Eminent wichtig, wenn man einem Kardinal begegnet: Mit «Eminenz» wird er angesprochen. Offenbar wichtig, ausser für Kardinal Kurt Koch selbst: Eminenz lächelt nur milde, als ihn ein Kirchgänger vor St. Ursen anspricht: «Wie muss ich Sie nun nennen, mon eminence?» Im Wirthensaal hat sich nach dem Showcase zum St.-Ursen-Tag alles beim Mittagessen versammelt, was in und rund um Solothurn katholisch ist. Nein, Kaffee trinke er nicht, «höchstens Tee». Eine Viertelstunde gibt uns der Kardinal und ehemalige Bischof des Bistums Basel. Zurückgekehrt für einen Tag. «Nein, ich habe die Kathedrale nach der Restaurierung nie mehr gesehen. Ich habe mich sehr über das Resultat gefreut. Insbesondere der neu gestaltete Chorraum hat mich beeindruckt.»

Im November sinds bereits vier Jahre her, seit ihn Papst Benedikt XVI. ins Kardinalkollegium aufgenommen hat. Damit ging er nach Rom und liess die Vergangenheit in Solothurn hinter sich zurück. Sie wird jetzt nur angetippt. «Geht es Ihnen gesundheitlich wieder gut?» Eminenz findet die Frage sichtlich deplatziert. «Ja. Aber das war damals nur ein halbes Jahr.» Noch in Solothurn, nach dem fünfjährigen Streit mit Pfarrer Franz Sabo, der erst 2008 beigelegt werden konnte. Wir rühren nicht in alten, wohl verwundenen Wunden. Die Gegenwart bringt grössere Konflikte, grösseres Leid.

Der Grund, warum Kardinal Kurt Koch so wenig Zeit hat und gleich nach der Vesper zu St. Ursen wieder nach Rom zurückkehren muss: Anderntags ist der Besuch des Patriarchen der Assyrischen Kirche des Ostens angesagt. «Er hat seinen Sitz in Los Angeles. Ursprünglich war er im Irak, ist aber schon lange in der Diaspora. Und die Mitglieder der Assyrischen Kirche sind auf die ganze Welt verstreut. Trotzdem haben sie Kontakt untereinander.» Mitten im Bienenhaus des Wirthensaals, vor dem Dessert, sind wir beim Thema angelangt, das den Kardinal derzeit intensiv beschäftigt – und berührt. Er, der zuständig ist für die ökumenischen Beziehungen des Vatikans zu den andern Kirchen, sieht sich konfrontiert mit einem eigentlichen Untergang der christlichen Kirchen im Nahen Osten. Soeben ist Kurt Koch zurückgekehrt aus einem Flüchtlingslager in Amman, der Hauptstadt von Jordanien. «Ein kleines Land, das bisher eine Million Flüchtlinge aufgenommen hat.» Der Kardinal aus Rom traf dort auf christliche Flüchtlinge aus Mossul im Nordirak, das im Sommer von den IS-Dschihadisten erobert worden war. «Die wahre Freude am Glauben sieht man bei jenen, die leiden. Es war sehr berührend, das zu sehen.»

Jetzt wird des Kardinals Predigt am Vormittag zu St. Ursen selbsterklärend. 80 Prozent aller Menschen, die wegen ihrer Religion verfolgt werden, seien Christen. Es habe in jüngster Zeit wohl mehr Märtyrer gegeben als im alten Rom während der Christenverfolgungen. «Die Leute wissen, dass sie nie mehr zurückkönnen. Sie haben in der bisherigen Heimat nur drei Alternativen: Muslime zu werden, hohe, besondere Steuern abzuliefern oder ihr Leben zu lassen. Deshalb bleibt ihnen nur die Flucht.» Und der Vatikan, mit ihm Kardinal Kurt Koch, was kann er tun? «Das Schlimmste ist für diese Leute, den Eindruck zu haben, sie gingen vergessen.» Denn alle wollten nur noch eines: in den sicheren Westen. Kurt Kochs Fazit: «Wir müssen deshalb auch dafür eintreten, dass unsere Flüchtlingspolitik überdacht wird.»

Bevor er für den Tagestrip nach Solothurn gereist ist, war Solothurn kurz bei ihm. Der Besuch der Singknaben der St.-Ursen-Kathedrale in Rom hat ihn «sehr gefreut.» Die Buben löcherten Eminenz auch mit durchaus heiklen Fragen. Ob er mit Papst Franziskus per Du sei, wollte Johann wissen. «Nein, bin ich nicht. Aber das ist gar nicht nötig. Die Begegnungen mit ihm sind so herzlich, dass es darauf gar nicht ankommt.» Auch zu Fragen der Ökumene sei Franziskus «sehr offen – wie übrigens alle Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil.» Nachhaken mit der ultimativen Frage des Singknaben Lukas: «Möchten Sie gerne Papst werden?» Der erst 64-jährige Kardinal, bei der Papstwahl 2013 im Konklave als «Neuling» dabei, zieht die Augenbrauen fast unmerklich höher: «Nein, auf keinen Fall!» Und fügt mit einem Schmunzeln an: «Es besteht auch keine Gefahr, wenn der Heilige Geist einen guten Geschmack hat.»

Das Klappern der Dessertlöffel im Saal nimmt ab. Der Tee ist kalt. Bald läuten die Glocken von St. Ursen zur Vesper mit der Reliquienverehrung von Urs und Viktor. Märtyrer, die noch immer Spuren in der Kleinstadt Solothurn hinterlassen. Eminenz wird das Gespräch bald beenden. «Ja, ich bin sehr viel unterwegs. Ökumenische Arbeit kann man nicht in Rom machen.» Nein, eine leichte Aufgabe habe er nicht. «Aber ich muss immer froh sein, dass das Glas halb voll ist und nicht halb leer», meint der Kardinal sinnend – mit einem Rundblick auf die langen Tische voller, auch leerer Gläser im Wirthensaal.