Amtsgericht
Pädophiler muss sich wegen sexueller Handlung mit Kind verantworten — Verfahrensdauer wird scharf kritisiert

Ein 38-jähriger Pädophiler muss sich vor Amtsgericht Solothurn-Lebern unter anderem wegen sexueller Handlungen mit einem Kind verantworten. Der Verteidiger kritisierte die lange Verfahrensdauer scharf.

Hans Peter Schläfli
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Der 38-jährige Mann soll ein viereinhalbjähriges Mädchen missbraucht haben. (Symbolbild)

Der 38-jährige Mann soll ein viereinhalbjähriges Mädchen missbraucht haben. (Symbolbild)

Der pädophiler Schweizer wurde bereits 2010 wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt. Nun muss er sich vor Amtsgericht Solothurn-Lebern wegen sexueller Handlungen mit einem Kind verantworten.

Verhaftet wurde der heute 38-jährige Mann 2017, nachdem er unter dem Pseudonym Traube in einem einschlägigen Sex-Chat den Kontakt zu einem Mädchen namens Linda14 aufgenommen hatte. Obwohl dieses angebliche Mädchen sein Alter mit 14 Jahren angab und behauptete, es werde sein «erstes Mal» sein, wollte sich «Traube» mit ihm auf dem Hauptbahnhof in Zürich verabreden. Dort wurde er aber von der Kantonspolizei Zürich erwartet, die im Chat – ohne eigentlichen Tatverdacht – einen Köder ausgelegt hatte.

Das schwerste Delikt, die sexuellen Handlungen mit einem Kind, passierte im Oktober 2016. Seine Ehefrau hütete damals ein Kleinkind und liess dieses mit «Traube» alleine. «Ihre Rolle ist nicht über jeden Zweifel erhaben», sagte Staatsanwalt Pascal Flückiger zum Tun und Lassen der Ehefrau. Diese hatte nämlich 2012 «Traube» angezeigt, weil sie Kinderpornografie auf dem Computer gefunden hatte – ihn danach aber trotzdem geheiratet und sogar eine Familie gründet.

Das Geständnis plötzlich widerrufen

Noch am Abend des Missbrauchs erzählte das viereinhalbjährige Mädchen seinem Grossvater, dass ihm «Traube» mit dem Finger zwischen den Beinen weh gemacht habe. Vor Gericht stritt der Angeklagte aber alles ab, was sogar seinen Verteidiger überraschte. «Sie haben in diversen Einvernahmen mehrfach zugegeben, dass sie das Mädchen berührt und den Finger in seine Vagina eingeführt haben», konfrontierte ihn Amtsgerichtsstatthalterin Raphaela Schumacher mit der eindeutigen Aktenlage. Daraufhin verstrickte sich «Traube» in ein abstruses Lügenkonstrukt. So abstrus, dass Anwalt Alexander Kunz im Plädoyer gar nicht darauf einging. «Mein Mandant wehrt sich nicht gegen eine Verurteilung in diesem Anklagepunkt», sagte der Verteidiger dazu.

Den zweiten Anklagepunkt liess Kunz aber nicht gelten: «An diesem Chat dürfen sich nur Erwachsene beteiligen. Mein Mandant hoffte, eine erwachsene Frau zu treffen.» Zudem sei die verdeckte Ermittlung durch die Kantonspolizei Zürich rechtlich nicht verwertbar. Der Staatsanwalt war anderer Meinung. «Mit der Tatsache, dass sich der Angeklagte nach Zürich begab, zeigt auf, dass er sich zur Tat entschlossen hatte. Die Rückfallgefahr ist besorgniserregend. Die Notwendigkeit einer stationären Massnahme in einer geeigneten psychiatrischen Institution ist offensichtlich.» Der Staatsanwalt forderte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren.

Gefängnisvollzug statt geeignete Therapie

«Dieses Verfahren hat unglaubliche Irrungen und Wirrungen durchgemacht», legte Verteidiger Alexander Kunz den Finger in die offene Wunde des Solothurner Justizapparats, dessen langsamer Gang mit besorgniserregender Regelmässigkeit zu reden gibt. Mehrere Punkte der Anklageschrift, wie der Besitz von Kinderpornografie, liegen nun fast neun Jahre zurück. Sie mussten gestrichen werden, weil die Verjährungsfrist für diese weniger schwere Delikte nur sieben Jahre beträgt.

Plötzlich wandelte der Geist einer ehemaligen Solothurner Staatsanwältin durch den Gerichtssaal: Sie hatte einst die Sistierung des Verfahrens wegen einer parallel verlaufenden Untersuchung in Biel verfügt. Eine Tatsache, die der Verteidiger als «Widersinnige, prozessuale Fehlleistung» bezeichnete, die durch das Obergericht 2014 wieder rückgängig gemacht worden ist.

Wertvolle Zeit sei so verloren worden. «Seit dreieinhalb Jahren befindet sich mein Mandant im vorzeitigen Massnahmenvollzug. Aus einer zeitlich befristeten Unterbringung ist ein schier endloser, ungeeigneter Gefängnisvollzug geworden. Längst hätte eine Überführung in eine geeignete Therapie in einem offeneren Setting erfolgen müssen.»

Zudem wurde die erste Anklageschrift im August 2019 durch das Gericht zur Konkretisierung und Überarbeitung zurückgewiesen – seither sind weitere 16 Monate verstrichen. «Alle diese Unzulänglichkeiten müssen sich für den Angeklagten strafmildernd auswirken», sagte der Verteidiger. Er forderte eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten und eine ambulante Massnahme.

Die öffentliche Urteilsverkündung findet am Mittwoch, 11 Uhr, im Obergerichtssaal statt.