Spitäler

Patienten und Angehörige fühlen sich von Ärzten oft nicht verstanden

Ärzte sind oft ganz auf die Lösung schwieriger Probleme konzentriert. Die Information der Angehörigen kommt da manchmal zu kurz.

Ärzte sind oft ganz auf die Lösung schwieriger Probleme konzentriert. Die Information der Angehörigen kommt da manchmal zu kurz.

Gerade in Notfällen ist es wichtig, dass Patienten mit jemandem reden oder Angehörige sehen können. Ärzte sind aber oft zu überfordert, um diesen Wünschen nachzugehen.

Komplexe, lebensbedrohende medizinische Situationen bedeuten für die Ärzteschaft sowie Patienten und deren Angehörige eine riesige Herausforderung. Während die Mediziner vor der schwierigen Aufgabe stehen, Leben zu retten, fühlen sich die direkt Betroffenen hilflos, verunsichert – und manchmal auch von den Ärzten im Stich gelassen. Die Schilderungen von Urs Schwaller, der Ende September seine Frau in der Folge eines Hirnschlags verloren hat, nachdem sie im Solothurner Bürgerspital behandelt worden war (siehe gestrige Ausgabe), sind kein Einzelfall. Yvonne Blöchlinger von der Patientenstelle Aargau/Solothurn spricht vielmehr von einem «Klassiker».

«Das Spitalpersonal ist sich häufig zu wenig bewusst, was solche Situationen gerade für die Angehörigen bedeuten», hält Blöchlinger im Gespräch mit dieser Zeitung fest. «Während sich die Ärzte darauf konzentrieren, das medizinische Problem zu lösen, gehen die Angehörigen ganz vergessen.» Die rein medizinische Versorgung sei aber immer nur ein Teil der ärztlichen Aufgabe, betont die Frau von der Patientenstelle. Oft brauche es dabei gar nicht viel, um die Angehörigen mit ins Boot zu holen. «Die Ärzte müssen ihnen vor allem glaubhaft versichern können, dass sie alles tun, um eine Lösung zu finden.»

«Eine grosse Dunkelziffer»

Rund die Hälfte der Meldungen an die Patientenstelle Aargau/Solothurn betreffe denn auch Kommunikationsprobleme, beobachtet Yvonne Blöchlinger. «Patienten und Angehörige fühlen sich von der Ärzteschaft oft nicht verstanden.» Bei den übrigen Meldungen stehe die Unzufriedenheit mit der medizinischen Behandlung im Zentrum. «Das Resultat entspricht nicht den Erwartungen und die Betroffenen vermuten deshalb eine Unterlassung oder eine Fehlbehandlung.» Manchmal treffe auch beides zu. Im vergangenen Jahr sind bei der Patientenstelle Aargau/Solothurn insgesamt 500 Anfragen eingegangen, davon stammten rund 100 Meldungen aus dem Kanton Solothurn. Die Anfragen verteilen sich in beiden Kantonen je zur Hälfte auf den Spitalbereich und die ambulant tätigen Ärzte. Die Zahl der effektiv Unzufriedenen liegt allerdings noch um einiges höher. Blöchlinger: «Wir gehen von einer grossen Dunkelziffer aus. Diese Personen melden sich nicht bei uns, sondern machen einfach die Faust im Sack.»

Daraus dürfe man aber keine falschen Schlussfolgerungen ziehen. «Unser Gesundheitssystem ist sehr gut», so die Überzeugung der Patientenvertreterin. Das Hauptproblem erkennt Blöchlinger in der mangelhaften Verständigung – auch dann, wenn Betroffene Behandlungsfehler monieren. Im Spitalbereich bestehe, so Blöchlinger, der Verbesserungsbedarf vor allem bei Notfällen. «In einer solch unerwarteten und bedrohlichen Situation brauchen Patienten und ihre Angehörigen besonders viel Aufmerksamkeit und Informationen.» Erschwerend komme hinzu, dass die Wahrnehmung der Betroffenen unter Stress oft eingeschränkt ist. Massiv verbessert habe sich indes in den vergangenen Jahren die Information vor Wahleingriffen. Eine grosse Herausforderung bedeute die Kommunikation auch bei den ambulant tätigen Ärzten. Das Hauptproblem ortet die Patientenvertreterin hier in der Tarifstruktur Tarmed, die die Ärztinnen und Ärzte in ein äusserst enges finanzielles Korsett zwingt.

Viele Fälle am Telefon erledigt

Von den rund 500 Personen, die sich letztes Jahr bei der Patientenstelle Aargau/Solothurn gemeldet haben, wurde rund ein Fünftel zu einem Beratungsgespräch eingeladen. Bei all den anderen konnten die Fragen und Probleme am Telefon erörtert werden. Blöchlinger: «Wir ermutigen die Betroffenen jeweils, sich direkt mit den Ärzten in Verbindung zu setzen.» Von den rund 100 Fällen, bei denen es auf der Patientenstelle zu einem Beratungsgespräch kommt, werden rund zwei Drittel weiterverfolgt. Neben konkreten finanziellen Forderungen wegen vermuteter Behandlungsfehler geht es auch hier oft um Probleme im «emotionalen» Bereich.

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