Der Instruktor dreht sich noch einmal um und vergewissert sich, dass auch der Fotograf und der Journalist ganz ordnungsgemäss ihren Gehörschutz auf haben. Es kann laut werden, hier auf der Anlage Leuental in Oensingen, wo die Kantonspolizei sowie die Stadtpolizisten von Olten und Solothurn das Schiessen üben.

Auf fünf weissen Zielscheiben prangen grüne und orange Quadrate in verschiedenen Grössen. Es ist kurz nach neun Uhr, die Polizisten haben sich auf einer Linie ausgerichtet, vier Rechtshänder und eine Linkshänderin, die Pistolen im Halfter. Der Instruktor gibt den ersten Schiessbefehl. Einen Augenblick später knallt es.

Gelegentlich reklamieren Anwohner wegen des Lärms (siehe Kasten unten). Eine Zeitlang ging das Gerücht um, es werde im Serienfeuer geschossen. Karim Waldner, stellvertretender Dienstchef Aus- und Weiterbildung bei der Kapo, der mit uns das Training besucht, hat Verständnis für den Unmut, den manche Oensinger äussern. «Das hat auch mit einem Wandel der Gesellschaft zu tun. Es gibt viele, die Schicht arbeiten und tagsüber schlafen müssen.» Will heissen: Man kann schiessen, wann man will, irgendjemanden weckt man immer. Dass sich einer aufregt, wenn er vom Schusslärm aus dem Bett gerissen wird, sei nachvollziehbar, findet der Feldweibel.

Fehler erkennen und ausmerzen

«Zwei Schuss, grün gross links, in vier Sekunden», ruft der Instruktor in der Kurzdistanz-Box den fünf Schützen zu. «Feuer!» Es knallt fünfmal dicht hintereinander. Dann folgen fünf weitere Schüsse – zeitlich etwas breiter gefächert. Zehn kleine Explosionen in vier Sekunden. Das klingt für das ungeschulte Ohr schon ein wenig wie Sturmgewehr-Salven und Actionfilm.

Hinter der Wand zu unserer Linken wird ebenfalls geschossen. Im 25-Meter-Stand nehmen drei Polizistinnen und zwei Polizisten ganz gewöhnliche Zielscheiben aufs Korn. Das Standschiessen ist eine Referenzübung. Man merkt, ob jemand schlechter schiesst oder sich Marotten angewöhnt hat, die dann mittels Extratrainings wieder «ausgemerzt» werden, wie Waldner sagt. Auch sei es schon vorgekommen, dass beim Standschiessen Produktionsfehler an Waffen entdeckt wurden.

Wer schnell zieht, ist im Vorteil

Die Übungen draussen in der Kurzdistanz-Box sind dynamischer, erklärt Waldner, abwechslungsreicher und anspruchsvoller. Hier müssen die Polizisten immer wieder überlegen, wo sie hinschiessen, sich gegebenenfalls anders positionieren. Das Ziehen der Waffe ist dabei immer wieder wichtiger Teil des Trainings. Wenn es um Schnelligkeit geht, kann es zum Stressfaktor und zur Fehlerquelle werden, das zeigt nicht erst der Ernstfall, sondern schon das vergleichsweise «harmlose» Trainingsprogramm auf der Schiessanlage.

Ein Polizist kriegt seine Waffe nicht richtig zu fassen und greift nach. Als er die Pistole schliesslich aus dem Halfter gezogen hat, lässt er sich kaum noch Zeit zum Zielen – und schiesst aus zehn Metern Entfernung knapp am grünen Quadrat vorbei, das er hätte treffen sollen. «Er ist sonst ein guter Schütze, das weiss ich», sagt Waldner. Aber unter Zeitdruck ist vieles anders.

Nach der Schussabgabe machen die fünf Polizisten einen raschen Schritt zur Seite. Dieser «Sidestep» sei sinnvoll, wenn sich das feindlich gesinnte Gegenüber zehn Meter oder weniger weit entfernt aufhält. Für den Fall, dass es zurückschiesst. «Bei kurzer Distanz reicht ein Schritt zur Seite, damit sich die andere Person neu ausrichten muss – der Polizist behält so die Oberhand in der Situation.» Auch dies eine Erkenntnis, die aus Ernstfällen aus aller Welt gewonnen wurde. Solche Ernstfälle analysieren Polizei-Ausbildner immer wieder genaustens.

Reingehen statt davonlaufen

Was ein wenig nach Wildwest klingen mag, ist natürlich genau jene Situation, in der sich ein Polizist möglichst nie befinden sollte. «Wir trainieren hier die Eskalationsstufe», sagt Feldweibel Waldner. Ein substanziellerer Teil der polizeilichen Aus- und Weiterbildung besteht jedoch darin, genau diese Stufe zu verhindern.

Fünfmal pro Jahr muss jeder Polizist im Kanton zum Schiesstraining. Dreimal im Leuentäli. Zweimal werden andernorts Szenarien in Form von Rollenspielen oder mit dem interaktiven «Schiesskino» geübt, bei denen oft auch ein Ausweg ohne Schussabgabe möglich ist – je nach Verhalten des Polizisten. Dies seien natürlich adrenalinsteigernde Momente, da man als Übungsteilnehmer nie genau wisse, was einen erwartet. Anders als auf dem Schiessplatz, könne es da schon einmal vorkommen, dass (nicht mit echter Munition, versteht sich) zurückgeschossen wird.

Und: «Im Ernstfall entscheiden zu müssen, ob man auf einen Menschen schiessen soll, so etwas nimmt man das ganze Leben lang mit.» Etwa alle fünf Jahre komme es im Kanton Solothurn so weit, dass ein Polizist seine Waffe gebrauchen müsse. Nichtsdestotrotz – oder eben gerade deshalb – sei es wichtig, dass solche Situationen bis zu dem Punkt trainiert werden, an dem sich Automatismen entwickeln. Über gewisse Dinge soll ein Polizist im Einsatz nicht nachdenken müssen, sondern sie einfach tun. Etwa, in eine eskalierte Situation hineinzugehen, anstatt – wie es uns natürliche Reflexe vorgeben – davonzulaufen.