Abgewählt. Es gäbe viele Themen, über die Peter Brügger bei einem Kaffee wohl lieber sprechen würde. Er fühle sich gerade wie ein Kind, das eine Ohrfeige erhalten hat, «aber nicht weiss, warum», gibt der 58-jährige FDP-Mann zu. Am Sonntag kippte das Volk den Bauernsekretär knapp aus dem Kantonsrat. An seiner Stelle zog Ypsomed-CEO Simon Michel ein.

Brügger kommt etwas verspätet, die Agenda des velofahrenden Bauernsekretärs ist durchgetaktet. Natürlich wusste er, dass Wahlen unberechenbar sind, dass unglückliche Umstände jeden, sogar verdiente Politiker treffen können. Schon 2005, als der Kantonsrat von 144 auf 100 verkleinert wurde, musste er nach einem Senkrechtstart 2001 pausieren. «Aber wenn es erneut Realität wird, ist es nochmals anders», sagt Brügger. Das Volksverdikt trifft ihn umso mehr, hatte er doch das Gefühl, in den vergangenen Jahren «gute Arbeit geleistet zu haben».

Tatsächlich: Peter Brügger war kein Hinterbänkler. «Ich habe gerne politisiert», sagt er. Viele Vorstösse der FDP-Fraktion kamen aus seiner Feder. Als Präsident der Geschäftsprüfungskommission war er gar einer der einflussreichsten Parlamentarier. Und jetzt, von einer Sekunde auf die andere ist er «nur» noch erster Ersatz. Abrupt haben die Wähler Peter Brüggers Politkarriere beendet. Und das bei einem Mann, dessen Arbeit reihum in allen anderen Fraktionen angesehen war. Wie er mit der Geschäftsprüfungskommission die Sünden der Solothurner Regierung in Sachen Steuerdatenscanning und Submissionswesen aufarbeitete, nötigte auch dem politischen Gegner Respekt ab.

Von «staatsmännischer Kommissionsführung», sprach SVP-Regierungsratskandidat Manfred Küng, für Lob sonst nicht gerade bekannt. Schon zuvor war Brügger als dossierfester Präsident der Sozial- und Gesundheitskommission aufgefallen. Und noch letzten August galt Brügger vielen als überaus valabler Regierungsratskandidat. Nur seine Partei bevorzugte eine andere.

Dank Geld in den Kantonsrat?

«Natürlich macht man sich Gedanken zu den Gründen», sagt Brügger beim Kaffee. Seine Heimat, der Leberberg, ist kein einfaches Pflaster: Die Zentren Solothurn-Feldbrunnen und Grenchen-Bettlach bringen stimmenstarke Kandidaten hervor. Wer aus den kleinen Landdörfern des Unterleberbergs oder aus Langendorf kommt, hatte es in der Amtei immer schwerer.

Und dann haben zwei Schwergewichte die Kräfteverhältnisse in der Amtei ausgehebelt. Die beiden Unternehmer Simon Michel (FDP) und Josef Maushart (CVP) haben dank gutem Ruf, aber auch mit viel finanziellem Aufwand den Einzug geschafft. Die verheissungsvoll gefeierte Rückkehr der Patrons in die Politik sieht Brügger kritisch. «Von einzelnen Kandidaten wurde unverhältnismässig geklotzt», blickt er skeptisch zurück. «Mit Geld kann man offenbar relativ viel erreichen. Das befremdet mich als Staatsbürger.» Brügger stört sich, wenn er Kandidaten mehr auf Inseraten als an gemeinsamen Wahlkampfveranstaltungen sieht. Denn Politik funktioniere nur im Team. Er fürchtet, dass in vier Jahren noch mehr Kandidaten einen solchen finanziellen Aufwand treiben. «Ein Normalbürger kann sich Politik dann nicht mehr leisten.»

«Am kürzeren Hebel»

Der sportliche Langendörfer hatte als Präsident der parlamentarischen Aufsichtskommission GPK viele Einblicke ins Räderwerk des Staates; in Bereiche, die sonst nicht öffentlich werden. «Das Parlament soll eine starke Rolle spielen», sagt er aus Überzeugung. Seine Bilanz nach Jahren der Parlamentsarbeit fällt nüchtern aus. «Das Parlament ist am kürzeren Hebel, um der Verwaltung die Stange zu halten.» Im Parlament sitzen Bürger, die in ihrer Freizeit Politik machen, und alle vier Jahre zu einem guten Teil wechseln. Die Regierung bleibt dagegen im Schnitt zwölf Jahre und in der Verwaltung sitzen Vollzeit-Profis, die über Jahre bleiben. «Das ist ein totales Ungleichgewicht», sagt Brügger. Denn: «Die ersten vier Jahre ist ein neuer Kantonsrat überfordert, um bei Globalbudgets mitzureden.»

Brügger hat viel Aufwand betrieben, um als Milizpolitiker mit der Verwaltung mitreden zu können. Auf ein 30-Prozent-Pensum sei er gekommen. Und dies neben seinem Mehr-als-Vollzeit-Job als Bauernsekretär. «Aber auch mit 30 Prozent Einsatz kann man bei 230 Geschäften nicht alles machen. In den Fraktionen braucht man ein Netzwerk, auf das man sich verlassen kann.»

Brügger wollte die Rolle des Parlamentes stärken: Als GPK-Präsident hat er Ämterinspektionen etabliert. Es brauche Strukturen, dass die Parlamentarier ihre Rolle wahrnehmen können, sagt Brügger. Kleine Erfolge konnte er erzielen, etwa dass die Kommissionsmitglieder die Globalbudgets nicht erst im Herbst erhalten, sondern früher. Wäre er wiedergewählt worden, hätte Brügger gerne Kriterien erarbeitet, damit die Effizienz der Verwaltung besser überprüft werden kann. Das Parlament kann über die Globalbudgets zwar der Verwaltung dreinreden. Aber wie effizient der Franken eingesetzt werde, könne kaum ein Parlamentarier einschätzen, sagt der Agraringenieur.

Nicht nur Bauernvertreter

Am Sonntagabend hat Peter Brügger viele schon eingetragene Polittermine aus seiner Agenda gestrichen. Ein halbes Jahr will er sich nun Zeit nehmen und überlegen, was er mit der freien Zeit am besten anstellt. Er wird jetzt mehr lesen, Spanisch nicht erst spätabends lernen. Eine längere Veloreise ist bereits geplant. Und daneben hat er noch seinen «richtigen» Job: Seit 20 Jahren ist der Langendörfer Bauernsekretär. Es sei der interessanteste Job, den er sich vorstellen kann. Dass es der schönste ist, das wagt Peter Brügger nicht zu behaupten: «Die Leute kommen mit ihren Problemen zu mir.» Er trifft auf Bauern, die vor einer ungewissen Zukunft stehen und Existenzängste haben, er handelt Scheidungskonventionen aus. «Es ist keine einfache Branche in einer nicht einfachen Zeit. Das fordert.»

Als Bauernsekretär hat er sich im Kantonsrat selbstverständlich für Standesinteressen stark gemacht. Der einstimmige Beschluss über den Neubau des Wallierhofs freut ihn noch immer. Doch der verlängerte Arm des Bauernverbandes wollte er trotzdem nie sein. Seine Politarbeit hat er in der Freizeit geleistet, nie während der Arbeitszeit. «Das ist eine Grundsatzfrage. Ich wollte immer unabhängig bleiben.»

Und dann lacht er bei der Frage, was er aus der Politik mitnehmen wird. «Ich habe gelernt, in allen Facetten zu verlieren. Das wird mir nicht fehlen.» Viele schöne Erinnerungen aber nimmt er auch mit. Dann eilt Brügger zum nächsten Termin. Aufrecht geht er.