Neues Reglement
Plötzlich gibts bei der Feuerwehr keine Befehle mehr

Das neue Basisreglement der Feuerwehr spaltet die Meinungen der Brandschützer. Denn neuerdings gibt es keine Kommandos mehr - die Feuerwehrleute sollen eigenständiger arbeiten.

Christof Ramser
Drucken
Teilen
Im Ernstfall solls möglichst wortlos funktionieren: So will es das neue Basisreglement für die Feuerwehren. (Archiv)

Im Ernstfall solls möglichst wortlos funktionieren: So will es das neue Basisreglement für die Feuerwehren. (Archiv)

Silvan Hartmann

Es gibt Feuerwehrleute, die machen es sich leicht: Sie verstecken sich hinter Kommandos. Das ist bequem, weil sie einfach die Befehle befolgen und dabei nicht viel selber denken müssen. Für sie ist das neue Basisreglement, das 2014 in der Schweiz eingeführt wird (siehe Kasten), eine unangenehme Sache. Es gibt dagegen Brandbekämpfer, die auf Eigeninitiative setzen. Profis, die aus Erfahrung wissen, was in einer brenzligen Situation zu tun ist. Für sie dürften die Übungen und Einsätze dank des neuen Reglements interessanter werden. Stefan Auderset, Präsident des Wasserämter Feuerwehrverbands, sagt es so: «Man braucht einem Schreiner oder Dachdecker nicht zu erklären, wie er eine Leiter anzustellen hat.»

Die Bibel der Feuerwehr

Mit dem alten Feuerwehrreglement, das nun ersetzt wird, verhielt es sich jedoch genau so: Der Gruppenführer befahl unmissverständlich und mit vorgegebenen Worten, die Untergebenen führten die Kommandos strikt aus. «Das Reglement ist sozusagen die Bibel der Feuerwehr», sagt Daniel Graf, Kommandant bei der Feuerwehr Egerkingen. Das tönte bei einer Übung beispielsweise so: «Leiter hierher! Halt! Verlängern! Anstellen!» Für jeden Handgriff gab es entsprechende Ausrufe. «Das ging zack, zack, zack», sagt Daniel Graf. Mit ein paar Worten wurde eine Aktion ausgelöst – und speditiv ausgeführt.

Eine neue «Bibel» für die Wehrdienste: Das Feuerwehrwesen wird umgekrempelt

Es ist 300 Seiten dick und mit vielen Grafiken und Fotos ausgestattet. Seit diesem Jahr ist das neue Basisreglement der Feuerwehr in Kraft und wird fortlaufend in den Kantonen eingeführt. Kantone wie Zürich oder Baselland hatten bereits zuvor ein eigenes Reglement eingeführt. Das Reglement wurde von der Feuerwehr Koordination Schweiz FKS in Zusammenarbeit mit den kantonalen Feuerwehrinspektoraten erarbeitet. Es ist das dritte Reglement in rund 30 Jahren. Neu sind die Übungen gezielt auf die Einsätze ausgerichtet, während früher die Übungen im Vordergrund standen. «Das Basisreglement ist praxisbezogener», sagt der solothurnische Feuerwehrinspektor Markus Grenacher. Selbst bei kleinen und kleinsten Übungen werde neu ein echtes Szenario simuliert. (crs)

Mit dem neuen Basisreglement fallen diese Befehle weg. Heute braucht ein Gruppenführer kaum mehr etwas zu sagen, sondern er lässt die Feuerwehrleute ihren Job selbstständig erledigen. Er greift nur noch ein, wenn etwas offensichtlich falsch läuft und die Leiter beispielsweise am falschen Fenster angesetzt wird.

Irritationen in einigen Korps

Die neue Regelung führt in den Korps zu Irritationen. «Einige warten auf Kommandos, aber diese kommen nicht mehr», sagt Daniel Graf. Das neue Reglement übertrage den Feuerwehrleuten auf allen Stufen mehr Verantwortung. Mehr Führungsverantwortung oben, mehr Eigenverantwortung unten. «Das finden manche super, andere nicht.» Das Basisreglement spaltet die Meinungen.

Eigentlich sei es verrückt, sagt Markus Grenacher, kantonaler Feuerwehrinspektor: Man habe jeden Kurs neu gestaltet, neue Lektionen erarbeitet und ausgeschrieben. Was zum Teil letztes Jahr noch galt, gelte dieses Jahr nicht mehr. «Es wird sicher Jahre dauern, bis das neue Reglement in den Köpfen angekommen ist. Das ist die Schwierigkeit im Milizsystem.»

Höheres Risiko im Ernstfall?

Ist es im nicht gefährlich, wenn die Flammen wüten, aber ein Feuerwehrmann keine klaren Anweisungen mehr erhält und nicht weiss, was zu tun ist? Laut Stefan Auderset vom Wasserämter Verband müsse sich das Reglement im Einsatz noch bewähren. Es seien durchaus Ängste da, weil Detailwissen nicht einfach nachlesbar sei. «Vieles hängt von der Erfahrung der Feuerwehrleute ab.» Man müsse achtgeben, dass die jungen, frischen Kräfte nicht abgehängt werden. Auderset ist aber zuversichtlich, dass das neue Reglement zu keinen grossen Missverständnissen führen wird. Und Daniel Graf, der dieses Jahr mehrere kleine Ernstfälle geleitet hat, beruhigt: «Das verlief alles reibungslos.»

Feuerwehrinspektor Grenacher sagt: «Im Einsatz hat man früher ohnehin nicht genau nach dem alten Reglement gearbeitet. Im Ernstfall hat man keine Zeit, einen Vierpunktebefehl auszuführen.» Viel wichtiger sei das richtige Ergebnis. «Welchen Weg ich dazu wähle, ist nicht in jedem Fall relevant.»

«Als Erwachsene ernst nehmen»

Das neue Reglement nehme die Angehörigen der Feuerwehr als erwachsene Personen ernst. Man müsse einer mündigen Person nicht diktieren, wo sie welchen Fuss hinzustellen habe. Allerdings müssen die Brandschützer den Kopf mehr bei der Sache haben. «Ein Umdenken muss stattfinden», sagt Grenacher. Dass dies Unsicherheiten auslöse, sei verständlich. Manche Gruppenführer hätten Mühe mit der neu gewonnenen Freiheit. 20 Jahre habe man ihnen Kommandos eingetrichtert, die nun nicht mehr gebraucht werden.

Eine Kernbotschaft des neuen Reglements sei ausserdem die eigene Sicherheit. «Diese kommt heute an erster Stelle.» Zu dieser Änderung hätten auch Grossereignisse wie der Brand in der Tela-Papierfabrik Niederbipp 1996 geführt. Damals haben drei Feuerwehrleute ihr Leben verloren.

Wie die Stimmung in einem Korps ist, sagt Grenacher, hänge stark vom Kommandanten ab; aufgestellt, oder abgelöscht. Und damit verbunden sei, wie schnell das Basisreglement von der Basis akzeptiert wird.

Aktuelle Nachrichten