Pädophilie
Präventionsstelle rät: Vereine müssen Referenzen zu neuen Trainern einholen

Der Lehrer, der im Mümliswiler Schulhaus Knaben in der Garderobe gefilmt hatte, war auch Trainer. Für die Fachstelle Mira beweist der Fall, wie wichtig Referenzen in diesem Bereich sind. Dennoch dürfe es nicht zu einer Übersensibilisierung kommen.

Lucien Fluri und Fränzi Rütti-Saner
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Potentielle Täter nutzen den Sport, um Kontakt und Vertrauen zu gewinnen.Symbolbild/Keystone

Potentielle Täter nutzen den Sport, um Kontakt und Vertrauen zu gewinnen.Symbolbild/Keystone

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Hätte man etwas wissen können? Eltern und Verantwortliche beim FC Lommiswil stellen sich wohl diese Frage. Am 1. Juli haben sie einen neuen Juniorentrainer engagiert. Als Lehrer war der 35-Jährige Anfang Mai entlassen worden, weil er Knaben in der Umkleidekabine des Mümliswiler Schulhauses gefilmt hatte. Zwei Monate lagen dazwischen. Zwei Monate, in denen man bei der Mümliswiler Schule hätte nachfragen können, wenn man etwas geahnt hätte.

Für Janine Graf, Leiterin der Präventionsstelle Mira in Zürich, zeigt sich einmal mehr, wie wichtig es ist, bei Trainern in sensiblen Bereichen Referenzen einzuholen: beim Arbeitgeber oder bei Vereinen, in denen ein neuer Trainer schon aktiv war. «Es steht niemandem auf der Stirn geschrieben. Aber oft hätte man Informationen.» Vielleicht auch in diesem FalL, fand die Polizei doch fünf weitere Filme aus «diversen Garderoben unbekannter Fussballclubs». – «Es gibt ein Muster. Wenn potentielle Täter an einem Ort kritisch beäugt werden, verlassen sie den Verein und suchen eine neue Tätigkeit», sagt Graf.

Froh, überhaupt Leute zu finden

Für Vereine ist das Einholen von Informationen im Tagesgeschäft heikel. Viele Vereine seien einfach froh, wenn sie Leute finden, die ehrenamtlich tätig sind, weiss Graf: «Sie sagen zu Recht, dass man mit dem Einholen von Referenzen auch Leute vor den Kopf stossen kann.»

Gefahr einer Überreaktion

Ob eine Nachfrage im Lommiswiler Fall viel gebracht hätte, bleibt fraglich. Der Strafbefehl, gegen den der 35-Jährige Einsprache erhoben hat, ist nicht rechtskräftig, einen Strafregistereintrag gibt es bis heute somit nicht. Und ob die Gemeinden, die den Mann entlassen haben, vor einer Verurteilung aus Datenschutzgründen überhaupt Informationen hätten preisgeben dürfen, ist eine andere Frage.

Nachfrage, Prävention und Sensibilisierung haben in den letzten Jahren zu einem Umdenken geführt. Sporttrainer laufen fast schon Gefahr, unter Generalverdacht zu geraten. Das spüren auch Lehrer. «Die Situation hat sich verändert», sagt Roland Misteli, Geschäftsführer des Solothurner Lehrerverbandes.

Einerseits sei die Öffentlichkeit «zurecht sensibler geworden», andererseits bestehe die Gefahr einer «Überreaktion». «Einige Lehrer führen Gespräche mit Schülerinnen nur noch mit einer Zweitperson. Heute überlegt sich mancher Lehrer, ob er einem Kind überhaupt die Hand auf die Schulter legen darf.»

Kanti: Klare Regeln

«Bei Turnübungen, bei denen es zu Körperkontakt kommen kann, klären wir die Schülerinnen und Schüler vorher darüber auf, welche Hilfestellungen oder Sicherungen wir bei den jeweiligen Übungen anwenden», sagt Dominik Vögeli, Konrektor des Untergymnasium Sek P an der Kanti Solothurn und selbst Turnlehrer. Die gut akzeptierte Strategie sei auch zum Schutz der Lehrpersonen vor falschen Anschuldigungen.

Generell, meint er, müsse man das Thema ernst nehmen, dürfe es aber nicht überbewerten, sonst sei ein normaler Turnunterricht nicht mehr möglich. Auf die Frage, ob an der Kantonsschule künftige Lehrpersonen auf eine einschlägige Vergangenheit hin überprüft würden, sagt Vögeli: «Ich kann nur sagen, wir überprüfen. Ich sage aber nicht wie.» Ein offizielles Register gebe es auf jeden Fall nicht.

«Gibt auch guten Körperkontakt»

Ist es nicht übertrieben, wenn sich Trainer und Turnlehrer nicht mehr getrauen, Schüler bei Übungen zu stützen, auch wenn dies der Sicherheit dienen würde? «So weit darf es nicht kommen», sagt Janine Graf von der Fachstelle Mira. Es sei nicht Ziel der Sensiblisierungskampagnen, dass kein Trainer mehr eine Berührung wagt. «Es gibt auch guten Körperkontakt.» Besonders wichtig sei es für alle Vereine, «darüber zu diskutieren, was in Ordnung ist und was nicht.»

«Sobald ein Lehrer bei einer bestimmten Berührung Lust empfindet, wird diese zum sexuellen Übergriff», zitiert Dominik Vögeli ein Votum aus einem Fachvortrag, den er jüngst gehört hat.

Der Solothurner Fussballverband ist Mitglied bei der Fachstelle Mira und unterstützt eine entsprechende Präventionscharta von Swiss Olympic. Alle Klubpräsidenten seien an einer Tagung für das Problem sensiblisiert worden, sagt Präsident Roland Stampfli.