Unsere Nachbarländer tun es alle. Und auch einige Kantone und Gemeinden sind dem Trend nicht abgeneigt. Die Rede ist vom Kunststoff-Recycling. Ein Kilogramm Kunststoff spart zwischen einem und drei Liter Erdöl. Das hört sich erst einmal gut an und fördert obendrein noch das gute Gewissen, wenigstens etwas zu einer sauberen Umwelt beizutragen.

Ein landesweites System zum Sammeln von Plastik sucht man jedoch bisher (noch) vergebens. Bis vor ein paar Wochen empfahl das Bundesamt für Umwelt (BAFU), gemischte Kunststoffabfälle nicht zu sammeln, es sei zu teuer und es gebe keine geeigneten Abnehmer. Wie das SRF berichtet, hat sich dies jedoch geändert. Laut BAFU mache das Sammeln und Wiederverwerten von Kunststoff zwar Sinn, allerdings seien einige Voraussetzungen zu beachten.

Beispielsweise müsse der ökologische Nutzen im geeigneten Verhältnis zum ökonomischen Aufwand stehen und die Finanzierung von Sammlung, Transport und Verwertung muss sichergestellt sein, da der Verkauf der zurückgewonnenen Materialien die Kosten für den Aufwand der Aufbereitung oft nicht decke. Weitere Voraussetzungen betreffen u.a. die Sauberkeit oder die Infrastruktur und Logistik der Sammelstellen. Diese Voraussetzungen scheinen jedoch längst nicht alle gegeben zu sein.

Die Organisation Kommunale Infrastruktur (OKI) und Swissrecycling empfehlen den Gemeinden von einer Sammlung gemischter Kunststoffe abzusehen. Der Nutzen sei gering und die verschiedenen extra Sammel-Säcke tragen nur zur Verwirrung bei, was dazu führe, dass in Separatsammlungen immer mehr Fremdstoffe gelangen.

Schon viele Möglichkeiten

Möglichkeiten zum Sammeln und Recyceln von Kunststoff gibt es viele. PET wird seit langem von den Verkaufsstellen zurückgenommen und seit ein paar Jahren nehmen Migros und Coop auch Plastikflaschen mit Deckel, von Shampoo oder Wasch- und Reinigungsmittel etc. zurück. Dies geschieht auf Eigeninitiative der beiden Detailhandels-Riesen. Diese Separatsammlungen sind laut OKI und Swissrecycling zu begrüssen, da sie eine qualitativ hochstehende Wiederverwertung garantieren. Andere Kunststoff-Utensilien, wie Folien, Tuben, etc. landen wie gehabt im normalen Hauskehricht.

Immer mehr private Entsorgungsbetriebe unterstützen die Haushalte dennoch im Trennen von Abfall, mit Sammelsäcken, in denen jeglicher Kunststoff, solange er nicht zu allzu verschmutzt ist, gesammelt werden kann.

Die Neuenschwander AG in Lohn-Ammannsegg ist einer dieser privaten Entsorgungsbetriebe, der explizit auch Kunststoff sammelt. Seit sie damit begonnen haben im Januar 2015 sei die Nachfrage geradezu explodiert, meint Michael Kunz von der Neuenschwander AG auf Anfrage. In 38 Gemeinden in den Kantonen Bern und Solothurn kann einer ihrer Sammelsäcke für Kunststoff bezogen werden.

In sieben Gemeinden sind bis jetzt schon Sammelstellen eingerichtet worden. Wie diese Zeitung im April 2015 berichtete, hatte die Neuenschwander AG damals etwa 3000 Säcke innerhalb der ersten drei Monate zum Sammeln von Kunststoff verkauft. Heute, rund 1 ½ Jahre später sind es etwa 7300. Kontinuierlich steigt die Menge an verkauften Säcken und damit auch an gesammeltem Kunststoff.

Eine Tatsache, die auch aus den Gemeinden zu vernehmen ist. Patrick Schluep, Beauftragter der Abfallbeseitigung von der Gemeinde Nennigkofen-Lüsslingen meint zufrieden: «Das Kunststoffsammeln ist sehr beliebt und läuft sogar noch besser als zunächst gedacht».

Gesammelt werde, weil die Bevölkerung dies wünsche, aktiv sammle und deshalb ein Bedarf zur Lagerung da sei. Abgeholt werden die vollen Säcke von der Neuenschwander AG. Auch auf dem Werkhof Baseltor in Solothurn ist man sehr zufrieden mit dem Rücklauf. Auf dem Hof stehe eine grosse Pressmulde, die etwa zwei Mal im Monat geleert werde, wie der Werkhofchef Patrick Schärer erklärt. Im Schnitt kommen so etwa 1500-2000 kg zusammen.

Das ist relativ viel wenn man bedenkt, dass die Kunststoff-Teile selbst oft vor allem Volumen aber kaum Gewicht haben. Weshalb Solothurn Kunststoff sammle, erklärt Schärer damit, dass es eine gute Sache sei und es sie als Werkhof nichts koste. Die Sammelsäcke würden die Benutzer bei den Poststellen beziehen und abgeholt werde alles von der Neuenschwander AG. Sie stellten lediglich den Platz zur Verfügung.

Dass sie ein Bedürfnis der Bevölkerung abholen, spürt Michael Kunz von der Neuenschwander AG tagtäglich. «Zu Beginn dieses Projektes bekamen wir Mails und Telefonanrufe von Menschen, die sich das Ganze noch nicht recht vorstellen konnten. Leute kamen auf den Hof um zu sehen, was genau da passieren würde», meint Kunz. Heute seien die Besuche seltener, dafür halte er jetzt an Umwelt-Anlässen Vorträge über ihre Arbeit.

Die Neuenschwander AG ist nur ein Teil der Reise vom alten zum neuen Kunststoff. Denn sie sammelt den Kunststoff nur und gibt ihn dann der InnoRecycling AG aus Eschlikon TG weiter, die für das Recycling verantwortlich ist. 2015 wurde diese für ihr Engagement mit dem Schweizer Ethikpreis ausgezeichnet.

 

Die InnoRecycling AG vertreibt den Kunststoffsammelsack, der unter anderem bei der Neuenschwander AG bezogen werden kann und das Sammeln von Plastik erleichtert. Er ist in vielen Gemeinden in der ganzen Deutschschweiz erhältlich und wird meist an Sammelplätzen wie jenem in Lohn-Ammannsegg bei der Neuenschwander AG oder Ähnlichen abgegeben.

Neben dem «Sammelsack» gibt es auch den «Kunststoffsammelsack». 2012 in Uri lanciert, wurde im Juni 2016 daraus die Kunststoffsammelsack Schweiz GmbH. Auch diese Säcke sind im Kanton Solothurn in einigen Gemeinden erhältlich, beziehungsweise können an verschiedenen Stellen wie zum Beispiel im Werkhof Olten oder in der ab dem 22. Oktober neueröffneten Filiale der Transport AG in Däniken-Niederamt, der «entsorgBar», abgegeben werden.

Auf die Frage hin, ob es sich bei den beiden Anbietern um eine grosse Konkurrenz handle, meint Michael Kunz: «Auf keinen Fall.» Es sei gut, wenn es mehrere Anbieter im Bereich des Kunststoffsammelns gebe. Zum einen können so mehr Gemeinden abgedeckt werden und zum anderen belebe Konkurrenz ja auch das Geschäft. Im Grunde gehe es ja einfach um eine ökologischere Art und Weise den Kunststoff wiederzuverwerten.

Offen für Recycling – aber nur unter einigen Bedingungen

Nicht alle springen auf den Trendzug auf. Grenchen beispielsweise hat keinen extra Sammelplatz für Kunststoff. Auf Anfrage meint der Administrative Sachbearbeiter Tiefbau, Grenchen Jakob Bräker: «Das Thema Kunststoff-Sammeln sei praktisch an allen Veranstaltungen zum Thema Abfallsammlungen auf dem Tisch.

Gestützt auf die Empfehlung von OKI nehme die Stadt Grenchen an der Multisammelstelle keine separaten Kunststoffe entgegen. Dies weil beim Sammelsack nur ein ganz kleiner Teil der Kunststoffe wiederverwertet werden könne.» Sobald sich jedoch zusätzliche sinnvolle Verwertungen von «Abfällen» ergeben würden, würde eine Entgegennahme sofort geprüft und eingeführt werden.

Zu den Gegnern des Kunststoff-Recycelns gehörten bis anhin die Kehrichtverbrennungsanlagen. Ihnen fehle der anderweitig gesammelte Kunststoffabfall in der Verbrennung, wie das SRF schreibt. Mittlerweile, seien aber auch die Verbrennungsanlagen nicht mehr nur gegen das Recyceln. Wie das SRF festhält, sind die Müllverbrenner weitgehend gut ausgelastet, auch wenn der Kunststoff weniger wird. Zurückzuführen ist dies auf immer weiter wachsende Müllberge.

Auch die hiesige Kehrichtverbrennungsanlage, die KEBAG in Zuchwil spürt im Moment noch nichts von den fehlenden Kunststoff Mengen. «Der Trend zum Kunststoff-Sammeln ist sicher nicht zu ignorieren, macht aber für uns noch keinen Unterschied», meint Markus Juchli, Direktor der KEBAG, auf Anfrage. «Wenn das Sammeln von Kunststoff Sinn macht, sträuben wir uns sicher nicht dagegen». Im Moment aber wisse man noch nicht, wie viel vom Kunststoff tatsächlich wiederverwendet werden kann, die Zahlen dazu sind nicht einheitlich und man beobachte das Ganze erst einmal.

Tatsächlich ist nicht ganz klar wie viel Kunststoff recycelt werden kann. Die Zahlen variieren stark, je nachdem welche Studie man zu Rate zieht oder wen man fragt. Hier sieht auch Juchli das Problem. Denn wenn nur ein Bruchteil des gesammelten Kunststoffes tatsächlich recycelt werden könne, wie dies nach bestimmten Studien der Fall sei, und der Rest trotzdem verbrannt werde, sei der Nutzen des extra Sammelns nicht wirklich gegeben.

Problematisch seien vor allem die Mischkunststoffe, die schwer getrennt und recycelt werden können, jedoch relativ viel vom gesammelten Kunststoff ausmachen. Wichtig sei es deshalb herauszufinden, wie gross der Nutzen von Plastik-Recycling wirklich ist. Dann könnte man entsprechend reagieren und über weitere Konsequenzen nachdenken.