Der Zerfall der Rohölpreise freut Hausbesitzer und Mieter: Die Preise für Heizöl sind innert Jahresfrist um ein Drittel gesunken (wir berichteten). Dagegen hat sich der Preis für das Erdgas kaum verändert. Dabei sollten doch laut Theorie die Erdgaspreise der Entwicklung der Notierung für das Rohöl folgen. Was ist passiert?

Keine lineare Ölpreis-Senkung

Die Gasverbund Mittelland AG – sie beschafft und transportiert Erdgas als überregionale Versorgerin im Auftrag von 15 angeschlossenen Lokalversorgern – verweist auf den zeitlichen Verlauf der Preisentwicklung beim Rohöl. Der Rohölpreis hat sich seit August 2014 bis Januar 2015 halbiert – und ein Sechs-Jahres-Tief erreicht. Und Mitte Januar 2015 hat sich nach Aufhebung der Wechselkursuntergrenze der Euro gegenüber dem Franken markant abgeschwächt, was die Importe günstiger machte.

Genau damit haben die regionalen Gasversorger ihre Preissenkung auf den 1. Februar 2015 begründet. «Sowohl die gefallenen Ölpreise der letzten Monate als auch der Vorteil aus dem Euro-Wechselkurs wirken sich vorteilhaft auf den Einkauf von Erdgas aus», teilte etwa die Regio Energie Solothurn damals mit. Damit habe der Preis für Erdgas den Tiefststand seit zehn Jahren erreicht.

Erdgaspreis auf Niveau Januar

Seit Januar hat sich der Rohölpreis vorerst nicht weiter verbilligt, sondern legte deutlich zu. Erst seit Mitte Juni ist der Preis für das schwarze Gold wieder am Sinken. Derzeit liegt der Rohölpreis immer noch leicht über dem erwähnten Niveau von Januar. Gleichzeitig haben in den letzten Wochen sowohl der Dollar als auch der Euro gegenüber dem Franken zugelegt.

«Das führt zu einer währungsbedingten Verteuerung des Erdgases in der Schweiz», folgert Kurt Schmidlin, Leiter Marketing und Vertrieb beim Gasverbund Mittelland. Deshalb werde es auf Stufe Gasverbund Mittelland derzeit keine Preissenkung für Erdgas geben können. Das sagt auch Beat Erne, Leiter Marketing und Kommunikation beim Oltner Energieversorger Aare Energie AG (a.en). Die Preise für Erdgas bewegten sich auf dem europäischen Markt derzeit auf ähnlichem Niveau wie zu Beginn des Jahres.

Alle «Gasvertreter» weisen zudem daraufhin, dass sich die Koppelung der Erdgas- an die Rohölpreise abgeschwächt hat. «In den letzten Jahren ist die Bedeutung der Ölpreisbindung zugunsten der Marktpreisbildung zurückgegangen», erklärt Sandra Hungerbühler von der Regio Energie.

Dies bestätigt die Gaswirtschaft. Man habe den Anteil an der ölpreisgebundenen Beschaffung auch bei den Lang- und Mittelfrist-Verträgen substanziell reduziert, um die Flexibilität beim Einkauf zu erhöhen, heisst es auf der Homepage des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie. Komme hinzu, dass die Ölpreisbindung immer erst mit einer Zeitverzögerung von sechs Monaten durchschlägt, ergänzt Beat Erne von der Oltner a.en.

Wie sich der Erdgaspreis für die Konsumentinnen und Konsumenten entwickeln wird, bleibt vorerst offen. «Aktuell werden die Preise für den Herbst 2015 berechnet», sagt Hungerbühler. Und auch Per Just, Direktor der Städtischen Werke Grenchen (SWG), wagt keine Prognose: «Ob eine weitere Preissenkung ansteht, können wir derzeit noch nicht sagen.»

Höhere CO2-Abgabe auch auf Gas

Dagegen ist eines bereits heute sicher. Auf den 1. Januar 2016 werden sich die Erdgaspreise erhöhen. Auf diesen Zeitpunkt hin erhöht der Bund die CO2-Abgabe. «Wir müssen diese im vorgegebenen Rahmen den Kunden weiterverrechnen», sagt Hungerbühler. Die staatliche Lenkungsabgabe wird deshalb – umgerechnet auf Kilowattstunden – von 1,093 Rappen auf 1,53 Rappen pro Kilowattstunde steigen, rechnet sie vor.