Porträt
Filmemacherin Stefanie Klemm: «Hätte nie gedacht, dass mein Erstling so gut aufgenommen wird»

Stefanie Klemm (54) sorgt mit ihrem Spielfilm-Erstling für Aufsehen. An den Solothurner Filmtagen gewann sie einen Nachwuchspreis. Bis zum fertigen Film brauchte sie viel Durchhaltevermögen.

Fränzi Zwahlen
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Stefanie Klemm (54), in Wiler bei Utzenstorf aufgewachsen und seit vielen Jahren in Bern lebend, sorgte mit ihrem ersten Langspielfilm an den diesjährigen Solothurner Filmtagen für eine Überraschung. Ihr Film «Von Fischen und Menschen» wurde von einer Jury zum Gewinner des erstmals verliehenen Preises «Opera Prima» gekürt.

Dies ist ein Preis für den besten Debut-Spielfilm dieses Jahres. «Es freut mich sehr, dass mein Film diese Auszeichnung entgegennehmen konnte», sagt Stefanie Klemm in ihrem Film-Atelier in Bern sitzend. «Besonders freut mich, dass ich als nicht mehr ganz junge Filmemacherin ausgezeichnet wurde.» Momentan gebe es ziemlich viele Medientermine aufgrund des Preises.

Szene aus dem Film.

Szene aus dem Film.

zvg

Der Start des Filmes in den Kinos ist noch unbekannt

Leider ist der Start des Filmes wegen der Coronasituation auf unbestimmte Zeit verschoben worden. «Eigentlich hätte der Film in diesen Februartagen in die Kinos kommen sollen.» Wann es einen neuen Termin gibt, wissen die Filmemacherin, ihre Produktionsfirma und der Verleih vorerst noch nicht. Nicht nur die Jury war von ihrem Film an den Solothurner Filmtagen begeistert.

Auch bei den Streamingzahlen erreichte «Von Fischen und Menschen» mit Sarah Spale und Matthias Britschgi in den Hauptrollen Höchstwerte. Dazu sagt Stefanie Klemm: «Ich hätte nicht gedacht, dass mein Film, der aufgrund der Geschichte für manche Zuschauer auch schmerzhaft sein kann, so gut aufgenommen würde. Für mich als Filmemacherin ist dies eine wundervolle und wichtige Anerkennung, eben diejenige von aussen. Vor allem nachdem man sich als Drehbuchschreiberin und Regisseurin lange Zeit doch sehr mit einem Thema beschäftigt, man aber am Ende nicht weiss, ob dies dann auch das Publikum interessiert», beschreibt sie.

Damit spricht sie eine Frage an, der sich jeder Kunstschaffende stellen muss. Was macht einen Film erfolgreich? Gibt es denn ein Erfolgsrezept für einen erfolgreichen Film?

«Eine gute Geschichte erzählen. Das ist mir bei all meinen Filmen, ob kurz oder lang, Dok- oder Spielfilm wichtig. Dann muss die Bildsprache zur Geschichte passen, eine gewisse Ästhetik aufweisen, ohne kitschig zu sein. Die Geschichte darf traurig sein, soll aber auch Hoffnung ausstrahlen. Wir alle sehen gerne bei einem Drama zu; dieses soll aber für uns selbst eine gewisse Erkenntnis bringen. Und dann zeige ich auch gerne Menschen, die etwas erschaffen, arbeiten, wie die Arbeit in einer Fischzucht.»

Das Filmen von der Pike auf gelernt

Auch wenn Stefanie Klemm mit «Von Fischen und Menschen» ihren ersten Langspielfilm realisiert hat, ist sie doch kein Neuling als Filmemacherin. «Nach der Matur studierte ich einige Semester Literaturwissenschaften und Psychologie, danach erwarb ich das Lehrpatent. Doch stark interessiert hat mich immer der Tanz, die Bewegung.» Sie begann als Autodidaktin Tanzproduktionen filmisch zu begleiten. «Natürlich habe ich auch entsprechende Kurse besucht», sagt sie fast entschuldigend.

So verfolgte sie diese Arbeit mit Hingabe und viel Energie. «Für den einminütigen Tanzfilm «Anitra‘s mirror» aus dem Jahr 2002 - als «der kürzeste Tanzfilm aller Zeiten» bezeichnet - erhielt sie einen internationalen Tanzfilm-Preis. Seit 2000 arbeitet sie in ihrer eigener Produktionsfirma «Bluebox film» in Bern, wo sie mit Auftragsproduktionen, Kurzfilmen und Tanzvideos, die an etlichen Filmfestivals und im TV präsentiert werden, beschäftigt ist.

Darf ich mich «Filmemacherin» nennen?

«Dennoch hatte ich lange Zeit Mühe, auf meinem Visitenkärtchen als Beruf Filmemacherin anzugeben», sagt sie lachend. «Denn ich hatte ja keine «richtige» Ausbildung dazu; eine mit Diplom.» Die Master-Ausbildung stärkte das Selbstvertrauen.

Das änderte sich dann aber im Jahr 2008, als sie an der ZHdK den zweijährigen Master für Regie und Drehbuch absolvierte. «Da kam ich dann auch mit den verschiedensten Filmleuten in Kontakt. Vernetzung ist im arbeitsaufwendigen Filmbusiness unglaublich wichtig – und Professionalität» Und es hat ihr Selbstvertrauen gestärkt und ihr gezeigt, wie viel sie bereits kann.

Als Frau musst du mehr leisten - nach wie vor

Nach wie vor sind in der Filmbranche viele Männer als Regisseure erfolgreich, doch nur wenige Frauen.

«Es ist auch bei uns immer noch so: als Frau musst Du mehr leisten»

, sagt sie. «Es ist sehr wichtig, dass die Filmfördergremien zumindest paritätisch mit Frauen und Männer besetzt sind.» Und es muss nach wie vor an dem Bewusstsein gearbeitet werden, dass auch Frauen-Teams sehr erfolgreich «grosse Kisten» realisieren können.

«Von Fischen und Menschen» - eine Geschichte, die Stefanie Klemm entwickelt und geschrieben hat– hat einen wahren Hintergrund. «Gewalt, die ich bei einem Überfall am eigenen Leib erfahren musste. Ich hatte erlebt, wie sich ein solches Erlebnis anfühlt und konnte später für das Drehbuch aus einem Schatz an Gefühlen, Bildern und Aufzeichnungen schöpfen.»

Von Stefanie Klemm wird weiter zu hören sein.

Derzeit arbeitet sie an einem Drehbuch für einen Plot, für welchen sie den Swiss Treatment Award 2015 von SRF, Telepool und ZFF erhalten hat. «In meiner Geschichte geht es um eine Wissenschaftlerin, die nach ihrem Krebstod eingefroren und nach 30 Jahren reanimiert wird und sich in ihrer Zukunft zurechtfinden muss. Wie reagiert ihre Familie auf ihre Rückkehr? Vor dem Hintergrund des medizinischen Machbarkeitswahns soll der Film eine emotionale Familiengeschichte erzählen und Fragen zu Sterben und Loslassen aufwerfen.»

Bis zum fertigen Film müssen aber noch etliche Hürden genommen werden. «Das ist auch die Schwierigkeit, mit der man als Filmemacherin lebt. Die Projekte brauchen viel Zeit, viel Geld und einen langen Schnauf.»

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