Die Ankündigung von Doris Leuthard (CVP), bis spätestens Ende 2019 aus der Landesregierung zurückzutreten, hat diese Woche unter dem Trommelfeuer der Medien etwas Betriebsamkeit auf die von Ferienstimmung geprägte Politbühne gebracht. Eine richtige Erschütterung fand jedoch nicht statt, weil man mit einem Rücktritt des amtsältesten Bundesratsmitgliedes per Ende der laufenden Legislaturperiode rechnen musste.

Etwas mehr Brisanz erhält die Rücktrittsankündigung im Lichte der bevorstehenden Ersatzwahl für Didier Burkhalter (FDP) und durch offenkundig gewordene Erwartungen nach weiteren Rücktritten. Druck erzeugt wird namentlich auf die beiden ältesten Bundesratsmitglieder, den 67-jährigen Ueli Maurer von der SVP und den 65-jährigen Johann Schneider-Ammann von der FDP.

Cassis für Burkhalter

Hinsichtlich der bevorstehenden Ersatzwahl gehen die meisten Politauguren davon aus, dass der Tessiner Ignazio Cassis seinen freisinnigen Parteikollegen Burkhalter ablösen wird. Der 56-jährige Nationalrat ist Chef der FDP-Bundeshausfraktion und gilt für alle Fraktionen als valabel. Er kommt aber vor allem aus dem richtigen Kanton: dem Tessin, das seit Flavio Cotti (CVP), der von 1987 bis 1999 der Landesregierung angehörte, nie mehr ein Bundesratsmitglied stellen konnte. Dieser Sitz scheint somit vergeben zu sein.

Doch der Reigen der Vakanzen dreht sich nach der Rücktrittsankündigung von Doris Leuthard weiter. Und weil dieser auch noch Ueli Maurer und Johann Schneider-Ammann erfassen könnte, wird in den Kantonen und Parteien bereits erörtert, wer aus den eigenen Reihen infrage kommen könnte.

SO: 22 Jahre ohne Bundesrat

Wo steht der Kanton Solothurn, wenn sich das Kandidatenkarussell zu drehen beginnt? Rückblende: Bislang stellte unser Kanton sechs Bundesräte, vier Freisinnige (Josef Munzinger 1848–1855, Bernhard Hammer 1876–1890, Hermann Obrecht 1935–1940 und Walther Stampfli 1940–1947) sowie zwei Sozialdemokraten (Willi Ritschard 1974–1983 und Otto Stich 1984–1995). Letztmals wurde somit vor 33 Jahren ein Solothurner in den Bundesrat gewählt. Und Solothurn ist seit 22 Jahren nicht mehr in der Landesregierung vertreten.

Das ist eine lange Zeit, doch neben den jetzt im Bundesrat vertretenen sechs Kantone (AG, BE, FR, NE, VD, ZH) weisen nur sieben weitere Kantone eine kürzere «bundesratslose» Zeit aus: GR (2 Jahre), GE (6), AR (7), VS (8), AI (14), LU (14), TI (18). Und mit sechs bisherigen Bundesräten liegt Solothurn im interkantonalen Vergleich auf Platz 6. Mehr Bundesratsmitglieder hatten nur ZH (20), VD (15), BE (14), NE (9), TI (7). Fünf Kantone waren überhaupt noch nie in der Landesregierung vertreten: UR, SZ, NW, SH, JU. Solothurn liegt somit hinsichtlich Wartezeit im Mittelfeld und bezüglich Vertretung im vorderen Drittel aller Kantone.

Pirmin Bischof und Kurt Fluri

Zur Ausgangslage: Der Kanton Solothurn verfügt derzeit in Bern über zwei Parlamentarier, die zu den einflussreichsten Politikern gezählt werden: Ständerat Pirmin Bischof (CVP) und Nationalrat Kurt Fluri (FDP). Beim letzten «Parlamentarier-Ranking» der «SonntagsZeitung» landeten sie sogar auf den Rängen 2 (Bischof) und 7 (Fluri). Und im Ranking der besten Bundesratskandidaturen für den abtretenden Didier Burkhalter setzte die «SonntagsZeitung» Kurt Fluri gar auf Platz eins.

Dazu befragt meinte Fluri trocken: «Das ehrt mich. Doch in Sachen Bundesrat ist jetzt der Kanton Tessin dran.» Somit ist Kurt Fluri, der durchaus Bundesratsformat hat, aus dem Spiel – wohl auch für weitere Vakanzen. Denn der 62-jährige Nationalrat Kurt Fluri wird nach der soeben erkämpften Wiederwahl als Stadtpräsident von Solothurn kaum Ambitionen für einen Neueinstieg in ein höheres Exekutivamt haben.

Mehrfachvakanz wäre von Vorteil

Bundesratsambitionen werden hingegen Pirmin Bischof nachgesagt. Auch er hätte das Format zum Bundesrat. Kommt für ihn der Rücktritt seiner Parteikollegin Doris Leuthard zum richtigen Zeitpunkt? Jein. Im Hinblick auf das Alter liegt der Rücktritt nicht schlecht, denn Bischof ist 58 und kann nicht mehr länger warten. Nicht ideal wäre für Bischof, wenn es nach dem vorhergesagten Ersatz von Didier Burkhalter durch Ignazio Cassis zu einer weiteren isolierten Ersatzwahl für Doris Leuthard käme. Der Druck auf die CVP und das Bundesparlament, eine Frau zu wählen, würde enorm.

Vorteilhafter wäre, wenn es mit Ueli Maurer und/oder Johann Schneider-Ammann zu einer Zweier- oder Dreiervakanz käme. Dadurch könnte die Frage der Frauenkandidaturen breiter angegangen werden. Deshalb müssen der Kanton Solothurn, die kantonale CVP und Pirmin Bischof auf eine Mehrfachvakanz hoffen. Oder anders ausgedrückt: Ihnen kann es gleich sein, wenn Druck auf Maurer und Schneider-Ammann ausgeübt wird.

So oder so: Der Kanton Solothurn spielt beim Bundesratspoker mit. Pirmin Bischof zählt als ausgewiesener Mittepolitiker und Wirtschaftsfachmann in Bern für die Nachfolge von Doris Leuthard in jedem Fall zum engen Favoritenkreis – nicht nur bei der CVP.

beat.nuetzi@schweizamwochenende.ch