Am vergangenen Sonntagnachmittag lag er auf dem Boden in der St.-Ursen-Kathedrale. Pascal Eng dachte an die Verwandten und Freunde, die hinter ihm in der Kathedrale versammelt waren, er dachte an Verstorbene, die ihm nahe standen. «Es war ein sehr dichter Moment», erzählt er über den Moment, als ihn Bischof Felix Gmür zum Priester weihte. «Erst jetzt realisiere ich langsam, was geschehen ist.»

Eng sitzt in einem Solothurner Strassencafé mit Blick auf die imposante Kathedrale. Der 31-Jährige trägt Poloshirt und Sakko, Dreitagebart und eine schwarze Hornbrille. Er könnte auch Lehrer an einem Zürcher Gymnasium sein. Nur die Taube am Revers erinnert daran, dass der junge Mann einen Beruf gewählt hat, der heute aussergewöhnlich ist: Eng ist überhaupt der einzige Priester, der dieses Jahr im Bistum Basel geweiht wird.

Aufgewachsen ist er auf einem Bauernhof in Niedergösgen. «Meine Familie war nicht besonders religiös», erzählt er. Er wurde Ministrant und übernahm in der Pfarrei immer mehr Verantwortung. Seine Priesterwerdung: «Es war ein Hineinwachsen mit vielen kleinen Schritten. Ein innerer Prozess», den er zuerst nicht habe wahrhaben wollen. Nach dem Gymnasium wählte er den Weg Richtung Lehramt, studierte Geografie, fand aber nicht, was ihn glücklich machte. «Dies suchte ich anderswo.» Er wechselte zur Religionspädagogik, arbeitete in der kirchlichen Jugendarbeit und nahm dann doch das Theologie-Studium in Angriff.

Die Kirche als moralische Instanz? «Haben wir auch selbst verspielt»

Warum wählt heute jemand eine Lebensform, die das Leben im Zölibat in einer Kirche, die nach Skandalen um Glaubwürdigkeit ringt, die sich beim Umgang mit Homosexuellen schwertut, die bei der Gleichberechtigung von Frauen nachhinkt? Pascal Eng blickt auf den Tisch. «Wie kannst Du für eine Kirche arbeiten, die solches zulässt?» Dies sei er nach Skandalen immer wieder gefragt worden. Ihm ist klar: Als moralische Instanz solle sich die Kirche nicht gebärden. «Dies haben wir auch selbst verspielt.» Für den jungen Priester gibt es nur eine Lösung: Die Kirche muss mit glaubwürdigen Leuten vorangehen und so ihre Werte vorleben.

Man kann mit Pascal Eng über die Rolle von Frauen reden, über den Zölibat. Das Weltbild des 31-Jährigen wirkt gar nicht konservativ, sondern so aufgeklärt, wie es auch das des Zürcher Gymnasiallehrers wäre. Es brauche Leute, die in der Kirche für Veränderungen kämpfen, sagt er. Es werde im Bistum auch getan, was möglich sei. «Das Bistum hat Frauen in hohen Führungspositionen.» Aber zu fordern, was man nicht entscheiden könne, könne auch frustrierend sein. «Man kann nicht sofort etwas ändern. Es braucht Geduld, auch wenn es schwerfällt.»

Pascal Eng redet beim Kaffee druckreife Sätze über diese Fragen. Er hat sie nicht auswendig gelernt. Man merkt: Er hat diese Fragen nicht nur oft gehört. Er hat sich selbst lange mit diesen Fragen beschäftigt. Er hat sich für seinen Weg entschieden, im Wissen darum, dass er gewisse Dinge nicht ändern kann, dass sie aber vielleicht mal ändern. Eng erzählt vom Priesterseminar in Frankfurt am Main – «das stärkste und intensivste Jahr». Höchstens ein Drittel der Anwärter wird am Ende dann auch Priester. «Das Seminar ist dafür da. Es ist überhaupt nicht negativ, wenn jemand aufhört.» Bei ihm sei es ja auch ein Hineinwachsen gewesen, mit vielen Schritten. «Willst Du dir das wirklich antun mit den alternden Gemeinden?», ist er auch innerhalb der Kirche gefragt worden. Und er hat sich alle diese Fragen auch gestellt, auch bezüglich des Zölibats. «Ich musste herausfinden, ob ich damit leben kann. Für mich war aber klar: Wenn ich mich entscheide, dann für alles.» Inzwischen ist er überzeugt: «Den Priesterdienst kann man leben und glücklich sein.» Wer aber alleine lebe, der müsse sich halt ein gutes Netzwerk an Freunden aufbauen.

Von der Taufe bis zur Beerdigung: Was das Leben ausmacht

Trotzdem, ob das Zölibat Pflicht für alle Priester sein muss, darüber lässt sich auch mit Pascal Eng reden. «Ich bin sehr offen, aber ich kann nicht entscheiden», sagt er. Überzeugt aber ist Pascal Eng, dass wer Priester werden will, sich von der Gesellschaft durch eine besondere Lebensweise abheben muss, sei es durch das zölibatäre Leben, sei es durch ein Leben in Armut oder unter Gehorsam. «Völlig angeglichen an die Gesellschaft zu leben, wäre nicht richtig.» Wäre die Kirche genau gleich wie die Gesellschaft, würde dies ihr Tun relativieren. Er versteht die Kirche auch als Stachel im Fleisch. Sie soll Gerechtigkeit und Solidarität beispielhaft vorleben. Sie soll Verantwortung für Schwache übernehmen und bewusst machen, dass auch Schwächen zum Menschen gehören, dass «es mehr als Leistung und Erfolgsstreben» gibt.

Derzeit arbeitet Pascal Eng in Schaffhausen. Der Job als Seelsorger gefällt ihm. «Man ist extrem stark am Puls des Lebens.» Von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung begleitet er Menschen durch das Leben und an Wendepunkten ihres Lebens. Und immer ist er den Leuten nahe. «Man begegnet ihnen auf einer ganz anderen Ebene als sonst, weil man nach einer tieferen Bedeutung fragt. Man kommt zum Punkt, an dem man fragt: Was macht das Leben aus?»