Für einen Kaffee ist es jetzt zu spät. Die Abendsonne brennt. Matthias Zimmermann bestellt ein kühles Helles. Wir sitzen im «Prater», dem ältesten Biergarten Berlins. Immobilienfachmann Zimmermann trägt Anzug und Krawatte. Schliesslich kommt er direkt aus dem Büro. Seit über 20 Jahren lebt der Bettlacher in der deutschen Hauptstadt. 1993, gleich nach der Fasnacht, kam er an. «Es war die goldene Ära der Stadtplanung», sagt er. «Wer das Wort Planung auf Deutsch sagen konnte, hatte quasi einen Job.» Schliesslich musste damals der gesamten ehemaligen DDR das westdeutsche Planungsrecht übergestülpt werden.

Zimmermann, von Beruf Raumplaner, arbeitete mit. Er traf auf viele schlecht unterhaltene Gebäude in ostdeutschen Innenstädten. Für ihn «ein Lehrstück, was Sozialismus bedeutet.» Längst nicht alles, was die Planer damals vorhatten, wurde Realität. «Aber viele ostdeutsche Innenstädte sind saniert. Das alleine ist schon eine wahnsinnige Leistung», blickt er zurück.

Als die Planungseuphorie verflog, wechselte Zimmermann den Job. Er verkaufte fortan für das Bundesland Brandenburg Kasernen, Flugplätze und Einfamilienhäuser, die kurz zuvor noch dem russischen Militär gehört hatten.

Auch eine ehemalige Raketenbasis gehörte dazu. Einmal stand er in dem Bunker, in dem die Russen ihre Atomsprengköpfe gelagert hatten. «Es war ein besonderes Gefühl, so nahe an der Weltgeschichte zu sein.» Spürt er denn heute noch einen Unterschied zwischen Ost- und Westberlin? Zimmermann zeigt auf die Brandschutzmauer des Biergartens. «Die Eisenverkleidung ist typisch ostdeutsch.» Solche Details zeigen dem Bauinsider ständig an, ob er im früheren Osten, bei den «Ossis», oder im Westen unterwegs ist. Die Gesellschaft aber ist in seinen Augen zusammengewachsen.

Das Heimweh hat ihn nie ergriffen

Mehr als zwanzig Jahre sind seit seiner Ankunft in Berlin vergangen. Das Heimweh hat Zimmermann in all den Jahren nicht ergriffen. Kein Wunder. Er ist nach wie vor besonders gut mit der Schweiz verbunden, nicht nur über Geschwister und Mutter. Als Auslandschweizer-Rat vertritt er die dritte Schweiz gegenüber den Berner Behörden und er ist auch Präsident des Schweizervereins in Berlin. 176 Mitglieder hat der über 150 Jahre alte Verein heute. Einst unterstützte dieser hilfsbedürftige Schweizer Auswanderer. Inzwischen treffen sich die Mitglieder nur noch zum gesellschaftlichen Austausch.

Gesprochen wird am monatlichen Stammtisch hochdeutsch. «Weil wir einige Romands dabei haben», sagt Zimmermann. Aber auch weil einige Schweizer schon in dritter Generation in Deutschland leben und die Mundart verlernt haben. «Für mich ist Migration ein positiv besetztes Wort. Ich bin ja selbst Migrant», sagt er. Die Mitgliederzahl des Vereins, so zeigt die Chronik, folgt der wirtschaftlichen Anziehungskraft Berlins. Als die Weltwirtschaftskrise 1929 ausbrach, reisten viele Auswanderer in die Heimat zurück. Seit 2013 ist die Mitgliederzahl des Vereins allerdings um 50 Prozent gewachsen.

Berlin ist derzeit beliebt bei auswanderungswilligen Schweizern. Matthias Zimmermann weiss aus eigener Erfahrung, dass das nicht immer so war. Um die Nullerjahre versuchte er, Schweizer Immobilieninvestoren nach Deutschland zu bringen, nachdem sich zwischen 1994 und 2004 die Immobilienpreise in Berlin halbiert hatten. Der Fachmann vermutete, dass das in einer der wichtigsten Städte Europas nicht lange so bleiben wird. Und er bekam recht. «Aber damals gab es kein Interesse. Wer auf mich gehört hätte, hätte sein Vermögen verdoppelt», sagt der 49-Jährige und lacht. «Ich hatte leider auch kein Geld.» Seit neun Jahren arbeitet er nun bei einer Immobilienfirma, die über 4200 Wohnungen in einer Westberliner Siedlung aus den 1970er-Jahren verwaltet.

«Berliner sind locker eingestellt»

Spatzen fliegen auf den gelben Tisch im Biergarten. Matthias Zimmermann hat Krawatte und Kittel abgelegt und eine Wurst bestellt. «Deutschland geht es gut», sagt er. Dann wird er zum einzigen Mal an diesem Abend wirklich politisch. Die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative hat ihn aufgewühlt. Er zeigt mit der Hand in Richtung Osten. Nicht viel mehr als 70 Kilometer von Berlin entfernt liegt die polnische Grenze. «Dort gibt es Familien, die mit Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung leben», sagt er. Zimmermann hat den Eindruck, dass die Schweizer nicht immer wissen, wie gut es ihnen überhaupt geht. Aber er hadert nicht mit der Heimat. Er ist Fan der direkten Demokratie. Er mag, dass abgestimmt wird über Grossprojekte und dass die Politiker dadurch zu einem verantwortlichen Umgang mit dem Geld angehalten werden. «In Deutschland hat das Volk weniger zu sagen, wo das Steuergeld investiert wird.»

Doch fertig Politik. In deutschen Büros, sagt Zimmermann, sei es tabu, unter Kollegen über politische Einstellungen zu diskutieren. Sonst aber erlebt er die Hauptstädter als locker eingestellt. «In Berlin kann man mit jemandem einfach ein Bier trinken gehen. Vielleicht geht man nachher nie mehr», sagt er. «Der Schweizer zögert viel mehr und hat immer Angst, dass er sich irgendwie verpflichtet.» Matthias Zimmermann atmet tief durch und lacht. «Schwyzer si scho u hurre verchrampft.» Er selbst spüre dieses zurückhaltende Gen auch in sich. «Aber ich hoffe, dass ich das auf eine Grösse reduzieren konnte, wo es nicht mehr weh tut. Sonst vergibt man sich viel.»

Das Bier ist ausgetrunken, die Wurst verspeist. Wird Matthias Zimmermann einmal in die Schweiz zurückkehren? Theoretisch ja, praktisch wohl eher nein, sagt er. In Berlin hat er sich Kontakte aufgebaut. In der Schweiz müsste er beruflich wieder bei null beginnen. Und auch die Liebe hält ihn hier. Vergangenes Jahr hat er geheiratet. Seine Frau, eine Polin, schätzt, dass sie in Berlin so nahe an ihrer Heimat ist. Den Schweizer Nationalfeiertag werden sie beide zusammen mit dem Schweizerverein feiern. Zum 1. August gibt es ein Picknick auf dem Rasen vor der Schweizer Botschaft.