«Monströs! Mister Jekyll und Mister Hyde! Wenn Sie in den Spiegel schauen, fragen Sie sich da nicht, ob das wirklich Sie sind?» fuhr Amtsgerichtspräsident Pierino Orfei dem Angeklagten über den Mund. Der unscheinbare, unauffällig gekleidete Mann mit kurzem dunklem Haar sank während der Verhandlung am Amtsgericht zusehends in sich zusammen. Der Amtsgerichtspräsident, aber viel mehr noch seine eigene Tat machten ihn sichtlich fertig.

Der 33-jährige ehemalige Polizist wird beschuldigt, am Abend des 3. November 2014 ein 9-jähriges Mädchen in Winznau zu sexuellen Handlungen genötigt zu haben. Des Weiteren hatte er Videos und Bilder mit kinder- und gewaltpornografischem Inhalt auf seinem Computer gespeichert. Der Mann, der in den Einvernahmen Gedächtnislücken geltend gemacht hatte, gestand an der Verhandlung unter Tränen sämtliche Anklagepunkte ein.

Weil sich der in der Region wohnhafte Angeklagte an jenem 3. November 2014 zu Hause nicht wohlfühlte, schluckte er zwei Pillen LSD, stieg in sein Auto und fuhr stundenlang in der Gegend herum. Er fing an, seine gesamte, zu jener Zeit schwierige Lebenssituation zu hinterfragen. Und kam zum Schluss, dass für ihn momentan nichts mehr Sinn ergebe.

Wunschtraum platzte

Zwei Jahre davor: Nach einer Umschulung zum Polizisten und zwei Jahren Tätigkeit bei einem Polizeikorps hatte der gelernte Chemikant 2012 den Polizistenberuf frustriert wieder an den Nagel gehängt. Er hatte erkennen müssen, dass er als Ordnungshüter mehr Bussen zu verteilen hatte, als dass er tatsächlich Menschen helfen konnte. Im selben Jahr begann er, exzessiv Pornografie zu konsumieren, darunter auch Kinderpornografie. Er bestätigte vor Gericht, dass er ein Suchtverhalten entwickelt hatte.

Am Tag der Tat kamen nun verschiedene Faktoren zusammen: Frust über den aufgegebenen Wunschberuf, Enttäuschung über eine nicht zustande gekommene Beziehung, Überforderung im neuen Job. Seine Perspektivlosigkeit pflanzte in ihm den Gedanken ein, dass nun nichts mehr eine Rolle spielte.

Im Auto fuhr er abends durch Winznau und gegen 19 Uhr in Richtung des Schulhauses. «Da fing sich der Film in meinem Kopf an abzuspielen», gestand er. Auf dem spärlich beleuchteten Fussweg zur Schule sprach er ein neunjähriges Mädchen an. Mit einer Soft Gun bedrohte er sie. Er drängte sie in eine bewaldete Böschung und befahl ihr, nicht zu schreien: «Lauf nicht weg, ich will dich nicht erschiessen, solange du tust, was ich sage.» Darauf forderte er sie unter Vorhalten des Waffenimitats auf, ihn auf den Mund zu küssen. Er entblösste sein Geschlechtsteil und zwang sie, dieses mit der Hand und dem Mund zu berühren.

Das Opfer war an der Verhandlung nicht anwesend und wurde durch seinen Vater vertreten. Der Staatsanwalt forderte 4 1/2 Jahre Freiheitsstrafe und eine ambulante therapeutische Massnahme. Der Verteidiger des Angeklagten meinte indes, dieser habe eine zweite Chance verdient.

Er sei vor der Tat nie negativ aufgefallen, ausserdem habe er die Tat weder besonders skrupellos noch brutal ausgeführt. Der Verteidiger hielt eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten für angemessen.

Das Amtsgericht wird sein Urteil am 12. Dezember verkünden.