Theater Biel Solothurn

Premiere von Strindbergs «Fräulein Julie» am Theater Biel Solothurn

Die Schauspieler liefern eine überzeugende Leistung ab.Edouard Rieben

Die Schauspieler liefern eine überzeugende Leistung ab.Edouard Rieben

«Fräulein Julie» – keine leichte Aufgabe für die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler. Auch das Bühnenbilder sind bemerkenswert. Doch der Funke in der Premiere wollte nicht springen.

Das Ende des Einakters «Fräulein Julie» von August Strindberg: Grafentochter Julie (Miriam Strübel) verlässt die Bühne mit einem Rasiermesser in der Hand – sie wird sich umbringen. Das Rasiermesser hat ihr der Diener Jean (Matthias Britschgi) in voller Absicht gegeben: Jean, der jetzt die Reitstiefel seines Herrn umklammert und nur noch Knecht sein kann und will. Julie bringt sich um, weil sie mit Jean geschlafen hat, den sie begehrt, hasst, von dem sie geliebt sein will. Sie bringt sich um, weil sie in der Schwüle der Mittsommernacht vergnügt sein wollte, was sich mit der Nüchternheit des aufkommenden Morgens nicht verträgt. Sie bringt sich um, weil sie ihren Vater liebt, doch für die Mutter Partei ergreift. Weil sie ihre Tage hat. Weil sie nicht «bleiben und nicht fliehen» kann.

«Zwiebelbeet bleibt Zwiebelbeet»

Die Motive sind vielfältig: Für August Strindberg war die Zeit – die Uraufführung von «Fräulein Julie» war 1888 – der einfachen Theatercharaktere vorbei; Strindberg lässt, wie er in seinem Vorwort zu «Fräulein Julie» schreibt, die «Gehirne unregelmässig arbeiten». Julies Komplexität kontrastiert mit dem eher einfachen Charakter von Knecht Jean: Er ist nüchtern und ehrgeizig – diese Struktur verleiht ihm eine gewisse Unverletzlichkeit. Kurz: «Zwiebelbeet bleibt Zwiebelbeet, Rosengarten bleibt Rosengarten.» Zum «Zwiebelbeet» gehört auch die Köchin Kristin (Paula Schrötter), die mit Knecht Jean eine bodenständige Liaison hat und am Morgen nach der Mittsommernacht zum Kirchenbesuch ermuntert.

Eine starke Szene

«Fräulein Julie» – keine leichte Aufgabe für die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler. Regisseurin Deborah Epstein engt sie in ihrem Jungsein, in ihren Temperamenten nicht ein. So gelingt Miriam Strübel als Julie ein facettenreiches Spiel: von der lauten Domina, die ihre Schuhe geküsst haben will, bis zum kleinen, verletzbaren Tier, das um Hilfe winselt. Strübel zeigt eindrucksvoll, wie sich Julie immer mehr auflöst, immer durchscheinender wird, wie die anfangs temperamentvollen Dialoge in beinahe liturgisches Frage- und Antwortspiel übergehen. Eine starke Szene: Wie sie mit ihrem Zeisig im Käfig, ihr einziges Gepäckstück für die angedachte Flucht, flüstert.

Matthias Britschgi vermittelt überzeugend einen subalternen, lüsternen, feigen Knecht Jean, für den man doch ab und zu – vor allem, wenn er seine Zukunftspläne träumt – ein bisschen Sympathie empfinden kann. Mit der Figur der Kristin legt Paula Schrötter einen starken Einstieg als fröhliche, singende Köchin und einen starken Abgang hin: Sie zeigt glaubhaft, wie Kristin auf dem Boden des Souterrains der Küche bleibt – sie weiss, wo ihr Platz ist. Eindrücklich ist Schrötter auch in der letzten Szene, in der Kristin – überzeugt bis in die Fingerspitzen – weiss: «Wo Sünde überfliesst, da fliesst auch Gnade über.»

Funke mochte nicht springen

Bemerkenswert ist das Bühnenbild (Vazul Matusz): Lustige Projektionen vermitteln zu Beginn eine gemütliche Küche. In der Mittsommernacht dann weist das Schwarz-Weiss-Geflimmer an den Wänden, was dem Kurzschluss eines alten Fernsehers gleicht, auf das Verhängnis hin. Am Ende des Stücks ist das Bühnenbild zusammengebrochen – kein Raum für Illusionen besteht mehr.

Trotz der überzeugenden Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler – so recht wollte der Funke in der Premiere nicht springen. Das mag an der Auswahl des Stücks liegen. Warum August Strindberg, denkt man. Nur weil er seinen 100. Todestag hat?

Weitere Aufführungen Mittwoch 26. September, 19.30 Uhr; Freitag 12. Oktober, 19.30 Uhr; Donnerstag, 18. Oktober, 19.30 Uhr; Samstag, 10. November, 19 Uhr; Dienstag, 11. Dezember, 19.30 Uhr.

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