Wenn es nach den Autoverkäufen geht, befindet sich die Schweizer Wirtschaft in einer Boomphase. Sie gelten nämlich als guter Konjunkturindikator.

So wurden im ersten Halbjahr 2012 schweizweit 12 Prozent mehr Neuwagen verkauft als im Vorjahreszeitraum. Dies, nachdem bereits 2011 mit fast 320000 verkauften Autos (plus 8,4 Prozent) ein absolutes Boomjahr war. Ähnlich verlief die Entwicklung in den Kantonen Solothurn und Bern.

Der Auto Gewerbe Verband Schweiz (AGVS) und der Branchendienst Eurotaxglass orten mehrere Gründe für den Boom: Einerseits befinde sich die Schweizer Wirtschaft im Vergleich zu Europa tatsächlich in einer guten Verfassung.

«Folglich hält sich hierzulande der private Konsum auf erstaunlich hohem Niveau», heisst es in einer Mitteilung der beiden Verbände. Zudem hätten die Autoimporteure die Währungsvorteile wegen des schwachen Euro an die Konsumenten weitergegeben.

«Die Preise sind in den letzten anderthalb Jahren etwa um ein Prozent pro Monat gesunken», erklärte Amag-Chef Morten Hannesbo in einem Interview mit der NZZ, stellvertretend für die Branche. Amag ist das grösste Schweizer Autohandelsunternehmen.

Aber nicht nur der Neuwagenverkauf läuft gut, auch Occasionen werden stark nachgefragt. So sind gemäss Angaben von Eurotaxglass die Verkäufe der Gebrauchtwagen im Kanton Solothurn im ersten Halbjahr um über sieben Prozent auf 14500 gestiegen, im Kanton Bern um über fünf Prozent auf fast 50000.

«Die Nachfrage nach Autos teilt sich homogen auf Neu- und Occasionsfahrzeuge auf», beobachtet Katrin Portmann, Mitglied der AGVS-Geschäftsleitung.

Philipp Vogelsang, Chef der Garage Vogelsang AG in Grenchen, bestätigt: «Wir haben im laufenden Jahr 11 Prozent mehr Gebrauchtwagen und 25 Prozent mehr Neuwagen verkaufen können.» Auch Andreas Gautschi, Geschäftsführer der Garage Gautschi AG in Langenthal, meldet: «Wir haben mehr verkauft.»

Für den Boom bei den Occasionen gibt es nur einen Hauptgrund: «Die Preise für Gebrauchtwagen sind stark unter Druck geraten», sagt Antonius Ackermann, Geschäftsführer der Autocenter Ackermann AG in Oensingen.

Und Gautschi spricht von «sehr attraktiven Preisen». Zahlen liefert der Internetanbieter Autoscout 24. Seit Januar 2010 sei der berechnete Marktindex von 100 auf 84 Punkte gesunken, erklärt Mediensprecher Stefan Senn.

Dementsprechend sei der durchschnittliche Gebrauchtwagen-Preis von 25000 auf 21000 Franken gesunken. Die Erhebung sei für die Branche durchaus repräsentativ, liefen doch 85 Prozent des Occasionshandels über die Plattform.

Ebenso klar ist der Hauptgrund für den Preiseinbruch. «Aufgrund der ‹Rabattschlacht› bei den Neuwagen und dem folglich tieferen Preisniveau sinken automatisch auch jene für Occasionen; ansonsten sind sie unverkäuflich», beobachtet Reto Braun, Geschäftsführer der Garage Galliker AG in Bellach.

Die Gebrauchtwagenpreise stünden immer in Relation zu den Neuwagenpreisen, ergänzt Vogelsang. Mit anderen Worten: Die Preisdifferenz zwischen Neu- und Occasionswagen darf nicht zu klein sein. Andreas Gautschi in Langenthal beobachtet, dass vorab die Preise für ein- bis vierjährige Fahrzeuge deutlich korrigiert werden mussten.

Damit einher gehen sinkende Margen für die Garagiers. «Das grösste Sorgenkind sind die massiven Abschreibungen auf den Lagerbeständen oder bei Leasingrückkäufen; und dies bei gleicher Kostenstruktur», erläutert Gautschi.

Teilweise müssten gar Occasionen im Bestand einer Garage mit Verlust verkauft werden, ergänzt Antonius Ackermann der gleichnamigen Oensinger Garage. Frühzeitig reagiert hat die Garage Vogelsang in Grenchen.

Man habe bereits in der ersten Jahreshälfte 2011 die Gebrauchtwagenpreise den Marktverhältnissen angepasst, so Philipp Vogelsang. «Somit hat sich bei uns das Anstauen von Occasionen in Grenzen gehalten, indem wir unsere Standzeiten verkürzt haben.»

Einen weiteren Preisrutsch erwartet Reto Braun von der Garage Galliker in Bellach aufgrund der aktuellen Faktenlage nicht mehr. «Die Rabattkampagnen um die Neuwagen sind vorerst vorbei. Deshalb wird sich auch das Preisniveau für Gebrauchtwagen wieder normalisieren.»

Für alle befragten Garagiers ist die Entwicklung des Wechselkurses massgebend. «Würde die Wechselkursuntergrenze für den Euro von 1.20 Franken aufgehoben, müssten wir aufgrund der Wechselkursdifferenz zum angrenzenden Ausland die Neuwagenpreise und somit auch jene für Occasionen erneut gegen unten anpassen», erklärt Philipp Vogelsang.