Gastkolumne

Politisch korrekt an die Wand fahren

Mohrenköpfe. Wenn man sie denn noch so nennen darf.

Gastkolumne vom Schriftsteller Christof Gasser über gesunden Menschenverstand und übertriebene politische Korrektheit.

Wer hätte vor Jahren einen Mohrenkopf mit etwas anderem in Verbindung gebracht als mit einer schaumig-süssen Creme mit Schokoladenüberzug? Seit selbst ernannte Sprachinquisitoren die Deutung unseres Wortschatzes an sich gerissen haben, wurden das Konfekt und sein Name gleichermassen ins Reich des Bösen verbannt. Von «kolonialer Sprache» und «rassistischen Süssigkeiten» ist die Rede. Eine Genderforscherin verkündete sogar, dass Menschen im Mittelmeer sterben, solange wir nicht bereit seien, unsere Sprache zu «entkolonialisieren». Das ist etwa so dümmlich wie jener Parlamentarier, der die Transporte von Schlachttieren mit den Deportationen von Menschen jüdischer Abstammung unter NS-Herrschaft verglich und damit die Schleuderfunktion an seinem Sitz betätigte. Die Wissenschafterin scheint ihren Dozentenjob inzwischen wegen einer anderen umstrittenen Aussage los zu sein.

Eine prominente Jungpolitikerin qualifizierte letzthin ein Liebeslied öffentlich als sexistisch und verurteilte es als Stalking. Wie soll man solche Aussagen einordnen, wenn sie von Personen kommen, die sich brüsten, die Zukunft und die Werte unseres Landes mitzugestalten? Wird bald eine Moralpolizei Literatur, Filme und Lieder, angefangen bei der Lyrik eines Walther von der Vogelweide, auf ihren Sexismusgrad und politisch korrekte Inhalte prüfen? Margaret Atwood und George Orwell lassen grüssen. Wo bleibt die Fähigkeit zur Trennschärfe, wenn halbwegs vernünftige Menschen nicht in der Lage sind, zwischen sexistischer Gewalt und der spielerischen Wechselwirkung von Distanz und Zuneigung im sinnlich-reizvollen Spiel der Geschlechter zu unterscheiden?

Bewegungen wie #MeToo sind unerlässlich, das sexuelle Machtgefälle von Mann zu Frau aus der Welt zu schaffen. Politische Korrektheit im Sinn von gegenseitigem Respekt ist oft angebracht. Jedoch gehen einige Akteure dabei mit der moralinseligen Akribie mittelalterlicher Kreuzritter vor: Wer nicht dem Credo einer besseren, saubereren und gesünderen Welt entspricht, muss eliminiert werden.

Pikanterweise halten sich dieselben Kreise oft vornehm zurück, Vertreter frauenverachtender Kulturen konkret in die Pflicht zu rufen, wenn Schüler sich weigern, weiblichen Lehrpersonen aus vermeintlich religiösen Gründen die Hand zu geben. Im Gegenteil: Am liebsten würden sie bei Schulfesten nur noch Vegiwürste auf den Grill legen und Krippenspiele im Advent verschwinden lassen. Warum nicht Weihnachten ganz abschaffen, wenn wir schon dabei sind? Ist es nicht anbiedernde Scheintoleranz, wenn wir unsere Lebensart gegenüber anderen Kulturen verleugnen?

Gegenseitige Achtung, Gleichheit und der Schutz vor Bedrohung sind die bedeutendsten Werte einer offenen und vielfältigen Gesellschaft. Ebenso dringend wie #MeToo brauchen wir #CommonSense – übersetzt: gesunden Menschenverstand, der uns davor bewahrt, unsere Gesellschaft politisch korrekt an die Wand zu fahren. Apropos: Ich hätte jetzt Lust auf einen Mohrenkopf.

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