Es ist ein Jahr her, da stand Regierungsrat Roland Fürst in den Werkhallen des Bellacher Busbauers Hess und brachte eine gute Nachricht mit. Eine Nachricht, die die Teilnehmer des dort stattfindenden CVP-Wirtschaftsapéros begeistert aufgenommen haben: Der Kanton Solothurn wolle in einem Pilotprojekt eine Elektrobus-Linie testen, verkündete Fürst. Mit Bussen, wie sie auch das Familienunternehmen Hess in seiner Produktepalette hat. Elektrobusse, die die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs prägen sollen.

Nun ist ein Jahr vorbei. Und Fürsts Ankündigung, bereits im Frühling das Geschäft in den Kantonsrat zu bringen, erwies sich als zu optimistisch. Vom Vorhaben war seither offiziell nicht mehr viel zu erfahren.

Dem Ziel «näher gekommen»

In der Schublade verschwunden ist das Projekt allerdings nicht, wie Ludwig Dünbier, Abteilungsleiter öffentlicher Verkehr beim Kanton, versichert. «Wir sind dran und gehen davon aus, dass das Projekt kommt. Es ist nur nicht ganz so einfach wie wir uns dies vorgestellt haben.» Man sei der Lösung aber «näher gekommen», so Dünbier.

Eine Linie schien für das Pilotprojekt bereits ausgewählt zu sein. Favorisiert worden war die Linie 1 des Busbetriebes Solothurn und Umgebung (BSU). Sie führt von Recherswil nach Oberdorf und weist eine grosse Steigung auf. Doch dann ergab sich ein Problem: An den Endhaltestellen muss der Bus aufgeladen werden, was Zeit benötigt. Doch die Linie hat bereits heute oft Verspätungen. Würde nun an den Endpunkten noch Zeit zum Laden benötigt, könnte sich dies weiter negativ auswirken. «Bei der Linie 1 war die Zeit an der Endstation sehr knapp», sagt denn auch Ludwig Dünbier. Nun ist offenbar die Linie 4 vom Sportzentrum Zuchwil nach Rüttenen in den Fokus der Planer gerückt.

Erfahrungen gewinnen

Als «relativ weit fortgeschritten» bezeichnet auch Ulrich Bucher, Verwaltungsratspräsident des Busbetriebes Solothurn und Umgebung (BSU), das Projekt. Er geht davon aus, dass «in absehbarer Zeit» die Vorlage für den Kantonsrat reif sein könnte; möglicherweise bereits im nächsten Halbjahr.

«Für uns ist wichtig, genau festzustellen, wo ein Einsatz möglich ist und wo nicht», erklärt Bucher. Herausfinden will man mittels des Pilotprojektes, wie sich die Elektrobusse im Alltag bewähren und wie gut das System funktioniert. Interessiert ist man auch Details zum Energieverbrauch und zur Batterie. «Man vergisst, dass ein grosser Teil der Energie für Nebenaggregate verwendet wird», so Bucher. Denn die Passagiere wollen weder auf die Klimaanlage noch auf die Heizung verzichten. Motorenabwärme aber könne man anders als beim Diesel nicht verwenden. Der BSU verpflichte sich, so Bucher, dass die Daten aus dem Versuchsprojekt auch für andere Betriebe zur Verfügung gestellt werden.

«Die Zukunft geht Richtung Elektromobilität», ist Bucher vom Projekt überzeugt. Er vermutet derzeit allenfalls einen Nachteil: «Man büsst Flexibilität ein, weil es die Ladeinfrastruktur benötigt.»

Über die Höhe der Projektkosten sind derzeit noch keine Angaben erhältlich. Klar ist: Der Kanton wird die Mehrkosten tragen müssen. Dies hatte im Sommer bereits der Solothurner Stadtschreiber und BSU-Verwaltungsrat Hansjörg Boll in einer Vorstossantwort im Solothurner Gemeinderat betont, als die Grünen mehr Elektromobilität im Solothurner öV forderten: Nur wenn der Kanton bereits sei, «die ökologischen Fortschritte mit höheren Abgeltungen zu entschädigen», könne der BSU umweltschonendere Technologien einsetzen. Sonst könnte der Busbetrieb aufgrund von «höheren Fahrzeugkosten von Elektrobussen» bei einer erneuten Submission der Linien den Zuschlag verlieren, da andere Anbieter mit Dieselfahrzeugen günstiger seien.

Weltneuheit in Genf: Elektrobusse mit Schnellladefunktion

Weltneuheit in Genf: Elektrobusse mit Schnellladefunktion

Dezember 2017: Im Kanton Genf sind elektrische Gelenkbusse – die weltweit ersten ihrer Art » in Betrieb genommen worden. Sie laden sich an ausgewählten Haltestellen innerhalb von 20 Sekunden auf, während die Passagiere ein- und aussteigen. Die neuen Busse zeichnen sich durch ein innovatives Antriebssystem aus, wie die ABB am Dienstag mitteilte. Der Strom für den Elektroantrieb stammt aus einer Batterie, so dass keine Oberleitungen mehr nötig sind.

Ausschreibung nötig

Sicher ist: Das Geschäft wird, auch wenn die Carrosserie Hess nahe liegt, öffentlich ausgeschrieben werden müssen. Der BSU werde nicht die Busse, sondern das System ausschreiben, sagt Ulrich Bucher. Dazu gehöre auch, dass die Interventionszeiten bei Pannen gering sei. «Unsere Garage kann dies nicht einfach so machen.» Auf Elektromobilität sei man dort nicht spezialisiert.

Bern ist voraus

Solothurn kommt mit dem Pilotprojekt inzwischen allerdings etwas spät: Bereits diese Woche wird in Bern eine neue Elektrobuslinie mit Hess-Bussen regulär in Betrieb genommen (vgl. Kasten oben). Und in Genf fahren ebenfalls bereits Hess-Busse mit elektrischem Antriebssystem.

Allerdings dürfte das Projekt regional doch wichtig sein: Alex Naef, Chef der Carrosserie Hess AG, ist überzeugt, dass sich die Busbetriebe, auch in Grenchen, Solothurn oder Olten, in den kommenden Jahren mit der Elektrotechnologie auseinandersetzen müssen. Dies sagte Naef kürzlich am Innovationsfrühstück der regionalen Standortförderung Espace Solothurn. Vorteile sieht Naef im Bereich Klima oder Lärm. Eine Herausforderung sei heute das Gewicht und der Platzbedarf der Batterien. Rund 50 Prozent der Energie werden für die Komfortsysteme benötigt. «Wir wollen Fahrgäste transportieren und nicht Batterien», so Buspionier Naef.