Kanton Solothurn
Präventionsparcours für Kinder: «Mein Körper gehört mir»

Statt wie früher bloss Angst zu machen – «Nimm dich in Acht vor dem bösen schwarzen Mann» –, zielt Prävention heute darauf, das Kind zu stärken und Schuldgefühle bei ihm zu vermeiden. Selbstbewusste Kinder sind weniger sexueller Gewalt ausgesetzt.

Ornella Miller
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Die Stiftung Kinderschutz ist mit der Ausstellung «Mein Körper gehört mir» im Oberstufenzentrum Derendingen/Luterbach präsent.

Die Stiftung Kinderschutz ist mit der Ausstellung «Mein Körper gehört mir» im Oberstufenzentrum Derendingen/Luterbach präsent.

Hanspeter Bärtschi

«Neiiin!» So tönt es laut, schrill und deutlich. Aber nicht ängstlich, sondern bestimmt. Ein Kind steckt seinen Kopf ins Loch einer Holzwand und sieht dort, wie ein «Lichtthermometer» in die Höhe schnellt, wenn es nur laut genug «nein» ruft. Das ist eine der zahlreichen Aktionen, die bei einer der Stationen des Parcours «Mein Körper gehört mir» ausgeführt werden können. Die kindgerechte, spielerische und interaktive Wanderausstellung, welche die Stiftung Kinderschutz in die Schweiz geholt hat, ist seit 2008 wie in grossen Teilen der Schweiz auch im Kanton breit im Umlauf. In den Bezirken Solothurn, Dorneck und Thal beteiligen sich gar alle Primarschulen, im Buchegg nur wenige. Zweit- bis Viertklässler besuchen den Parcours im Klassenverband, werden von speziell ausgebildeten Moderatorinnen und Moderatoren in kleinen Gruppen möglichst geschlechtergetrennt hindurchgeleitet.

Dabei geht es nicht um eigentliche Sexualerziehung. Vielmehr gehe es darum, die Kinder zu stärken und zu informieren, erklärt Patricia Flammer, Projektverantwortliche von der Fachstelle Kinderschutz Kanton Solothurn. «Die Kinder lernen auf eine spielerische Art, auf sich selber achtzugeben im Sinne von ‹ich darf mich wehren, ich darf Nein sagen, nicht alles, was Erwachsene sagen, muss richtig sein›.» Die Spielstationen heissen: «Mein Körper gehört mir», «Ich vertraue meinem Gefühl», «Ich kenne gute, schlechte und komische Berührungen», «Ich darf Nein sagen», «Ich unterscheide zwischen guten und schlechten Geheimnissen» und «Ich bin schlau und hole mir Hilfe».

Die Zielsetzung ist folgerichtig, wenn man die Forschungsergebnisse ansieht: Flammer erläutert: «Sexuelle Gewalt erleben vor allem Kinder, die isoliert sind, blind gehorchen, ein geringes Selbstwertgefühl besitzen, in einem autoritären Erziehungsmilieu aufwachsen oder deren Familie sich in einer Krise befindet.» Wird Sexualität tabuisiert und schlechtgemacht und sind die Kinder unsicher, fördert das sexuelle Übergriffe. Es verhindert, dass die Kinder sich wehren oder Hilfe holen können, auch weil sie sich schämen und schuldig fühlen.

Dass so junge Kinder den Parcours absolvieren sollen, erklärt sich daraus, dass zwar alle Altersstufen betroffen sind, vor allem jedoch Kinder, die zwischen 7 und 12 Jahre alt sind. Flammer meint, man könne selbst die kleinen Schulkinder nicht vor dem Thema Sexualität fernhalten, denn sie kämen auf dem einen oder andern Weg mit solchen Inhalten in Kontakt, auch wenn sie zu Hause kein Fernsehgerät hätten. «Wenn sie dann null Ahnung haben, sind sie viel mehr überfordert und gefährdet, als wenn sie bewusst damit umgehen können. Wenn man alles tabuisiert, fehlt einem die Sprache, wenn etwas passiert. Man kann dann nicht darüber reden, dass etwas Unrechtes passiert ist.»

90 Minuten Parcours – reichen die wirklich, damit die Kinder lernen, auf ihre Gefühle achtzugeben oder Nein zu sagen? Flammer antwortet, dass die Lehrpersonen eine didaktische Unterrichtsmappe bekämen. Damit könnten sie weiter vertiefen. Ausserdem beziehe man die Eltern mit ein, vor allem durch einen ausführlichen Elternabend. Ferner erhielten die Lehrpersonen eine Fortbildung zum Thema. «Es reicht natürlich nicht, nur mit den Kindern zu arbeiten.»

Eltern und Lehrpersonen stünden dem Parcours positiv gegenüber. «Ich habe extrem selten schlechte Rückmeldungen», so Flammer. Evaluationen ergaben, dass die Kampagne zu Wissenszuwachs führt, eine Sensibilisierung stattfindet. Es gelingt, Hilfsangebote wie Fachstellen bekannt zu machen. Auch wird die Vernetzung zwischen Schule, Fachstellen und Eltern verbessert. Die Kinder fühlen sich selbstsicherer. «Sie haben wirklich den Plausch im Parcours, sie machen gerne mit und sind aufmerksam dabei.»

Andreas von Felten, Koordinator seitens der Schulleitungen Wasseramt Ost, wo der Parcours derzeit steht, bestätigt die positiven Effekte. Er fände es sehr schade, wenn der Parcours ab Ende 2015 nicht mehr durchgeführt werden könnte, weil ja die Fachstelle Kinderschutz den Sparmassnahmen zum Opfer falle.

An einer anderen Station kann das Kind Sprechblasen wie «Angenehm!», «Blöd!», «Igitt!» Zeichnungen zuordnen. Auf dem Plakat steht noch: «Berührungen, die seltsam sind, Angst auslösen oder sogar wehtun, darfst du zurückweisen.» Vielleicht ist es jetzt gerade bei «Hihihi!».

Öffentliche Besichtigung des Parcours: Am 25. 11., 16 bis 18 Uhr, Aula des Oberstufenzentrums in Derendingen, Schöllerstrasse 1.

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