Brieffreundschaft

Peter Schmuki und sein Freund in der Todeszelle

Peter Schmuki kämpft gegen die Todesstrafe.

Peter Schmuki kämpft gegen die Todesstrafe.

Der eine arbeitet in einer Schweizer Strafanstalt, der andere sitzt in einer amerikanischen Todeszelle und wartet auf die Hinrichtung. Der Schweizer Peter Schmuki pflegt eine ungewöhnliche Brieffreundschaft.

Immer, wenn sich das Gespräch um Rays Hinrichtung dreht, wird Peter unruhig. Dann reiht er die vor ihm liegenden Briefe seines Freundes sorgfältig aufeinander und senkt seinen Blick. Der Gedanke, Ray sterben zu sehen, löse in ihm Angst aus, sagt er dann. Ob er der Situation gewachsen ist, diese Frage kann Peter nicht beantworten. Ray, sein Brieffreund seit sieben Jahren, angebunden auf einem kleinen Klappbett, mit der Giftspritze vor Augen ...

Dieser Gedanke lässt Peter leer schlucken. Er holt tief Luft. «In diesem Moment dürfen meine Emotionen keine Rolle spielen.» Er werde reagieren, wie die Männer seiner Generation halt reagieren. «Pflicht erledigen und sich später um die eigenen Gefühle kümmern.» Einfach so? Peter seufzt. Klar habe er Angst vor dieser Prüfung. Wieder holt er Luft, erhöht die Tonlage seiner Stimme. Über den Tisch gebeugt, reisst er seine Augenbrauen hoch: «Hallo? Zu sehen wie ein Mensch, ein Freund, mein Freund von einer technokratischen Organisation abgemurkst wird ...» Peter bleibt der Rest des Satzes im Hals stecken. Er hält einen Moment inne. «Zurzeit sieht es so günstig aus wie schon lange nicht mehr. Vielleicht muss Ray doch nicht sterben», beruhigt sich Peter selber.

Ray: Vergewaltiger, Mörder, Autofan, Grossvater

Ray, 57 Jahre alt. Ehemann; Vater zweier erwachsener Kinder; Grossvater. Zu drei Vierteln «Native American»; Indianer. Ray ist Autofan. Ray liebt die Natur. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, kümmerte sich dort ums Vieh, arbeitete auf einem Ölfeld, fuhr mit Pick ups herum und hatte eine Leidenschaft fürs Jagen. Heute gehören Bücher über diese Dinge zu seinen täglichen Höhepunkten. Die Aktivitäten, die früher sein Lebensinhalt waren, kennt er nur noch aus seiner Erinnerung. Sein Alltag in einem Gefängnis in Jackson im US-Bundesstaat Georgia ist geprägt von Einsamkeit, Eintönigkeit, Gewalt.

Seit Juli 1991 wartet Ray auf den Tag seiner Hinrichtung. Er hat mehrere Frauen vergewaltigt. Seinem letzten Opfer hat er nach vergangener Tat Papiernastücher in den Rachen gestopft. Die 23-jährige Nikia war im fünften Monat schwanger und wurde am 17. August 1989 von Ray ermordet - so die offizielle Version des amerikanischen Staates. Ray behauptet anderes. Seit Jahren versucht er, mit Eingaben, seine Hinrichtung zu verhindern. Der Prozess Ray vs. The State läuft darum bereits seit über 20 Jahren. Egal wer zuletzt recht hat oder wie sich die Situation mit der Todesstrafe in Amerika entwickelt; Ray wird nie mehr auch nur eine Sekunde in Freiheit verbringen.

Peter: Grossvater, Autofan, Gegner der Todesstrafe

Peter, 64 Jahre alt. Ehemann; Vater zweier erwachsener Kinder; Grossvater. Auch Peter ist Autofan. Er geniesst gute Krimis und er reist gerne. Südfrankreich, Schweden, Dubai. Peter lebt mit seiner Frau in Oberdorf und arbeitet im Massnahmenzentrum St. Johannsen in Le Landeron BE. Täglich hat er mit psychisch kranken Straftätern zu tun, Vergewaltigern, Mördern. Er ist Verfechter von Resozialisierungsprogrammen - Gegner der Todesstrafe. Das Beispiel Amerika (noch immer droht in 32 von 50 Staaten der Tod durch die Giftspritze) bezeichnet er als «unglaublich unzivilisierte Art staatlicher Intervention eines demokratischen Landes.»

Schon vor Jahren hatte sich Peter darum entschieden, dagegen zu protestieren, gegen die «unmenschlichen Haftbedingungen der Todeszelleninsassen» zu demonstrieren. Er will ihnen zeigen: «Für mich seid Ihr auch Menschen. Keine Unschuldslämmer, im Gegenteil, aber immer noch Menschen.» Während der Suche nach der geeigneten Protestart ist er so vor rund sieben Jahren auf die Organisation Lifespark gestossen (siehe Box). So lernte Peter Ray kennen - und Ray Peter.

Sorgfältig legt Peter den Brief zur Seite. Ohne aufzublicken, packt er ihn gleich wieder ins Couvert. Eben noch hatte er daraus vorgelesen; in Georgia gaben sie bereits Anfang April die ersten Tornadowarnungen heraus. «Wir sprechen über Alltägliches», sagt Peter. Ray erzählt in seinen Briefen viel von seiner Familie und wie sie ihn besuchen kommen. Dies, obwohl sie in einem anderen Bundesstaat leben und kaum Geld fürs Benzin zusammenbekommen. «Familienbesuche sind die Höhepunkte seines Lebens», sagt Peter nachdenklich. Die beiden Männer sprechen übers Wetter, über ihre Familien, über Oldtimer-Autos, eine Leidenschaft, die sie teilen; doch sprechen sie kaum über Rays brutale Vergangenheit. «Das ist untypisch, ich weiss», sagt Peter, als hätte er die Frage erwartet. Er habe Ray stets signalisiert, dass er mit ihm darüber reden könne, gleichzeitig aber auch zeigen wollen, dass das Delikt für ihn nicht im Mittelpunkt stehe.

«Für mich ist die Beziehung wichtig», sagt Peter. Ray wiederum spricht das Thema zwar an, oft aber nur auf einer juristischen Ebene. Im Gefängnis sind nämlich Gesetzestexte erlaubt: Ray ist nach 20 Jahren Lektüre gewiefter Hobby-Jurist. «Er sagt dann einfach, es sieht so und so aus, es wird so und so beurteilt, und die Chancen stehen so und so.» Peter macht eine Pause und wiederholt: «Unabhängig von seinen Taten ... ich finde die Situation, in der er leben muss, absolut inhuman.» Das Delikt und die Verwerflichkeit des Delikts sei dann aber vor allem mit seinem religiösen Begleiter, der ihn seit 20 Jahren besuche, ein Thema. «Mit ihm führt er eine seelsorgerische Beziehung.»

Peter sieht aber auch die Art Freundschaft, die er und Ray führen, als Grund, nicht über die Vergangenheit zu reden. Zwar seien sie offen, trotzdem aber halt auch «etwas ältere verklemmte Männer, die über gewisse Dinge weniger sprechen und sehr emotionale Themen auslassen.» Peter pausiert. Seine Stirn legt er in Falten. Ein anderes Terrain, das er nicht mit Ray betrete, sei das Thema Sexualität. «Das hat dann wohl wieder mit Rays Vergangenheit zu tun.» Komplett abgeblockt wird das Thema dann aber doch nicht. Eines Tages fragte Peter Ray nämlich, was für Zeitungen und Magazine sie im Gefängnis lesen dürfen. Ray antwortete, dass leider der «Playboy» inzwischen verboten sei. «Wahrscheinlich, weil es moralisch verwerflich ist», sinniert Peter mit einem zynischen Unterton in der Stimme. Diese Stimmlage benutzt er oft, wenn er versucht aufzuzeigen, wie willkürlich in seinen Augen das amerikanische Justizsystem funktioniert. «Ich finde den ‹Playboy› auch ein Scheissblatt, aber hey, hallo, der Typ sitzt im Knast.» Peter sagt, dass er damals richtig wütend geworden sei. «Man will sie ja alle umbringen, weil sie angeblich nicht resozialisierbar sind und dann verbieten sie ihnen trotzdem solche Magazine ...»

«Dear Peter...»

Den ersten Brief an Ray schrieb Peter vor ungefähr sieben Jahren. Darin erwähnte er die Organisation Lifespark, stellte sich, sowie seine Familie vor und signalisierte, dass er an einer Brieffreundschaft interessiert wäre. Zudem erwähnte er, dass er selbst im Strafvollzug arbeitet, und fragte Ray, ob das für ihn okay sei. Peter zuckt mit seinen Schultern. «Ich hätte vollstes Verständnis gehabt, hätte er mit so einem wie mir nichts zu tun haben wollen!» In seinem ersten Brief hat Peter auch beschrieben, wie er sich eine solche Brieffreundschaft ungefähr vorstellt, und machte damals auch schon klar, dass für ihn die Straftat nebensächlich sei. «Der einzige Grund, die Brieffreundschaft mit Ray nicht zu führen, wäre gewesen, wenn er seine Taten verherrlicht hätte.»


«Dear Peter - lieber Peter ...» Etwa dreieinhalb Wochen nach Kontaktaufnahme erhielt Peter den ersten Brief von Ray. Darin schrieb der damals 50-jährige, dass er mit den Bedingungen einverstanden sei, und begann so, von sich zu erzählen. Er teilte seinem neuen Brieffreund verschiedene Links mit, machte kein Geheimnis aus seiner Vergangenheit. Denn die Links führten Peter direkt zu Homepages, wo die Taten von Ray detailliert beschrieben sind. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste Peter nichts darüber. «Ich wollte ihn im Voraus nicht googeln. Ich sagte mir, er ist so, wie er ist.» Seine Reaktion auf Rays Taten beschreibt Peter selbst wieder «als wahrscheinlich untypisch». Wegen der Profession halt, so der 64-Jährige. «Klar, sein Fall ist nochmals happiger als alles Bisherige in meinem Leben. Trotzdem war meine Reaktion zurückhaltend.»
Peter greift zu seinem iPhone. Er öffnet den Safari-Browser und gibt auf Google Rays Namen ein.

Sofort liefert die Suchmaschine eine Liste von Einträgen zu Rays Vergangenheit. Neben Polizeifotos und Rapporte seiner Festnahme findet sich auf einer Website mit dem fragwürdigen Namen «Murderpedia» auch Rays schriftliches Todesurteil. Google listet des Weiteren eine Facebook-Gruppe auf, die sich mit Mördern im Todestrakt befasst - auch mit Ray. Die hasserfüllten Kommentare lassen einen erschauern. Peter blickt vom iPhone auf und schaut sein Gegenüber nachdenklich an. Noch am gleichen Abend folgt eine E-Mail: «Mir wäre es lieber, wenn sie nicht den ganzen Namen meines Brieffreundes in der Zeitung verwenden würden ...».

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