Schweizer Flüsse sind voll mit Pestiziden. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Wasserforschungsinstituts Eawag. Dieses hat im Auftrag des Bundes die bisher umfassendste Studie zu Pestiziden in den Gewässern durchgeführt. Das Ergebnis: Alle fünf untersuchten Flüsse enthalten einen regelrechten Pestizidcocktail. 31 der gefundenen Substanzen überschritten gar den gesetzlichen Grenzwert.

Unter den fünf untersuchten Gewässern ist auch der Limpach, im Grenzgebiet des solothurnischen Bucheggbergs zum Kanton Bern. Wie Juliane Hollender, Leiterin der Eawag-Abteilung für Umweltchemie, erklärt, wurden dem Limpach von März bis Juli 2012 neun sogenannte Zweiwochenmischproben entnommen.

Dabei wurden 38 Herbizide (Unkrautbekämpfungsmittel), 22 Fungizide (Stoffe zur Verhinderung von Pilzkrankheiten) und 9 Insektizide (Mittel zur Bekämpfung von Insekten) gefunden. Die höchste Belastung wurde Anfang Juni registriert und lag bei knapp 4 Mikrogramm Gesamtbelastung pro Liter. Diese Menge Schadstoffe entspricht ungefähr einem Stück Würfelzucker in 675 000 Liter Wasser.

Kanton mit eigenen Messungen

Philipp Staufer, Leiter der Abteilung Wasser im kantonalen Amt für Umwelt (AfU), zeigt sich von den Ergebnissen der Studie wenig überrascht. Der Kanton Solothurn misst und beurteilt nämlich bereits seit mehreren Jahren auch selbst die Gewässerqualität nach ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten – Pestizide sind nur ein Teil davon.

Dies macht der Kanton in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Umwelt im Rahmen des Programms zur nationalen Beobachtung der Oberflächengewässerqualität. «Das Problem, dass Pestizide aus der Landwirtschaft, aber auch Schadstoffe aus den Siedlungen unsere Gewässer verschmutzen, ist also nicht neu», erklärt Staufer.

Die Studie liefere aber neue Erkenntnisse über die Höhe der Konzentration der Stoffe. Der Kanton mit seinen begrenzten Ressourcen hätte nämlich nie solch intensive Untersuchungen zur Pestizidverschmutzung anstellen können, vor allem nicht über einen so langen Zeitraum.

Auswirkungen auf Organismen

Entscheidend für die Wasserqualität ist aber nicht nur die Anzahl der darin enthaltenen Stoffe, sondern vor allem deren Konzentration und die Dauer der Einwirkung. Da bei Dutzenden von Pestiziden die Grenzwerte überschritten wurden, folgern die Eawag-Forscher, dass «eine Beeinträchtigung der Organismen in den Gewässern nicht ausgeschlossen werden kann».

Laut Staufer seien damit Kleinstlebewesen wie Köcherfliegenlarven oder Bachflohkrebse gemeint. «Um diese sind wir am meisten besorgt, darum beobachten wir die Entwicklung mehrerer hundert Arten», so Staufer.

Mithilfe dieser lasse sich nämlich auch die Wasserqualität über längere Zeit kontrollieren. Juliane Hollender von der Eawag erklärt, dass auf Dauer empfindliche Insektenlarven aus belasteten Gewässern gar verschwinden könnten: «Die Biodiversität würde dadurch eingeschränkt.»

Für Menschen hingegen seien die Pestizide in den Flüssen wegen der so gesehen geringen Konzentrationen nicht bedenklich. «Wir erwarten beim Schwimmen und möglicher Aufnahme von wenigen Millilitern keine Auswirkungen», sagt Hollender.

Und auch das Grundwasser im Kanton Solothurn sei nicht gefährdet. «Den Grundwassermessstellen werden regelmässig Proben entnommen», so Philipp Staufer vom AfU. In den nördlichen Gebieten, wo ein erhöhtes Risiko bestehe, dass die Stoffe über die Karstquellen ins Trinkwasser gelangen, seien gewisse Pestizide zudem verboten.

Massnahmen auf nationaler Ebene

Eine weitere Erkenntnis der Studie ist, dass ein Grossteil der Belastung auf das Konto der Landwirtschaft geht: Rund drei Viertel der gefundenen Pestizide sind reine Pflanzenschutzmittel. Der Kanton Solothurn bemüht sich deshalb schon seit Jahren darum, den Landwirten einen vernünftigen Umgang mit Pestiziden zu vermitteln. Das beginnt bereits bei der Ausbildung. «Wir kooperieren mit dem Wallierhof und klinken uns bei bestimmten gewässerrelevanten Themen ein», sagt Staufer.

Weitere Massnahmen erfolgen auf nationaler Ebene. Ein Teil der Bestimmungen des neuen Gewässerschutzrechts des Bundes gibt vor, dass die Gewässerräume (Abstand zwischen Grün und Ackerland) vergrössert werden müssen. Laut Juliane Hollender treffen sich Mitarbeiter des Bundesamts für Landwirtschaft und des Bundesamts für Umwelt im April mit weiteren Akteuren, um Strategien zu diskutieren. Möglichkeiten sieht sie beispielsweise bei weiteren Einschränkungen der Zulassung von kritischen Stoffen und der weiteren Förderung der Landwirtschaft mit eingeschränktem oder gar keinem Pestizideinsatz.