Kanton Solothurn

«Plötzlich ernst»: 5 Menschen darüber, wie das Virus ihren Alltag auf den Kopf stellt

Zivilschützer vor dem Einfang der Notfallstation am Bürgerspital Solothurn.

Zivilschützer vor dem Einfang der Notfallstation am Bürgerspital Solothurn.

Von der Kita bis ins Tanzstudio: Das Virus trifft alle. Wir haben fünf Menschen aus dem Kanton Solothurn getroffen, die in ganz unterschiedlichen Gebieten tätig sind. Eines haben sie derzeit gemeinsam: Die Einschränkungen aufgrund des Corona-Virus stellen ihren Alltag total auf den Kopf. Ob gewollt oder nicht.

Die Kita-Leiterin: «Wir stehen vor grosser Ungewissheit»

Ab heute dürfen auch Kindertagesstätten im Kanton nicht mehr geöffnet haben. Es sei denn, sie bieten eine Notfallbetreuung an. Marlies Murbach erlebt diese Umstellung gleich von zwei Seiten. Einerseits führt sie die Kita «Seepfärdli» in Däniken. Gleichzeitig ist sie auch Präsidentin des kantonalen Verbandes der Kindertagesstätten. «Wir stehen vor grosser Ungewissheit», so Murbach über Betriebe und Mitarbeitende. In der Kita in Däniken hat man bereits gestern nur noch in Notfällen betreut, konkret acht Kinder von Spital- oder Polizei-Mitarbeitenden. Gestern erhielten die Kitas die Auflagen, nicht mehr als fünf Kinder gleichzeitig zu betreuen. Das führt zu grossen Sorgen. Denn: Die Notfallbetreuung kann man zwar verrechnen – Kitas nehmen dadurch aber viel weniger ein als im normalen Betrieb. Laut Murbach leben viele Kitas von Monat zu Monat. Können sie über längere Zeit keine Rechnung mehr stellen, können sie auch keine Löhne mehr zahlen.

Zudem: «Wir wollen mit unserem Betreuungsangebot Eltern möglichst gut unterstützen, müssen gleichzeitig Kurzarbeit anmelden und reduziert arbeiten – das ist ein Widerspruch.» Auch ist den, oft gemeinnützigen, Betrieben nicht klar, ob und wie genau sie Kurzarbeit anmelden können.

Der Verband fordert nun finanzielle Unterstützung vom Kanton - der sich im Gegensatz zu anderen über das Wochenende zur Schliessung der Kitas entschieden hat. Denn, dessen ist sich Murbach sicher: «Wenn die Wirtschaft wieder anläuft, braucht es uns.» Bei der derzeitigen Lage drohe aber so einigen Betrieben das Aus. In Däniken wird derzeit noch gearbeitet, Mitarbeitende kommen und gehen, je nach vorhandener Arbeitslast. Auch wenn sie keine Gewissheit darüber haben, ob sie noch Lohn dafür erhalten. (nka)

Direktorin Stadtschulen Solothurn

Irene Schori

Direktorin Stadtschulen Solothurn

Die Schuldirektorin: Es ist eine grosse Solidarität zu spüren

Die Telefonleitungen der Schulen im Kanton liessen am Montagmorgen kaum jemanden durch. Ihre Überlastung stand sinnbildlich für die der Lehrpersonen, die nun wegen der Schliessung der Schulen ein alternatives Programm für ihre Schüler aus dem Boden stampfen müssen. «Alle Leitungs- und Lehrpersonen sind von der Entwicklung und den Massnahmen stark betroffen», sagt Irène Schori, Direktorin der Solothurner Stadtschulen. «Es ist eine grosse Solidarität und Anteilnahme zu spüren.» Die Massnahmen des Bundes treffen in der Stadt Solothurn rund 1400 Schülerinnen und Schüler sowie insgesamt 70 Klassen. Das sind ebenso viele Elternpaare, die wissen wollen, wie es nun weitergeht. «Die Fragen der Eltern gingen eher in organisatorische Richtung», sagt Schori. So hätten beispielsweise viele wissen wollen, ob die Elterngespräche stattfinden oder wie und wann die Kinder ihr Unterrichtsmaterial abholen können.

Heute würden die Eltern auch darüber informiert, dass die Tagesschule geschlossen wird. «Sie sollen sich bei Betreuungsbedarf in einer Notlage umgehend bei uns melden», sagt die Schuldirektorin. In diesen Fällen stelle die Schule ein Notangebot bereit. Wie sich der Schulbeterieb in Zukunft gestalten könnte und wie sich die aktuelle Situation darauf auswirken könnte, sei auch bereits Diskussionsthema gewesen. «Wir haben Szenarien im Kopf, konzentrieren uns jedoch mit vereinten Kräften auf die aktuelle Situation.»

Die Eltern würden laufend über die Situation informiert werden. «Die ausserordentliche Situation meistern wir gemeinsam vertrauensvoll. » (gue)

Freie Tänzerin Solothurn

Alanah Mörgeli

Freie Tänzerin Solothurn

Die Tänzerin: «Not macht erfinderisch»

Freischaffende Tänzerinnen und Tänzer sind meistens nicht auf Rosen gebettet, das Corona-Virus macht ihnen das Leben aber noch schwerer. Das spürt auch Alanah Mörgeli. Die 25-Jährige ist freischaffende Tänzerin, und hat im letzten Dezember das Tanzstudio «AM Dance Concept» eröffnet. «Wir Freischaffenden haben ein schweres Los, alle unsere Auftritte wurden abgesagt», erzählt Mörgeli bei einem Besuch in ihrem Studio nahe der Solothurner Altstadt. Sie selber musste aus Sicherheitsgründen ebenfalls alle ihre Tanzlektionen absagen, damit fallen fast sämtliche Einnahmen weg. Keine leichte Situation für die Unternehmerin: «Ich habe ein grosses Studio, diese Miete muss ich irgendwie bezahlen können», erzählt sie. Aber: «Not macht bekanntlich erfinderisch».

Statt für Tanzkurse wird sie die Tür zu ihrem Tanzstudio in den nächsten Wochen tagsüber für Kinder öffnen, die nicht von ihren Eltern betreut werden können. Musik, Spiel und Tanz stehen laut Mörgeli im Zentrum der Betreuung, aber auch Hilfe bei den Hausaufgaben. Mit der Kinderbetreuung möchte sie sich für die nächsten Wochen einerseits immerhin ein kleines Einkommen sichern, andererseits sieht sie sich auch in der Verantwortung: «Wenn ich schon Platz bieten kann, damit Kinder sich austoben können, dann sollen die Kinder das auch nutzen», sagt Mörgeli.

Für die Kinderbetreuung berechnet sie ungefähr so viel, wie die Betreuung bei einer Tagesmutter kostet. Persönlich macht Mörgeli die Krise rund um das Corona-Virus zu schaffen. «Es ist das erste Mal, dass ich mir wirklich Sorgen um meine Existenz machen muss», erzählt sie. Trotzdem versuche sie, das Positive an der Krise zu erkennen: «Ich finde es schön, dass viele Menschen einander unterstützen und im Alltag helfen wollen.» Auch ihr Angebot für die Kinderbetreuung sei bei den Meisten gut angekommen: «Viele Leute fanden es eine gute Idee, das hat mich gerührt», sagt sie. Für die nächsten Wochen wünscht sie sich vor allem Eines: «Ich hoffe, dass bald alles vorbei ist und dass das Leben bald wieder weitergeht.» (rba)

Die Freiwillige: «Egoismus ist fehl am Platz»

Den Menschen helfen, die in diesen Tagen am meisten gefährdet sind. Das ist das Ziel von Sonja Leist aus Subingen. Leist hat sich freiwillig gemeldet, um Personen, die einer Risikogruppe angehören, zu unterstützen. Um für sie einzukaufen etwa oder kleine Botengänge zu erledigen. Dies tut sie im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, welche die Gemeinde Subingen am Freitag ins Leben gerufen hat. In einem Flyer mahnt die Gemeinde die Seniorinnen und Senioren daran, die Anweisungen des Bundes zu befolgen und den Kontakt zu Mitmenschen zu meiden. Gleichzeitig ruft sie zu Solidarität zwischen den Nachbarn auf und bitten die Bevölkerung, die Seniorinnen und Senioren in der Gemeinde zu unterstützen.

«Für mich war sofort klar, dass ich helfen will», erzählt die Schulsekretärin in ihrem Büro im Primarschulhaus in Subingen. «In der jetzigen Situation ist die Hilfe von allen gefragt, die eine Möglichkeit zur Hilfe sehen. Egoismus ist fehl am Platz», meint Leist. «Gerade weil wir nicht wissen was kommt, müssen wir einander unterstützen.» Leist ist zusammen mit drei weiteren Helferinnen an den Wochenenden im Einsatz. Wenn die Büros der Gemeindeverwaltung geschlossen sind, dann können sich Angehörige von Risikogruppen bei ihnen melden. Bisher wurde die Hilfe von Leist und den anderen Freiwilligen aus Subingen noch nicht in Anspruch genommen. «Ich kann mir aber vorstellen, dass sich das in den nächsten Tagen ändern wird», sagt Leist.

Viele Leute hätten zwar noch Vorräte daheim. «Aber je länger die Betroffenen isoliert sind, desto mehr brauchen sie unsere Unterstützung.» Insgesamt sind in Subingen rund 40 Helferinnen und Helfer einsatzbereit. Sie zu finden war laut Sonja Leist eine einfache Aufgabe. «Viele haben sich bei mir direkt gemeldet, noch mehr auf der Gemeindeverwaltung.» Die Welle an Solidarität habe sie berührt, erzählt Leist. «Ich glaube, das ist das Schöne im Elend. Es greift eine Solidarität, die wir sonst im normalen Alltag nicht spüren», so Leist.

Angst spüre sie in diesen Tagen nicht unbedingt, erklärt Sonja Leist. «Ich mache mir aber viele Gedanken und bin im Alltag sehr bewusst unterwegs.» (rba)

Zivilschützer Solothurn

Mirco Blumenthal

Zivilschützer Solothurn

Der Zivilschützer: «Und plötzlich gilt es ernst»

Der Zivilschützer Eingang zur Notfallstation vor dem Solothurner Bürgerspital. Eine Ambulanz fährt vor, Sanitäter schieben eine Person auf einem Barren durch die geöffneten Schiebetüren auf den Notfall. Vor dem Eingang stehen zwei junge Männer in Uniform. Einer davon ist Mirco Blumenthal, 31 Jahre alt, aus Solothurn. Er ist im Zivilschutz-Einsatz. Die Zivilschützer unterstützen Institutionen wie ein Spital, wenn diese an die Grenzen kommen. Konkret: Pflegepersonal und Ärzteschaft konzentrieren ihre Kräfte derzeit auf die Betreuung von Patientinnen und Patienten. «Sie haben deshalb keine Zeit, mit Besucherinnen und Besuchern zu diskutieren», erklärt Blumenthal. Denn: Seit vergangenem Freitag sind Spital-Besuche nur noch in Einzelfällen erlaubt. Und doch kommen immer wieder Menschen zum Spital, die etwa einen Verwandten besuchen möchten. Diesen Personen nehmen sich die Zivilschützer, die an den Eingängen postiert sind, an.

Dafür leisten die Zivilschützer vor den Eingängen des Spitals täglich jeweils eine 12 Stunden-Schicht. Für Blumenthal, der am Freitag mit dem Aufgebot aus seinem Alltag gerissen worden ist, ist dies selbstverständlich. Jeweils drei Tage pro Woche wird er voraussichtlich in den nächsten zwei Monaten mithelfen. Eine solche Situation hat der Solothurner, der seit über 10 Jahren im Zivilschutz tätig ist, noch nie erlebt. «Man probt, hat Routineeinsätze in Altersheimen etwa, verschiedene Theoriekurse – und plötzlich gilt es ernst.» Er wisse genau, wozu sein Einsatz diene. «Zum Schutz unser Eltern, Grosseltern – von uns allen.»

Die Tage, in welchen Blumenthal vor dem Spital steht, fehlt er an seinem Arbeitsplatz. Der Solothurner ist in einer Personalabteilung tätig. «Man muss sich organisieren», so Blumenthal. Da er beispielsweise auch für Lohnauszahlungen zuständig sei, könne er schlecht kurz vor dem 25. eines Monats als Zivilschützer arbeiten, seinen Einsatz würde er dafür klar an anderen Tagen leisten. «Jeder will, dass das schnell vorbeigeht. Dazu können wir nun alle unseren Beitrag leisten.» (nka)

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