehrern eine Liste mit wichtigen Alltagswörtern erhalten. «Doch diese benutzte ich fast nie», fügt Edenis mit einem Lachen an. Man habe ja auch noch Hände und Füsse sowie Kolleginnen und Kollegen gehabt, die stets helfen konnten.

Nebst persönlichen Eindrücken aus dem welschen Familienalltag imponierte den Dullikern in Colombier besonders die Organisation der Schule. «Sie ist viel grösser, und man wechselt ständig die Schulzimmer», erzählt Alessio. «In Colombier lernen sie in 17 Fächern gleichzeitig, wir haben nur 6 Fächer und vertiefen jeweils Themen im Sachunterricht.» Zudem haben die Neuenburger Schüler bereits in der Unterstufe Schwimmen. Besonders überrascht zeigen sich Edenis, Safi, Alessio und Christian, dass sie dem Unterricht in Colombier allesamt folgen konnten. «Und wenn ich trotzdem ein paar Wörter nicht verstand, konnte ich ja meine Kollegen fragen», fügt Christian an.

«Niveau ist deutlich höher»

Diesen Eindruck bestätigt auch Lehrerin Béatrice Bonjour: «Das Niveau der Schüler, die bereits ab der 3. Klasse Französisch hatten, ist deutlich höher.» Von Verständigungsproblemen ihrer Sechstklässler weiss sie denn auch nichts zu berichten; überhaupt sei der erste Austausch bestens über die Bühne gegangen. «Klar gab es zu Beginn da und dort einige Skepsis», sagt Bonjour im Rückblick. «Spätestens nach dem gemeinsamen Kennenlern-Tag waren alle Hürden aus dem Weg geräumt.» Dazu beigetragen habe sicher auch die vielschichtige Unterstützung durch Schulleitung, Kanton sowie private und öffentliche Einrichtungen, sodass das Experiment die Eltern am Ende nichts kostete.

Bleibt die Frage, was die Dulliker Schüler nach den Sommerferien vom Austausch mitnehmen in die 7. Klasse? «Ich weiss, dass ich mich auf Französisch verständigen kann», sagt Alessio. Das sieht auch der 13-jährige Christian so: «Die praktischen Erfahrungen helfen uns sicher, wenn wir bald noch mehr Franz lernen müssen.» Edenis und Safi können all dem nur beipflichten – und ergänzen, dass sie ihre welschen Gspänli hoffentlich bald wieder treffen können. Zum Beispiel jetzt in den langen Ferien.

Die Sache mit der bilinguen Kanti

Geht es um zweisprachige Matura, denken die meisten an Französisch-Deutsch. Seit vier Jahren in Olten – und letztem Schuljahr in Solothurn –, bieten Solothurns Kantis jedoch eine bilinguale Matur Deutsch-Englisch an.
Dennoch haben ein paar solothurnische Schülerinnen und Schüler Chancen auf eine Deutsch-Französische Matur: Da die Jugendlichen aus dem Bezirk Thierstein traditionell das Gymnasium Laufen BL besuchen, haben sie dort die Möglichkeit, an dem seit drei Jahren laufenden Versuch mit dem Lycée in Porrentruy teilzunehmen. Dabei absolviert eine Klasse pro Jahr im Tandem mit jurassischen Schülern je zwei Jahre der vierjährigen Ausbildung in Laufen und in Pruntrut.

Ansonsten gibt es an Solothurns Volksschule laut Susanne Flükiger vom Departement für Bildung und Kultur derzeit nur eine Schule, die bilingualen Sachfachunterricht fix im Programm hat: Im Leimental werden an der Oberstufe in Bättwil Geschichte in der 8. Klasse und Geografie in der 9. Klasse auf Französisch und teilweise Englisch unterrichtet. Dieser zweisprachige Unterricht wurde nach einem mehrjährigen Versuch nun definitiv eingeführt. (sat)