Schiesstraining
Polizei übt «Eskalation» - Anwohner beschweren sich über Schusslärm

Im Oensinger Leuentäli knallt es regelmässig – immer dann, wenn die Polizei die «Eskalationsstufe» übt. Gelegentlich reklamieren Anwohner wegen des Lärms. Bis die Polizei eine neue Schiessanlage gefunden hat, muss das Knallen jedoch geduldet werden.

Von Christoph Neuenschwander
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Auf der Schiessanlage Leuental in Oensingen trainieren die Kantonspolizei, die Stapo Olten und die Stapo Solothurn das Schiessen – was gelegentlich ziemlich Lärm macht.

Auf der Schiessanlage Leuental in Oensingen trainieren die Kantonspolizei, die Stapo Olten und die Stapo Solothurn das Schiessen – was gelegentlich ziemlich Lärm macht.

Hansruedi Aeschbacher

Der Instruktor dreht sich noch einmal um und vergewissert sich, dass auch der Fotograf und der Journalist ganz ordnungsgemäss ihren Gehörschutz auf haben. Es kann laut werden, hier auf der Anlage Leuental in Oensingen, wo die Kantonspolizei sowie die Stadtpolizisten von Olten und Solothurn das Schiessen üben.

Auf fünf weissen Zielscheiben prangen grüne und orange Quadrate in verschiedenen Grössen. Es ist kurz nach neun Uhr, die Polizisten haben sich auf einer Linie ausgerichtet, vier Rechtshänder und eine Linkshänderin, die Pistolen im Halfter. Der Instruktor gibt den ersten Schiessbefehl. Einen Augenblick später knallt es.

Gelegentlich reklamieren Anwohner wegen des Lärms (siehe Kasten unten). Eine Zeitlang ging das Gerücht um, es werde im Serienfeuer geschossen. Karim Waldner, stellvertretender Dienstchef Aus- und Weiterbildung bei der Kapo, der mit uns das Training besucht, hat Verständnis für den Unmut, den manche Oensinger äussern. «Das hat auch mit einem Wandel der Gesellschaft zu tun. Es gibt viele, die Schicht arbeiten und tagsüber schlafen müssen.» Will heissen: Man kann schiessen, wann man will, irgendjemanden weckt man immer. Dass sich einer aufregt, wenn er vom Schusslärm aus dem Bett gerissen wird, sei nachvollziehbar, findet der Feldweibel.

Fehler erkennen und ausmerzen

«Zwei Schuss, grün gross links, in vier Sekunden», ruft der Instruktor in der Kurzdistanz-Box den fünf Schützen zu. «Feuer!» Es knallt fünfmal dicht hintereinander. Dann folgen fünf weitere Schüsse – zeitlich etwas breiter gefächert. Zehn kleine Explosionen in vier Sekunden. Das klingt für das ungeschulte Ohr schon ein wenig wie Sturmgewehr-Salven und Actionfilm.

Hinter der Wand zu unserer Linken wird ebenfalls geschossen. Im 25-Meter-Stand nehmen drei Polizistinnen und zwei Polizisten ganz gewöhnliche Zielscheiben aufs Korn. Das Standschiessen ist eine Referenzübung. Man merkt, ob jemand schlechter schiesst oder sich Marotten angewöhnt hat, die dann mittels Extratrainings wieder «ausgemerzt» werden, wie Waldner sagt. Auch sei es schon vorgekommen, dass beim Standschiessen Produktionsfehler an Waffen entdeckt wurden.

Wer schnell zieht, ist im Vorteil

Die Übungen draussen in der Kurzdistanz-Box sind dynamischer, erklärt Waldner, abwechslungsreicher und anspruchsvoller. Hier müssen die Polizisten immer wieder überlegen, wo sie hinschiessen, sich gegebenenfalls anders positionieren. Das Ziehen der Waffe ist dabei immer wieder wichtiger Teil des Trainings. Wenn es um Schnelligkeit geht, kann es zum Stressfaktor und zur Fehlerquelle werden, das zeigt nicht erst der Ernstfall, sondern schon das vergleichsweise «harmlose» Trainingsprogramm auf der Schiessanlage.

Ein Polizist kriegt seine Waffe nicht richtig zu fassen und greift nach. Als er die Pistole schliesslich aus dem Halfter gezogen hat, lässt er sich kaum noch Zeit zum Zielen – und schiesst aus zehn Metern Entfernung knapp am grünen Quadrat vorbei, das er hätte treffen sollen. «Er ist sonst ein guter Schütze, das weiss ich», sagt Waldner. Aber unter Zeitdruck ist vieles anders.

Nach der Schussabgabe machen die fünf Polizisten einen raschen Schritt zur Seite. Dieser «Sidestep» sei sinnvoll, wenn sich das feindlich gesinnte Gegenüber zehn Meter oder weniger weit entfernt aufhält. Für den Fall, dass es zurückschiesst. «Bei kurzer Distanz reicht ein Schritt zur Seite, damit sich die andere Person neu ausrichten muss – der Polizist behält so die Oberhand in der Situation.» Auch dies eine Erkenntnis, die aus Ernstfällen aus aller Welt gewonnen wurde. Solche Ernstfälle analysieren Polizei-Ausbildner immer wieder genaustens.

Reingehen statt davonlaufen

Was ein wenig nach Wildwest klingen mag, ist natürlich genau jene Situation, in der sich ein Polizist möglichst nie befinden sollte. «Wir trainieren hier die Eskalationsstufe», sagt Feldweibel Waldner. Ein substanziellerer Teil der polizeilichen Aus- und Weiterbildung besteht jedoch darin, genau diese Stufe zu verhindern.

Fünfmal pro Jahr muss jeder Polizist im Kanton zum Schiesstraining. Dreimal im Leuentäli. Zweimal werden andernorts Szenarien in Form von Rollenspielen oder mit dem interaktiven «Schiesskino» geübt, bei denen oft auch ein Ausweg ohne Schussabgabe möglich ist – je nach Verhalten des Polizisten. Dies seien natürlich adrenalinsteigernde Momente, da man als Übungsteilnehmer nie genau wisse, was einen erwartet. Anders als auf dem Schiessplatz, könne es da schon einmal vorkommen, dass (nicht mit echter Munition, versteht sich) zurückgeschossen wird.

Und: «Im Ernstfall entscheiden zu müssen, ob man auf einen Menschen schiessen soll, so etwas nimmt man das ganze Leben lang mit.» Etwa alle fünf Jahre komme es im Kanton Solothurn so weit, dass ein Polizist seine Waffe gebrauchen müsse. Nichtsdestotrotz – oder eben gerade deshalb – sei es wichtig, dass solche Situationen bis zu dem Punkt trainiert werden, an dem sich Automatismen entwickeln. Über gewisse Dinge soll ein Polizist im Einsatz nicht nachdenken müssen, sondern sie einfach tun. Etwa, in eine eskalierte Situation hineinzugehen, anstatt – wie es uns natürliche Reflexe vorgeben – davonzulaufen.

Noch müssen sich die Oensinger mit dem Knallen abfinden

Seit einiger Zeit sucht die Polizei nach einer neuen Schiessanlage (wir berichteten). Bis es so weit ist, müssen sich die Oensinger mit dem Knallen abfinden, das vom Fuss der Lehnfluh herschallt. Rund 30-mal pro Jahr finden auf der Anlage Leuental Schiesstrainings statt, erklärt Karim Waldner, stellvertretender Dienstchef Aus- und Weiterbildung. Wobei, so leicht ausgerechnet sei das nicht. Gelegentlich gebe es zusätzliche Schiesstage, etwa von der Polizeischule. Dafür trainiere man ab und an statt im Leuentäli in Wangen, wo mit mehr Teilnehmern und über grössere Distanzen geschossen werden kann. Hier in der Kurzdistanz-Box liegt die hinterste Markierung bei 30 Metern.

Reklamationen wegen des Schiesslärms landen gewöhnlich nicht direkt bei der Polizei, sondern beim Gemeinderat von Oensingen. Dieser steht mit der Polizei im Dialog, hat aber auch Verständnis dafür, dass ein Wechsel der Schiessanlage wohl erst in den nächsten zwei bis drei Jahren vollzogen werden kann. «Es ist klar, dass das nicht von heute auf morgen geht, zumal die Polizei sicher bei der Suche nach einem neuen Standort vielerorts auf Widerstand stösst», sagt Gemeindepräsident Markus Flury.

In letzter Zeit habe es vielleicht etwas weniger Beschwerden gegeben, aber das sei saisonal bedingt, sagt Flury. «Im Sommer, wenn die Leute mehr draussen sind oder zu Hause das Fenster offen haben, gibt es mehr Reaktionen.» Und betroffen seien bei weitem nicht nur Anwohner. Aufgrund der Felswand hallen die Schüsse weit übers Dorf. Ein Faktor seien auch Windrichtung und -stärke, so der Gemeindepräsident. «Dass Oensingen nun aktiv mithilft, für alle eine geeignete Lösung zu finden, das ist man der Bevölkerung schuldig.» Eine geeignete Lösung kann es durchaus auch innerhalb der Gemeinde geben. Die Idee wäre, das Schiessen auf der 300-Meter-Anlage in Oensingen zu konzentrieren. Das hänge aber vom Ausgang der Ortsplanungsrevision ab, und auch von den Plänen des VBS mit der Anlage, sagt Flury. Und letztlich sei es die Polizei, die ihre eigene Evaluation durchführe und entscheide, welcher Standort am geeignetsten wäre.
Diese Evaluation erstreckt sich über den ganzen Kanton. 117 Schiessstände gibt es in Solothurn. Längst nicht alle kämen aber für die Polizei als neue Trainingsorte infrage, wie Karim Waldner erklärt. «Ein wichtiges Kriterium ist die Lage: Wie gut ist die Anlage erreichbar? Wie zentral ist sie im Kanton?» Schliesslich müssen Polizisten aus dem ganzen Kanton anreisen. Darüber hinaus sollte der Standortwechsel in Waldners Augen auch eine Verbesserung sein. «Wir müssen nun abklären, wo wir unsere Bedürfnisse am besten umsetzen können.» (cnd)