Fall Andres Z.
Präzise planender Rentner oder gefährlicher Straftäter?

Muss die Gesellschaft vor einem wie Andres Z. geschützt werden? An seinem Fall scheiden sich auch die juristischen Geister.

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Andres Z. nach einer seiner Gerichtsverhandlungen in Solothurn. Foto: Tele M1

Andres Z. nach einer seiner Gerichtsverhandlungen in Solothurn. Foto: Tele M1

Seit Monaten sind die Gerichte auf der Suche nach dem richtigen Umgang mit Andres Z. Von Urteil zu Urteil ändert sich das Bild über den Mann, der 2011 in der St. Ursenkathedrale Feuer legte, wieder. Einmal ist er ein gefährlicher Gewalttäter, der vor seiner nächsten Tat steht und verwahrt werden muss.

Das andere mal scheint er ein hilfsbedürftiger, psychisch kranker Rentner zu sein, dessen krudes Weltbild ihn zu Taten verleitet, bei denen er gewissenhaft darauf achtet, dass niemand Schaden erleidet. Klar ist einzig: Z. leidet an einer paranoiden Persönlichkeitsstörung. Er gilt als rückfallgefährdet.

Letztlich geht es auch um die Frage, wie viel Sicherheit die Gesellschaft will und wie viel Freiheit einem Einzelnen dafür genommen werden kann. Es gibt Richter, die die Gesellschaft vor ihm schützen möchten. Und es gibt Richter, die dazu keine gesetzliche Möglichkeit sehen. Auf Männer wie ihn scheint das Gesetz weder eine genaue Antwort noch die richtige Institution zu haben. Andres Z., ein Mann, der juristisch zwischen Stuhl und Bank gefallen ist? Die Chronologie.

2009: Andres Z. versucht in Olten einen Zug mit einer Metallkonstruktion zum Entgleisen zu bringen. Später wird er sagen, die Metallvorrichtung sei so konstruiert gewesen, dass nichts passieren kann.

2010: bastelt Z. eine Bombenattrappe und erschreckt damit die Passagiere eines Zuges auf der Gotthardlinie. Die Staatsanwaltschaft verurteilt ihn deswegen per Strafbefehl.

Januar 2011: Z. legt in der St.Ursenkathedrale in Solothurn ein fatales Feuer. Er wird sofort festgenommen. «Ich wollte Aufmerksamkeit. Nicht für mich, sondern für die Sache», sagt Z., der sich im Wahn eine eigene Welt gebaut hatte, in der die Justiz korrumpiert und die Religion für die Probleme immer mitverantwortlich ist.

Das Gericht verurteilt ihn 2012 zu 14 Monaten Gefängnis – wegen Brandstiftung und Störung des Eisenbahnverkehrs, aber nicht wegen Körperverletzung. Das wird später noch Folgen haben. Z.s Strafe wird zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme aufgeschoben.

2015: Z. verweigert fast fünf Jahre lang die Therapie. «Ich lasse mir auf meine alten Tage hin nichts mehr aufzwingen», sagt Z. Und so sehen sich die Solothurner Justizbehörden gezwungen, die Therapie abzubrechen und eine Verwahrung zu fordern.

Denn Therapien ohne Aussicht auf Erfolg dürfen nicht weitergeführt werden. Pikant: Hätte Z. an der Therapie teilgenommen, wäre sie wohl verlängert worden. Je nach Umstand können Täter, die in einer stationären Massnahme die Therapie verweigern, früher freikommen als solche, die mitmachen.

Dezember 2015: Das Amtsgericht Solothurn-Lebern muss über die Verwahrung entscheiden. «Es wäre grobfahrlässig, Sie in Freiheit zu lassen», sagt Richter Yves Derendinger zu Z. Der Richter sieht keine andere Möglichkeit, als die Verwahrung zu verhängen.

Verwahrt werden dürfen Personen nur, wenn sie mit ihrer Tat die «physische, psychische oder sexuelle Integrität einer andern Person schwer beeinträchtigt» haben oder beeinträchtigen wollten. Das Gericht sieht die Bedingungen erfüllt.

«Wer einen Zug zum Entgleisen bringen will, rechnet mit Personenschäden». Zudem habe Z. nicht sicher sein können, dass niemand in der Kirche ist. Z.s Verteidiger bestritt dies. Er schildert einen präzise und sorgfältig arbeitenden Täter, der immer darauf geachtet habe, niemanden zu verletzen.

August 2016: Das Solothurner Obergericht hebt die Verwahrung auf. «Sowohl eine Störung des Eisenbahnverkehrs als auch eine Brandstiftung wären als Tat grundsätzlich geeignet, um eine Verwahrung anzuordnen», erklärte der Gerichtsreferent. «Aber im erstinstanzlichen, rechtskräftigen Urteil von 2011 steht, dass Andres Z. nie die Absicht hatte, Menschen zu gefährden.»

Das Amtsgericht habe damals festgehalten, dass es sich bei der Störung des Eisenbahnverkehrs «um einen Versuch an der Grenze zur Untauglichkeit» gehandelt habe und bei einem Rundgang durch die Kathedrale habe Andres Z. kontrolliert, ob sich niemand darin befand. Deshalb könne keine Verwahrung angeordnet werden. Am 3. Oktober stützt das Bundesgericht diesen Entscheid. Andres Z. soll freigelassen, aber künftig begleitet werden.

11. Oktober: Die Staatsanwaltschaft hat eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde eingereicht. Diese ordnet den fürsorgerischen Freiheitsentzug an, der nun aufgehoben wird. (lfh)