Fachhochschule

«Praxisfern und akademisiert»: Regierung will trotz Kritik nichts ändern

Der Praxisbezug sei da, sagen Regierung und Studierendenvertreter.

Der Praxisbezug sei da, sagen Regierung und Studierendenvertreter.

Die Vorwürfe von GLP-Kantonsrat sind happig: Die Fachhochschule Nordwestschweiz sei praxisfern und verakademisiert. Ausserdem sei von der Politik schlecht Einfluss zu nehmen. Der Regierungsrat teilt die Bedenken grundsätzlich nicht.

Viele Kantonsräte hatten ein flaues Gefühl in der Magengegend, als sie im August dem Dreijahresbudget der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) nur knapp zustimmten. Es gab dabei heftige Kritik: Zu verakademisiert und zu wenig berufsbezogen sei die FHNW. Und am Ende stand immer die Grundfrage: Wer hat die Kontrolle über die Bildungsinstitution? Kantonsräte fühlten sich machtlos, ihre Budgethoheit sei quasi ausgeschaltet worden.

Der Dornacher GLP-Kantonsrat Rudolf Hafner hat die Bedenken anschliessend in eine Interpellation gefasst, die die Regierung gestern beantwortet hat. «Es stellen sich eine Reihe von Fragen bezüglich Tempo und Tiefe in der Realisierung der nötigen Korrekturen», so Hafner. «Es ist bekanntlich nicht selten, dass grosse, komplexe und mit öffentlichen Geldern finanzierte Institutionen Mühe haben mit der Vornahme von Korrekturen, die erhebliche Veränderungen bewirken können.» Insbesondere sprach Hafner Vorwürfe gegen die Pädagogische Hochschule an, dass sie zu wenig praxisbezogen sei.

Ob die Antworten der Regierung die Kritiker beruhigen werden, ist fraglich. Sie sind nämlich äusserst komplex, so komplex wohl wie die Entscheid- und Kontrollprozesse an der FHNW. In diese sind nicht nur vier Bildungsdirektoren, vier Regierungen und vier Kantonsparlamente eingebunden, sondern auch der Fachhochschulrat und eine interparlamentarische Kommission.

Nur Optimierungen nötig

Grundsätzlich teilt der Regierungsrat Rudolf Hafners Bedenken nicht. Es gebe keinen Handlungsbedarf an den «grundlegenden Strukturen und Prozesse in der Steuerung der FHNW», heisst es in der Antwort. Die Regierung sieht einzig Verbesserungspotenzial «in der Umsetzung und in der Zusammenarbeit der Gremien.» – «Wir finden, dass der Kantonsrat mithilfe der Interparlamentarische Kommission genügend Möglichkeiten zur Einflussnahme hat.» Jedes Parlament könne dieser Kommission nämlich Aufträge erteilen. Zudem könne der Kantonsrat den Leistungsauftrag genehmigen, über den die politische Steuerung erfolge. Und letztlich habe man auch noch einen Fachhochschulrat, der für die Umsetzung des Leistungsauftrages und die Einhaltung von Budgets und Qualität verantwortlich sei.

Alles in Ordnung also? Eine Schwachstelle sieht auch die Regierung. «Da jedes Parlament autonom beschliessen kann, ein Beschluss aber nur zustande kommt, wenn alle Parlamente gleichlautende Beschlüsse fällen, wird die Autonomie eines Kantons an sich eingeschränkt.»

Bezüglich Praxisnähe sieht die Regierung einzig bei der Pädagogischen Hochschule Handlungsbedarf. – Und dieses Ziel sei der FHNW im neuen Leistungsauftrag mitgegeben worden. Ansonsten sei die Fachhochschule nahe an der Praxis: Nur wer mehrjährige Praxiserfahrung habe, werde als hauptamtlicher Dozierender eingestellt. «Die Entwicklung der Studienangebote erfolgt im regelmässigen Austausch mit den Praxispartnern in Wirtschaft und Gesellschaft.» Und die Absolventen seien in der Wirtschaft gefragt, was den Erfolg der Ausbildung beweise.

Zweckentfremdete Mittel?

Rudolf Hafners Unmut wurde dadurch verstärkt, dass er auf der Homepage der Pädagogischen Hochschule Angebote fand, die ihm nicht behagten. Warum listet eine Dozentin einen Bauchtanzkurs für Primarschüler auf ihrer Homepage auf, fragte sich der Dornacher. Und warum gehört das Design von Computergames zum Schwerpunkt eines Professors? Für Rudolf Hafner grenzt dies an eine «offensichtliche Zweckentfremdung in der Verwendung von öffentlichen Mitteln».

Diese Kritik mag die Fachhochschule nicht auf sich sitzen lassen: «Informatische Bildung, und damit verbunden auch das Angebot Game Design, erachten wir gerade im digitalen Zeitalter als hoch relevant», sagt Michael Hunziker, stellvertretender Leiter Kommunikation der Pädagogischen Hochschule FHNW. «Dabei geht es nicht ums Computerspielen, sondern um das Erlernen von Grundkenntnissen im Programmieren und im Umgang mit elektronischen Medien.»

Die Professur werde zudem von einer Stiftung und nicht durch öffentliche Gelder finanziert. Das Projekt «Orientalischer Tanz» sei auf Initiative von zwei Lehrerinnen in multikulturellen Gemeinden der Nordwestschweiz entstanden. «Die Professorin für Bewegungsförderung und Sportdidaktik nimmt damit ein konkretes Bedürfnis aus der Schulpraxis auf und zeigt beispielhaft, wie Integration und interkulturelle Bildung im Sportunterricht gefördert werden können. Das Projekt ist aber nicht Gegenstand des Studiums für angehende Lehrpersonen.» Es ist anzunehmen, dass die Diskussion im Kantonsrat weitergeht.

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