Schulversuch
Passerelle ermöglicht Solothurner Lehrlingen den Sprung zum Akademiker

Im nächsten Schuljahr wird der Kanton Solothurn erstmals einen Passerellen-Lehrgang anbieten. Diesen soll Berufsmaturanden auf die Universität vorbereiten.

Sven Altermatt
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Die Passerelle führt in den Hörsaal, fordert Schüler aber stark.

Die Passerelle führt in den Hörsaal, fordert Schüler aber stark.

KEYSTONE

Das Uni-Studium lockt, doch die Hochschulreife fehlt? Wer das Gymnasium nun für den einzigen Weg dahin hält, liegt falsch. Viele Wege führen an die Universität – und ein weiterer kommt ab August 2015 dazu. Steinig und holprig wird er sein, aber die Strapazen sollten sich lohnen. Im nächsten Schuljahr wird die Kantonsschule Solothurn erstmals einen Passerellen-Lehrgang anbieten. am Dienstag hat die Regierung einen vierjährigen Schulversuch genehmigt.

Ein Studium an einer Fachhochschule steht Berufsmaturanden ohnehin offen. Die Passerelle jedoch ermöglicht ihnen zusätzlich den Übertritt an Schweizer Universitäten und an die ETH. Bislang mussten Solothurner Absolventen nach Aarau, Bern oder Basel fahren, um sich auf die Passerelle vorzubereiten. «Bald finden sie an der Kanti Solothurn ein optimales Angebot», sagt Liliane Buchmeier, Abteilungsleiterin Mittelschulen beim Bildungsdepartement. Während der Versuchsphase bleibt der Lehrgang auf eine Klasse beschränkt. Buchmeier rechnet damit, dass sich 20 bis 25 Schüler anmelden werden. Für Ausbildung und Unterrichtsmaterial werden sie jeweils 2000 Franken hinblättern müssen.

Nicht nur das Gymi führt an die Universität

Gymnasiale Matur

Nach bestandener Matur können alle Hochschulen und Universitäten besucht werden. Die gymnasiale Matur berechtigt zum prüfungsfreien Übertritt. Ausgenommen sind Studienfächer mit Numerus clausus. 2146 Mittelschüler erfasste die Solothurner Bildungsstatistik im vergangenen Jahr. Die gymnasiale Maturitätsquote im Kanton Solothurn beträgt 14,1 Prozent. Der gesamtschweizerische Schnitt liegt bei knapp 20 Prozent. In der Deutschschweiz sind die Quoten eher tief, auch weil die Berufslehre hier einen anderen Stellenwert geniesst als in der lateinischen Schweiz. Am wenigsten Maturanden gibt es im Kanton Glarus. Nur gerade 11 Prozent der 19-Jährigen haben eine Matur in der Tasche.

Berufsmatur mit Passerelle

Dank der Passerelle haben Berufsmaturanden ebenfalls Zugang zu den Universitäten und zur ETH. In manchen Kantonen ist für die Zulassung zum Lehrgang ein Notendurchschnitt von 5,0 oder höher erforderlich. Im Kanton Solothurn wird das jedoch nicht der Fall sein (siehe Artikel links). Bei Jugendlichen hat sich die Mitte der 1990er-Jahre geschaffene Berufsmatur als Alternative zum gymnasialen Weg etabliert. Sie kann lehrbegleitend oder nach der Lehre erworben werden. Der Abschluss berechtigt zur Fachhochschulreife. Für ein berufsfernes Studium wird oft ein Praktikumsjahr verlangt. Mit einer Berufsmaturitätsquote von 13,5 Prozent liegt Solothurn derzeit ungefähr im Schweizer Durchschnitt.

Ohne Matur

Das Bildungssystem ist durchlässiger geworden: An einigen Universitäten ist ein Studium auch ohne Matur möglich. Die Universität Freiburg etwa nimmt Berufsleute auf, wenn sie älter als dreissig sind und eine Prüfung bestehen. In der Romandie hat die Zulassung ohne Matur eine lange Tradition. Je nach Universität oder Fakultät sind die Zulassungsverfahren unterschiedlich. Einheitliche Regelungen gibt es nicht. Manche Unis setzen auf Eignungsgespräche, andere auf Aufnahmeprüfungen. Diese sind anspruchsvoll und erfordern viel Vorbereitung. So müssen an der Universität Bern gleich zwei Prüfungen abgelegt werden. In seltenen Fällen ist auch eine Aufnahme
«sur dossier» möglich. (sva)

Eine neue Rolle für Lehrer

In politischen Debatten steht die Berufsbildung wieder einmal auf dem Prüfstand. Da ist die Passerelle ein willkommenes Beispiel für die hohe Durchlässigkeit des Schweizer Systems. Schliesslich öffnet sie Berufsleuten den Zugang zur akademischen Laufbahn. Die Initiative sei denn auch von den Berufsschulen ergriffen worden, sagt Kanti-Rektor Stefan Zumbrunn. «Und damit haben sie bei uns offene Türen eingerannt.» Die Zusammenarbeit mit den Berufsmatur-Abteilungen ist für ihn zentral: «Denn der Lehrgang muss sich ja auf allen Ebenen etablieren.»

Die Passerelle beruht ursprünglich auf einem Konzept der Maturitätsschulen für Erwachsene. Seit 2004 ist eine entsprechende Verordnung des Bundesrates in Kraft. In einem halben Dutzend Kantonen werden heute Lehrgänge angeboten; Solothurn kann also von langjährigen Erfahrungen profitieren.

In ein gemachtes Nest wird sich die Kantonsschule trotzdem nicht setzen können. Das Gymnasium betritt mit der Passerelle nämlich pädagogisches Neuland. Anders als bei der gymnasialen Matur sei die Rolle des Lehrers eher als Coach zu verstehen. Vom Stoffvermittler zum Lernbegleiter? Es gehe darum, ergänzt Zumbrunn, «die für ein Studium notwendigen Qualitäten zu vermitteln». Eine Affinität für die Berufsbildung sei unerlässlich. Deshalb sollen bei der Passerelle vor allem Lehrer unterrichten, die Erfahrung auf Stufe Berufsmaturität mitbringen.

Der Passerellen-Lehrgang dauert ein Jahr und umfasst lediglich 14 Wochenstunden. Für die Schüler heisst das vor allem eines: Mehr als die Hälfte des Stoffes müssen sie im Selbststudium erarbeiten. Wöchentlich ist so insgesamt mit rund 40 Stunden Aufwand zu rechnen – ein stressiges Pensum.

«Selbstständigkeit gefordert»

Gefragt ist nebst Disziplin auch Offenheit für Bildung und Hunger nach Neuem. Dafür bietet die Passerelle einen Zeitvorteil, sozusagen eine Abkürzung für leistungsfähige Berufsmaturanden. Im Unterschied zur gymnasialen Matur umfasst die Ergänzungsprüfung der Passerelle nur fünf Fächer: Deutsch, Englisch oder Französisch, Mathematik, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften. Erfahrungsnoten gibt es keine. Und rechtlich stellt die bestandene Ergänzungsprüfung kein Maturitätszeugnis dar. Zusammen mit der Berufsmatur bietet sie aber Zugang zur Universität, und zwar ohne weitere Einschränkungen.

Aus Gesprächen mit Paserellen-Absolventen weiss Stefan Zumbrunn: «Die Breite des Lehrgangs ist mit der gymnasialen Matur nicht ganz zu vergleichen.» Dafür sei von Absolventen der Passerelle deutlich mehr Selbstständigkeit gefordert. An der Kantonsschule habe man zudem den Vorteil, dass die Ergänzungsprüfung vor Ort abgelegt werden könne.

Kanti will keine Mindestnoten

Geht es nach dem Konzept Solothurns, kann jeder Berufsmaturand prüfungsfrei in die Passerelle eintreten. In manchen Kantonen ist dafür ein Notendurchschnitt von 5,0 oder höher erforderlich. Solche Einschränkungen betrachtet Zumbrunn kritisch: «Wir wollen uns nicht an einer Note festnageln.» Lieber vertraue man auf die Selbsteinschätzung eines Schülers. Die Hürde ist so oder so hoch, gerade weil zwischen Berufsmatur und Uni nur ein Jahr liegt.

Erfahrungen anderer Kantone zeigen, dass zwei Drittel der Absolventen die Passerelle bestehen. Und eine Studie der ETH beweist, dass diese den Vergleich mit gymnasialen Maturanden keinesfalls scheuen müssen: Im Studium sind sie ebenso erfolgreich.

«Mit Kopf, Herz und Hand» – findet Pestalozzis Diktum mit der Passerelle etwa zur Vollendung?

Hier gehts zu einem Portrait einer Solothurnerin, die durch die Passerelle den Sprung an die Uni geschafft hat.